WDRprint November 2017

Illustration: von Zubinski 42 R E A L I TÄT S -T H EO R I E CHRISTIAN GOTTSCHALK virtuell hinzugefügt. Die Frage ist, ob man sich darauf verlassen will. Ab Seite 8 erfahren Sie, was sie tun müssen, wenn Sie mal mit einer hinzugefügten Siham El-Maimouni spazieren gehen möchten und Ihnen anschließend in Köln Heinrich Böll über den Weg laufen soll. Augmented Reality gibt es schon länger, ihren großenDurch- bruch hatte die Technik aber durch „Pokémon Go“. Virtuelle Monster in echten Gegenden, die, obwohl sie aus Japan kommen, mit dem französischen accent aigu geschrieben werden. Es gibt Dinge, die mit bloßem Auge nicht wahrnehmbar, aber real sind. Keime zum Beispiel. »Quarks« befasst sich am 14. November mit dem Thema. Mithilfe der Augmented Reality könnteman sie sichtbarmachen. Das Programmmüsste für Keime typische Aufenthaltsorte erkennen – Türklinken, Speisekarten, Handläufe von Rolltreppen – und dann die übliche Zahl von lie- bevoll gestalteten Keimen darauf platzieren. Man könnte es so ähnlich aufziehen wie „Pokémon Go“. Der Spieler muss Keime sammeln, kann sie trainieren, gegeneinander antreten lassen oder mit anderen tauschen, nach dem Motto: „Gib mir zwei Strepto- kokken für eine Staphylokokke, dann habe ich meine Darmflora komplett.“ Endgegner sind natürlich die multiresistenten Keime. Fährt über Keime eine Dampfwalze drüber, passiert ihnen nichts. So schließt sich der Kreis. Die Realität ist die Gesamtheit des Realen, real ist vor allem etwas, das inWahrheit so ist. Also etwas, das nicht von den Über- zeugungen eines Einzelnen oder einer Gruppe abhängt. So die Definition. Am Einfachsten lässt sich das mit einer Dampfwalze erklären. In der Realität ist es sehr wahrscheinlich, dass ein Mensch stirbt, wird er von einer Dampfwalze überfahren. Man- che Leute sind der Überzeugung, dass sie anschließend mit einer Harfe in der Hand auf einer Wolke sitzen und ihnen ein bärtiger Typ namens Petrus ein Begrüßungs-Manna serviert. Wobei das noch eine der unterhaltsameren Varianten des ewigen Lebens zu sein scheint. Jedenfalls gehört das nicht in den Bereich der Realität. In einem gewissen Sinne gibt es allerdings verschiedene Realitäten: In meiner Realität bringt man sich zum Beispiel aus dem Urlaub gegenseitig „ganz tolles Salz“ mit, in anderer Leute Realitäten ein töftes „Hardrock-Café“-Innsbruck-T-Shirt. Neben der Realität gibt es die virtuelle Realität, die inWirk- lichkeit nur aus Einsen undNullen besteht. Sie hat Vorteile.Werde ich zum Beispiel von einer Dampfwalze überfahren, verwandle ich mich vielleicht dadurch in einen bunten Schmetterling. Weil alles möglich ist. Handlungen, die ich dort vornehme, haben kei- nerlei Konsequenzen in der wirklichenWelt. Außer, dass ich öfter mal auf dem Sofa schlafen muss, weil ich „noch eben diese eine Mission“ zu Ende spielen will. Dann gibt es noch die „Augmented Reality“. Hier werden der Realität virtuell Dinge hinzugefügt. Man sollte sehr aufpassen, nicht vor eine Dampfwalze zu laufen, weil man sich gerade vor einem Dinosaurier erschrickt. Es sei denn, die Dampfwalze ist Christian Gottschalk ist in der virtuellen Realität ein rück- sichtsloser Raser, im echten Leben hat er null Punkte in Flensburg und immer feuchte Desinfektionstücher dabei. Glosse

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