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Titelthema

leiterin Julia Lüke. Bis zum Start der

Produktion am 15. März hatte die Projekt-

Redaktion für rund 950 Kandidatinnen

und Kandidaten die Termine gemacht.

Die Teams vor Ort drehen bis zu acht Tage

am Stück: in elf NRW-Studios sowie drei

Regionalbüros des WDR und im Land-

tag – eine technische und logistische

Herausforderung für die Produktion und

ein Interview-Marathon für die

Redaktionen.

Für alle dasselbe Prozedere

Jan Niklas Scheifers, stu-

dentische Hilfskraft im Studio

Wuppertal, holt die Kandidaten

im Foyer ab und begleitet sie

bis zu ihrem Einsatzort. Dort

werden sie auf einen Stuhl vor

einer stilisierten Ansicht des

Landtags gesetzt. Während Kameramann

Martin Robertz Licht, Bildausschnitt und

Lautstärke checkt – schließlich muss das

bei allen Videos identisch sein – erklärt

der Interviewer Johannes Rasch sein Vor-

gehen: „Wir werden die Aufnahme nur

im äußersten Notfall abbrechen und neu

beginnen – etwa wenn die Technik versagt

oder gesundheitliche Probleme eintreten.

Alle Videos werden in einemTake gedreht,

es gibt keine Schnitte. Ichwerde die Fragen

nur vorlesen und nicht nachhaken.“

Keine Zeit mehr fürs Lieblingsthema

Die 49-jährige Sozialarbeiterin schlägt

sich gut, antwortet deutlich, nicht zu

kurz, nicht zu lang und nicht zu schnell

auf jede Frage. Die großen Sportvereine

sollten ihrer Meinung nach selbst für die

Security sorgen, um die Polizei zu entlas-

ten. Sie wünscht sich, dass Schulessen,

Kinderbetreuung und öffentliche Ver-

kehrsmittel kostenlos werden. Obergren-

zen für Asyl hält sie für absurd. Robertz

hebt den Arm, und Scheifers macht mit

der Hand eine schneidende Bewegung

vor dem Hals – für Rasch das Zeichen:

Es bleibt keine Zeit mehr für eine weitere

Frage. 14 hat sie geschafft. „Schade“, sagt

sie, als die Kamera aus ist, „ich wollte doch

noch die Frage nach dembedingungslosen

Grundeinkommen beantworten. Das ist

mein Lieblingsthema.“ Dass sie sich einmal

verhaspelt hat, findet sie nicht so tragisch.

Der nächste Kandidat setzt weniger

auf Spontaneität, er hat sich gewissenhaft

vorbereitet. Trotzdemwill er seinen Spick-

zettel in der Hand behalten. Robertz redet

es ihm aus. Die Gefahr, dass es raschelt,

sei zu groß, außerdem wirke es unsicher:

„Sie tun sich damit selbst keinenGefallen.“

Im Vergleich zu seiner Vorgängerin ist der

54-jährige Diplom-Kaufmann ein politi-

scher Newcomer. Vom äußeren Erschei-

nungsbild und Alter her würde man ihn

eher einer der großen Volksparteien zuord-

nen. Doch er gehört den Piraten an, einer

Partei, die es in Deutschland noch nicht so

lange gibt und derenMitglieder imDurch-

schnitt wesentlich jünger sind als er.

„Es ist wirklich beeindruckend, diese

unterschiedlichenCharaktere zu treffenund

zu sehen, mit wie viel Engagement sie alle

bei der Sache sind“, rekapituliert Redakteur

Klaus Leymann den sich zum Ende neigen-

den ersten Drehtag. Sechs weitere liegen

noch vor dem Team, das Wochenende wird

durchgearbeitet. Pro Standort sollen drei

Kandidatenpro Stunde undbis zu21 proTag

aufgenommen werden. In der Nachbearbei-

tungwird jedesVideomit Vor- undAbspann

versehen. AlleBeiträgewerdendanachunter-

titelt, damit auch gehörlose und hörgeschä-

digte Menschen sich informieren können.

Außerdem ist damit das stumme Abspielen

Ihre Wahl – Der WDR

Kandidatencheck

ab Mitte April unter:

kandidatencheck.wdr.de

Hintergründe zum Projekt im Blog

blog.wdr.de/ihrewahl

#Ihre Wahl

der Videos bei mobilemAufruf möglich.

Mitte April, vier Wochen vor der

Wahl, soll der »WDR-Kandidatencheck«

online sein. Per Suche über Wahlkreis,

Namen, Partei oder Listen können die Nut-

zer dann nach „ihrem“ Kandidaten suchen,

seine Aussagen vergleichen und sich eine

Meinung über ihn bilden. „Das gab’s noch

nie. Wir nennen das ,Demokratie imDigi-

talzeitalter‘“, sagt Julia Lüke.

Fast alle Kandidaten sehen

das Projekt als einmaligeChance,

sich ihrenWählern vorzustellen.

Und fast alle nutzen sie. Ledig-

lich die Partei AfD hat ihren

Kandidaten empfohlen, nicht

mitzumachen, berichtet die

WDR-Projektleiterin. Einzelne

AfD-Kandidaten seien dennoch

zu Interviews bereit gewesen.

Wahlkampf mit glücklichen Einhörnern

In Wuppertal hat inzwischen eine

junge Frau mit weißem Hemd und roter

Krawatte vor der Kamera Platz genom-

men. Sie vertritt „Die Partei“ und besteht

darauf, von ihren Karten abzulesen, die

sie extra mit Bildern von Kätzchen und

Welpen beklebt hat, „weil Tierbabys gut

bei denWählern ankommen“. Aus sicher-

heitspolitischen Gründen ist sie für eine

Mauer um Wuppertal-Oberbarmen und

eine Obergrenze für Zuwanderung aus

Bayern und Sachsen. Und sie findet, dass

das Land weder auf erneuerbare noch auf

fossile Energie setzen sollte, sondern auf

„positive Energien von glücklichen Ein-

hörnern“.

Christine Schilha

Fast alle Parteien sehen den

»WDR-Kandidatencheck« als

einmalige Chance, sich ihren

Wählern vorzustellen. Und

fast alle nutzen sie.

Eine Kandidatin im Studio Wuppertal.

Dass sie sich

einmal verhaspelt hat, findet sie nicht so tragisch.