WDRprint November 2017

13 ExistiertGott?Wiesieht esmitderFreiheit inunsicherenZeiten aus?UndbedrohtderRechtspopulismusdieDemokratie?Fragen wiediesenwidmensichWDR5-Moderator JürgenWiebickeund seine Gäste nunmehr seit zehn Jahren jeden Freitagabend in »Das Philosophische Radio«. Wie Philosophie im Radio funk- tioniert, erzählt JürgenWiebicke bei einemDarjeeling imCafé Reichard, ganz in der Nähe des WDR Funkhauses. 30.000Hörer jedeWoche, 215.000 Podcast-Abrufe proMonat –Hätten SievorzehnJahrengedacht,dassIhreSendungsoerfolgreichseinwird? Wir hatten zwar schon in den Jahren davor mit Philosophie experimentiert, vormittags in »Neugier genügt«. Aber vonder Reso- nanz waren wir überrascht. Und so etwas Verrücktes hatte kein anderer Sender. Inwiefern verrückt? Philosophie ist schwer. Von Hegel verstehe ich nicht mal eine Seite. Aber wir haben früh begriffen, was in der Gesellschaft los ist. Sie ist viel neugieriger, alsmanche denken, dieLeutehaben Interesse an komplexeren Dingen. Viele Menschen sind geistig obdachlos. Weltanschauungen sind zerschellt, es gibt unendlich viele Optionen, aus denen gewählt werden kann. Diese Menschen sprechen wir an. Bietet die Philosophie Lösungen an? Sie ist kein Psychologie- oder Religionsersatz. Zurzeit gibt es so viele Ratgeber und Coachings, die suggerieren, dass im Leben alles gelingenkann. Das ist aber zukurz gedacht.Manmuss lernen, nicht alles auf das eigeneLebenzubeziehen.NehmenSiedasThemaGlück. Wie kommst du eigentlich auf den Gedanken, diese Welt sei dazu da, dir ein glückliches Leben zu ermöglichen? Es geht mir darum zu irritieren. Um die Menschen aus der Komfortzone zu holen? Ja, denndie einfachenAntwortensinddiegefährlichen. Gerade das Nichtverstehen ist wichtig. Sich auseinanderzusetzen. Sich als Suchenden zu begreifen. Menschen versacken heute in einer Blase, kommunizieren meist vor allem mit Gleichdenkenden. Aber wir sind eine diverseGesellschaft.Manmuss überlegen, wiemandamit klarkommt. Und den Unterschied zwischen Meinen und Wissen erkennen. Merken, wie manipulierbar man ist. Wie machen Sie philosophische Gedanken verständlich? Zum Kli- schee des Philosophieprofessors gehört nicht, dass er in einer Radio- sendung spricht. Die Philosophie ist heute an einemanderenPunkt. Es ist wich- tig, an die Öffentlichkeit zu gehen, eine Sprache zu finden, die von Auf einen Darjeeling mit Jürgen Wiebicke „In einer guten Sendung kann ich dem Gast und den Hörern beim Denken zuhören.“ vielen verstanden wird. Wir haben keinen engen Begriff von der Philosophie, ladenauchSoziologenundHistoriker ein. Ichübersetze mit meinen Worten. Und wenn es mal zu komplex wird, habe ich immer einAs imÄrmel und sage: „Das verstehe ich nicht.“ Ich liebe gerade diese offene Form des Radios. Natürlich gibt es Sendungen, wo es auch mal nicht gelingt. Und wann war es eine gute Sendung? Wenn ich dem Gast und den Hörern beim Denken zuhören kann. Und wenn alle bedauern, dass die Sendung vorbei ist. Wen wollen Sie erreichen? Nur gut- situierte gebildete Mittfünfziger? Ganz und gar nicht. Meine Zielgruppe sind die Autodidakten. Ich freue mich, wenn mich jemand fragt: Wie schreibt man eigentlich Camus? Wenn Lehrer im Unterricht Ausschnitte aus meiner Sendung bearbeiten,meldensichauchSchüler. Warum ist Philosophie so wichtig? Unsere Zeit schreit nach Vertiefung. Alles wird flacher und schneller, wirmachengenaudasGegenteil. Und liegendeshalbpara- doxerweise imTrend. Etwas anderes kommt noch hinzu: Viele sind heute Spezialisten für irgendetwas. Wenn man aber nur auf seinen Bereich schaut, versteht man die großen Zusammenhänge nicht mehr. Und die sind wichtig. In Ihrer Sendung steckt vielHerzblut –vonRedakteurinGundi Große und Ihnen. Was bedeutet Ihnen die Philosophie persönlich? Durch sie hat man die Chance, eine andere Farbe ins Leben zu bekommen. Sich selbst nicht mehr so wichtig zu nehmen. Man bekommt einkritischesVerhältnis zu schnellen, falschenLösungen. Ich liebe es zu suchen, Abstand zu gewinnen, Dinge von verschiede- nen Seiten zu betrachten. Denn die Alternative ist: verblöden. Mit JürgenWiebicke sprach Ina Sperl „Unsere Zeit schreit nach Vertiefung“, sagt WDR 5-Moderator Jürgen Wiebicke. Foto: WDR/Anneck Zehn Jahre »Das Philosophische Radio« – die Sendung dazu am 1.12., 20:05, WDR 5 und wdr5.de

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