WDR print Dezember 2017/Januar 2018

63 So richtig ist er noch nicht wieder in Köln angekommen. Im Anschluss an seine Korrespondentenzeit inBrüssel warWDR- RedakteurChristianFeldfüreinJahr indenUSA–einSabbatical mit viel Input, denn als Stipendiat der Nieman Foundation an der EliteuniversitätHarvardhat er sichmit derDigitalisierung und ihrer Auswirkung auf Medien und Gesellschaft auseinan- dergesetzt. Seit September bringt er seine Erkenntnisse in die »Tagesschau«-Redaktion Köln (Programmgruppe Zeitgesche- hen, EuropaundAusland) ein. ImCafé FeynsinnamRathenau- platz sprechen wir über seine Zeit inMassachusetts. Was haben Sie ein Jahr lang in Harvard gemacht? Die Nieman Foundation hat das Ziel, den Journalismus zu ver- bessern. Man kann für ein Jahr raus aus seinem Alltag, sich in ein Thema vertiefen, man sollte danach aber auch etwas zurückgeben können. Ich war in einer internationalen Gruppe, habe Vorträge besucht, Kurse belegt, zumBeispiel „Storytellingmit Daten“. Dawar ich der einzige Journalist unter Ingenieuren. Warum haben Sie sich das Thema Digitalisierung ausgesucht? Es interessiert mich, wie das DigitaleunsereWelt,wiewir arbeiten und zusammenleben, verändert. Und ichfinde eswichtig, dass Journalisten diedigitaleTechnikbesser verstehen. Verstehen,wiePlattformenwieFacebookundGoogle funktionieren, wie die Konzerne ticken. Wir müssen über die Ebene „Daten sind das neue Öl“ hinauskommen. Wir müssen Facebook zwar nutzen, aber auch hinterfragen. Warum liegt Ihnen dieses Thema so amHerzen? Ich war in der Schule ein Computerfreak, habe auch mal ein Jahr lang Informatik studiert. In Brüssel habe ich mich mit Themen wie Datenschutz beschäftigt. Das Stipendium war eine gute Möglichkeit, beides zusammenzuführen und zu vertiefen. Ist der Alltag in den USA digitalisierter als hier? Lebensmittel werden über Apps bestellt, Geld wird unter Freunden per Smartphone überwiesen. Sprachgesteuerte Geräte wie Alexa sind schon weitverbreitet. In Deutschland hat das klas- sische Fernsehen noch eine breitere Basis. Welche Erkenntnisse können Sie in Ihre Arbeit imWDR einbringen? Wir müssen noch stärker versuchen herauszufinden, in welchen Situationen die Menschen uns mit welchen Wünschen konsumieren. Natürlich kann es nicht das Ziel sein, jeden Tag ein Spiel Bayern gegen Dortmund zu zeigen oder anderes, was sehr populär ist. Wir dürfen unseren Auftrag nicht vergessen, müssen aber genauer hinhören. Auf einen Latte macchiato mit Christian Feld In den USAwird Geld unter Freunden per Smartphone überwiesen.“ Haben Sie Ideen, wie? Noch habe ich keine Antworten. Aber es hilft, von außen auf das eigene Systemzu schauen. EinGedankewäre, anders denkende Menschen ins Teamzu holen. ZumBeispiel Programmierer – nicht nur wenn es um den Bau einer neuen App geht. Wir müssen her- ausfinden, wo die Leute herkommen, die uns neue Impulse geben können, weil sie eine andere Sozialisation mitbringen. Warum ist das wichtig? Im WDR setzen wir voraus: Nachrichten und Informationen sind wichtig. Das sieht aber nicht jeder so. Früher dachten wir, die Menschen werden schon zu uns kommen. So überheblich darf man aber nicht mehr sein. Ich persönlich finde es zwar schwer nachvollziehbar, dass jemandem zehnsekündige Instagram-Schnipsel als Nachrichten ausreichen. Aber es wäre arrogant, allein von meinem Weltbild auszugehen. Was werden Sie nach dem Jahr zurückgeben? Ich bin ein Fan von erklärendem Journalismus. Es ist wichtig, komplexeMaterie verständlichzumachen. Auf dasDigitalebezogen: Natürlich kannman kostenlose Apps nutzen undmit seinenDaten bezahlen– so langemansichvorher überlegt hat,welcheKonsequen- zen das hat. Mein Ziel ist der aufgeklärte Nutzer. Was hat die Zeit in Harvard persönlich mit Ihnen gemacht? Ich habe gelernt, meinDenken komplett in Frage zu stellen. Es sindProzesse inGang gekommen, die teilweise schmerzhaftwaren. Ichhabe Leute kennengelernt, die völlig anders ticken. Das ist unbe- quem, eröffnet aber andere Denkweisen. Wie war es für Sie, zurückzukommen? Extremhart. Ein Jahr einerGruppe anzugehören, sich intellek- tuell treiben zu lassen, das war schon Luxus. Aber ich will mir das freiere Denken, das Fragen stellen bewahren. In der »Tagesschau«- Redaktion bin ich in der Gruppe Digital Task Force. Dort kann ich mich gut einbringen. Mit Christian Feld sprach Ina Sperl „Ich habe gelernt, mein Denken komplett in Frage zu stellen.“ WDR-Redakteur Christian Feld Foto: WDR/Anneck

RkJQdWJsaXNoZXIy NTQ3NzI=