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Titelthema

„Krisen, Krieg und immer neue Her-

ausforderungen – sind Europas goldene Zei-

ten vorbei?“, heißt es in der Einladung zum

diesjährigen, dem 20. WDR Europaforum.

2017 feiert Europa die Unterzeichnung der

Römischen Verträge vor 60 Jah-

ren und damit die Grundstein-

legung der Europäischen Union.

Es ist aber auch das Jahr, in dem

erstmals in der Geschichte der

EU ein Mitgliedsstaat ein Aus-

trittsgesuch gestellt hat.

„Vor 20 JahrenherrschteAuf-

bruchstimmung,Europahatteeine

ganz andereBedeutung als heute“,

erinnert sich der WDR Fernseh-

journalist Michael Radix, der seit

2000 das WDR Europaforum lei-

tet. InseinemGrußwort zumdiesjährigen

JubiläumsforumschreibtderPräsidentdes

EuropäischenParlaments‚AntonioTajani,

dennauch,dasses„nurmithilfeeinesoffen

geführtenDialogs“ gelänge, „Europa so zu

gestalten, dass wir alle wieder gerne Teil

dieses einmaligen Projektes seinwollen“.

„Sauerstoff fürs Gehirn“

Mit hochinteressanten Diskus-

sionsveranstaltungen in Köln, Berlin,

Brüssel, Warschau, Frankfurt/Oder,

Wien, Straßburg und Ljubljana hat sich

das WDR Europaforum nun schon seit

zwei Dekaden erfolgreich um diesen Dialog

bemüht. „Das Europaforumist eine erstklas-

sigeMarke und eine Erfolgsgeschichte“, sagt

WDR- Intendant TomBuhrow, der indiesem

Jahr Angela Merkel zur Zukunft Europas

interviewenwird.Nebender umfangreichen

Europa-Berichterstattung des WDR sei das

Forum ein wichtiges Instrument, das Euro-

paverständnis in Deutschland zu fördern.

„Es trägt nicht zuletzt zueinemrealistischen

Blick auf Europa bei: nicht blindgläubig, son-

dern kritisch und sachkundig“, so Buhrow.

Das Besondere amWDR Europaforum

ist, dass hier nicht nur über Europa gespro-

chen wird, sondern die europapolitischen

Akteure sich selbst zu Wort melden, sagt

Radix. „DieGespräche laufenaußerdemnicht

im üblichen Talkshow-Modus ab und orien-

tieren sich nicht an Schwarz-Weiß-Katego-

rien. Es gibt genügendRaumfürNachfragen

und deshalb für Grautöne.“ Daher erreiche

die Live-Übertragung und die mediale Aus-

wertung des Events einMillionenpublikum.

Auch für JournalistInnen – rund 100

akkreditierten sich vergangenes Jahr – ist

das Europaforum „ein enorm wichtiger

Input“, wie es die WDR-Chefredakteurin

Sonia Seymour Mikich formuliert. „Sauer-

stoff fürs Gehirn“ seien allein die großen

Vorträge, zum Beispiel des Schweizer Pub-

lizisten Roger de Weck. „Hier versammeln

sich diejenigen, die mit der EU eben nicht

Gurkenkrümmung verbinden, sondern

die – altmodisch ausgedrückt – die Idee

einer Wertegemeinschaft nicht aufgeben

wollen. Das stärkt!“, sagt Mikich. Die Jour-

nalistin führte selbst zahlreiche Forumsin-

terviews. Am meisten Vergnügen habe ihr

das Gesprächmit Yanis Varoufakis bereitet:

„Der coole Glatzkopf, den zeitweise kein

Finanzminister leiden konnte.“

Die Partner der WDR-Chefredaktion

Die Organisation der Veranstaltun-

gen unterliegt der Fernseh-Chefredaktion

des WDR, die dabei tatkräftig vom Haupt-

stadtstudio, dem Studio Brüssel sowie den

diversen Auslandsstudios wie auch der

Programmgruppe Zeitgeschehen, Europa

und Ausland unterstützt wird. Partner

sind außerdem weitere ARD-Anstalten,

phoenix, der Österreichische Rundfunk,

die Europäische Kommission, das Europä-

ische Parlament und das Auswärtige Amt

der Bundesrepublik Deutschland. Dank

der guten Beziehungen und

des internationalen Renom-

mees, das sich das WDR Euro-

paforum im Laufe der Jahre

erworben hat, folgen die Spit-

zen Europas jedes Jahr gerne

der Einladung.

Freundlich, aber fragwürdig

Körbe gab es allerdings

von VertreterInnen der Vise-

grád-Gruppe, ein Bündnis der

Staaten Slowakei, Polen, Tschechienund

Ungarn. Mit Ausnahme von Ungarns

Ministerpräsident Viktor Orbán, der

2014 „durch freundliches Auftreten und

fragwürdige Positionen beeindruckte“,

so Radix. Im vergangenen Jahr sagte

der polnische Außenminister Witold

Waszczykowski wenige Stunden vor

der Veranstaltung ohne Angabe von

Gründen ab. Doch für Radix, ehemals

Leiter der Programmgruppe Zeitge-

schehen Aktuell und verantwortlicher

ARD-Brennpunkt-Redakteur, gehört

kurzfristiges Umdisponieren zum täg-

lichenGeschäft. Rolf-Dieter Krause, der

bis zu seiner Pensionierung imAugust 2016

das ARD-Europastudio in Brüssel leitete,

und Kai-Olaf Lang, Polenexperte der Stif-

tung Wissenschaft und Politik, sprangen

ein. „Das war ein Glücksfall“, so Radix,

„es entspann sich ein hochinteressantes

Gespräch.“

Für den EuropafachmannKrause, der

imMai mit der Karlsmedaille für europäi-

sche Medien geehrt wird (siehe auch Seite

35), war freilich nicht immer alles neu, was

auf den Europaforen diskutiert wurde.

Aber wer sich mit Europa befassen wolle,

müsse auch mal den deutschen Blickwin-

kel verlassen. Dafür biete die Veranstal-

tung „eine sehr kompakte Gelegenheit“.

Auch für Gespräche am Rande habe es

immer Möglichkeiten gegeben. „Ich finde,

dass Michael Radix erstens gute Themen

gesetzt und zweitens gute Gäste für das

Forum gewonnen hat – was manchmal

ein Höllenjob ist“, rekapituliert der Kor-

respondent a. D.

„Das WDR Europaforum trägt

zu einem realistischen Blick

auf Europa bei, nicht blind-

gläubig, sondern kritisch und

sachkundig.“

Intendant Tom Buhrow

Gastgeber Tom Buhrow begrüßt Angela Merkel vor dem

Auswärtigen Amt.