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Titelthema

Man stelle sich vor: Der Leiter des SZ-

Investigativressorts, Hans Leyendecker,

säße imGefängnis,morgenwürde vielleicht

die ARD-Journalistin Anne Will in den

Knast gesteckt, übermorgen»Monitor«-Chef

GeorgRestle und soweiter und so fort. Alles

nur, weil sie etwas gesagt oder geschrieben

haben, das derKanzlerinnicht gefällt. Inder

Türkei ist dieses absurde Szenario Realität.

Mehr als 140 Journalistinnen und Journa-

listen seien im Zuge der „Säuberungen“

Recep Tayyip Erdoğans verhaftet worden,

berichtetKürşatAkyol. Etwa 170 regierungs-

kritische Zeitungen, Fernseh- oder Radio-

stationen undHunderteWebsites seien auf

Betreiben vonPräsident Erdoğanund seiner

AKP-Regierung verboten worden.

Alle Beiträge online und zweisprachig

Seit 28 Jahren arbeitet Akyol als Jour-

nalist, war an zahlreichenKriegsschauplät-

zen und in vielen Krisengebieten dieser

Welt. „Ich hatte eigentlich schon geglaubt,

das Staunen verlernt zu haben“, sagt er,

„aber die türkischen Zustände belehren

mich eines Besseren.“ Für »Türkei unzen-

siert« erzählt er davon, was es bedeutet,

wenn mehr als Hunderttausend von heute

auf morgen aus dem Staatsdienst, dem Bil-

dungs- und Gesundheitswesen oder den

Medien entlassenwerden – für die Existenz

dieserMenschen, aber auch für dasGemein-

wohl in diesem Land.

In seiner Karriere hat Akyol für die

meisten türkischen

Zeitungen gearbeitet.

Inzwischen beschäf-

tigen ihn nur noch

ausländische Medien,

unter anderemBBCund

WDR. „Es gibt vielleicht

noch drei Zeitungen in

der Türkei, die man als

unabhängig bezeichnen kann“, sagt Ayça

Tolun. Im September wechselte die Leite-

rin der türkischen Redaktion von COSMO

(ehemals Funkhaus Europa) zumStory- und

Recherchepool des WDR-Hörfunks. Die

Verantwortliche dort, die stellvertretende

Chefredakteurin Helga Schmidt, berich-

tet: „Wir wollten unabhängigen türkischen

Journalisten ihre Stimme zurückgeben

und haben sie gebeten, uns zu erzählen,

was sie in der Türkei nicht veröffentlichen

können.“

„Es gibt vielleicht noch drei

Zeitungen in der Türkei,

die man als unabhängig

bezeichnen kann.“

Ayça Tolun

Akyol und vier weitere türkische Kol-

legInnen begannen, regelmäßig mit dem

Handy aufzunehmen, was sie in ihrer Hei-

mat nichtmehr sagendürfen, und schickten

ihre Berichte dem WDR. Die Journalistin

undÜbersetzerinDilekZaptçioğluübertrug

die Texte ins Deutsche. Die Hörspielredak-

tion des WDR setzte das Material unter

der Regie von Susanne Krings fürs Radio

in Szene. „Uns war wichtig, soviel türki-

schen Originalton wie möglich neben dem

einfühlsamgesprochenendeutschenVoice-

over hörbar werden zu lassen“, sagt Hör-

spiel-ChefinMartinaMüller-Wallraf. Ausge-

wählte Stücke türkischerMusiker schlagen

dabei die Brücke zwischen den Welten.

Aktualität mit hohen Produktionsmaßstä-

ben zu verbinden, sei sehr anspruchsvoll

gewesen: „Das hat toll geklappt. Das Team

war begeistert vom Inhalt, sehr flexibel und

ambitioniert.“

Die Resonanz im WDR auf »Türkei

unzensiert« sei einfach „großartig“ gewe-

sen, berichtetHelga Schmidt: „Die aktuellen

Programme der Wellen haben immer wie-

der Platz geschaffen für Live-Gespräche und

Reportagen. So konntenwir zusätzlich zum

Hörspielpublikum von WDR 3 ein großes

Publikum erreichen.“

Alle Beiträge sind online nachzuhören

sowie in deutscher und türkischer Sprache

nachzulesen. Hintergrundbeiträge zur Ent-

wicklung der türkischen Gesellschaft, zur

Rolle des Islam und zum System Erdoğan

ergänzen die Radiotagebücher.

Auch Can Dündar beteiligte sich an

dem Projekt. Der derzeit wohl bekannteste

türkische Journalist beschreibt unter ande-

rem, wie Erdoğan bereits vor Verhängung

des Ausnahmezustands nahezu alleMedien

seines Landes unter seinen Einfluss stellte

(siehe Seite 14). Der ehemalige Chefredak-

teur der Tageszeitung „Cumhuriyet“ verlor

seinen Job und saß drei Monate in Untersu-

chungshaft, weil er über türkische Waffen-

lieferungen an Islamisten in Syrien schrieb.

Nun lebt er imExil inBerlin. Seine Frau sitzt

in der Türkei fest, weil die Regierung ihren

Pass beschlagnahmte. Kein Einzelfall: Viele

TürkInnen können in ihrer Heimat weder

ihren Lebensunterhalt bestreiten, noch ist