WDRprint November 2017

38 Musik ... spielt seit eineinhalb Jahren die 1. Geige imWDR Funkhausorchester – und ist das jüngste Mitglied im Ensemble. Für das »print»-Interview nimmt er sich am Flughafen vonMailand Zeit – beimWarten auf seinen Rückflug nach Köln. Herr Caraceni, was machen Sie im wunderschönen Milano? Ich habe einen Teil der Familie besucht. Vor allem habe ich meine Geige kontrollieren lassen, die immer mal ein kleines Setup benötigt, wegen der Auswirkungen von Kälte undWärme. Und sie hat einen neuen Bezug bekom- men. Meine eigene ist eine Leandro Bisiach sen. Geige von 1904, die vomWDR geliehene eine Nicolai Amati F. Rogerius. Wann und warum haben Sie sich für dieses Instrument entschieden? Mit sieben Jahren ging es los! Als Junge fand ich es beeindruckend, wie meine Schwester Cello spielte, und wollte unbedingt auch ein Instru- ment lernen. Ich mochte damals schon Vivaldi und irische Volkslieder sehr gern und habe mich direkt in den Klang der Geige verliebt – und ich kann mir nicht vorstellen, irgendwann damit aufzuhören. Außerdem hat meine Heimatstadt Lucca in der Toskana eine lange musikalische Tradition: Viele bekannte Komponisten sind dort geboren, Paganini hat sogar in meinem Nachbarhaus gewohnt. Im Frühjahr 2016 war Ihr Probespiel für das Funkhausorchester. Wie war die Zeit seitdem? Sehr aufregend! Ich mag die Kolleginnen und Kollegen sehr, wir treffen uns teilweise auch außerhalb und verreisen zusammen. Wennwir zusammen spielen, ist es wie eine tiefe Beziehung – wie in einer großen Familie. Es macht viel Spaß imOrchester, erfordert aber auch hohe Konzentration, weil die 1. Geige oft die Hauptstimme ist und mehrere technische Schwierig- keiten bietet. Auch die rhythmische Herausforderung ist nicht ohne. Mein größtes Erlebnis bisher war ein Konzert mit Flüchtlingen aus Syrien, das mich tief berührt hat. Die Musiker freuten sich wahnsinnig und waren unheimlich dankbar. Welche Rolle spielt klassische Musik in der heutigen Zeit? Klassische Musik ist zeitlos, sie gibt es seit mehreren hundert Jahren – aber auch viele junge Leute mögen sie, weil sie so vielfältig ist. Und sie ent- wickelt sich immer weiter, auch in der Mischung mit anderen Richtungen. Jede Form vonMusik hat eine besondere Kraft und ist für mich der direkteste Weg zur Seele. Ich weiß, ich bin nur am Anfang dieser Suche, aber ich freue mich auf den langen Weg. Mit welcher Kollegin, welchemKollegen imOrchester würden Sie gerne einmal das Instrument tauschen? Da kommen gleich zwei in Frage: In der Streicherfamilie mit demCello, auch wegen meiner Schwester, und ansonsten gerne mal mit der Trompete, weil sie ähnlich virtuos ist wie die Geige. Jetzt muss ich nur noch meine Kollegen überzeugen ... „Klassische Musik ist zeitlos“ Riccardo Caraceni (27) Zwei Musiker, 37 Jahre Altersunterschied

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