WDRprint Oktober/2017

23 Glosse Illustration: von Zubinski 23 Christian Gottschalk trägt heute vorwiegend Baumwolle. ALLES ROSA , ODER WAS? CHRISTIAN GOTTSCHALK Waren wir schon mal weiter? Ich will ja nicht angeben, aber ich saß 1982 im Unterricht und strickte gegen Geschlechterkli- schees an. Einen Schal und einen eher unförmigen Pullover. Bis ich feststellte, dass ich erstens Stricken sehr langweilig finde und zweitens ziemlich schlecht darin bin. Und es drittens bei Gudrun Schlegel von der Schülermitverwaltung nicht so gut ankam, wie ich mir das ausgemalt hatte. Und ich viertens Gudrun ihre Arme um den Macho René Bohnekamp schlingen sah, während sie auf dem Soziussitz seiner Kreidler Florett saß. Ein Verrat am Feminismus! Es brauchte nur vier Jahre »Frau tv« und ein paar hundert Jahre Frauenbewegung, bis erstmalig eine Bundeskanzlerin gewählt wurde. Und zum 20-jährigen »Frau tv«-Jubiläum regiert sie immer noch. (Wahrscheinlich jedenfalls. Der Redaktions- schluss liegt etwas ungünstig).Wiemeine Frau schon ganz richtig auf Seite 19 schreibt: „Der Fortschritt ist eine Schnecke“. Und ich möchte hinzufügen: DasWeichtier hat auch noch einen schlech- tenOrientierungssinn. Und leider reagiert mancher Mann immer noch auf Feminismus ein bisschen hysterisch. Dabei geht es doch nur umGleichberechtigung. Für alle. Egal, ob du ein Cookie hast oder nicht. „Frauenparkplätze. So’n Quatsch. Sind die denn was Besse- res wie wir?“ Es muss ungefähr 1997 gewesen sein, als ich diese qualifizierte und durchdachte Aussage in einem Schnellimbiss belauschte und zur weiteren Verwendung in mein Notizbuch schrieb. 1997, das Jahr, in dem »Frau tv“ zum ersten Mal auf Sen- dung ging. Heute, nach 20 Jahren Fortschritt und Aufklärung, würde derselbe Mann natürlich sagen: „Frauenparkplätze? Ein Skandal, dass es sie überhaupt geben muss. Frauen sollten sich doch überall imöffentlichen Raum sicher fühlen können.“ – Nee, war nur ein Scherz. Ich konnte vielmehr 2017 in so einem Laden, in dem es öko- logisch korrekte Kleidung für Kleinkinder und giftfreies Spiel- zeug zu erwerben gibt – ich kaufte ein niedliches Köfferchen mit Weltraummotiven als Mitbringsel für ein Mädchen – Folgendes beobachten: Eine moderneMutter fand keinen Rucksack für ihre Tochter, denn es gab Rucksäcke nur in Grau oder Blau. Es war keiner in „Mädchenfarben“ vorrätig. Das Mädchen wurde natür- lich nicht gefragt. Fortschritt amArsch, sage ichmal. Stattdessen gibt es jetzt Überraschungseier für Mädchen und rosafarbene Fahrräder. Auf Youtube geben die Casting-Sternchen von gestern Beziehungstipps von vorgestern in der Sprache von heute, wie zum Beispiel Senna Gammour vonMonrose (Grammatik imOriginal): „Umso schneller du ihn den Cookie gibst, umso schneller wird er auchweg sein.“ Seit ich diesen Satz gehört habe, denke ich darüber nach, was meine Frau wohl meint, wenn sie sagt, ich solle ihr nicht auf den Keks gehen.

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