WDR print Dezember 2017/Januar 2018

Illustration: von Zubinski 70 IMMER SCHÖN COOL BLEIBEN CHRISTIAN GOT TSCHALK Das Schöne an meinem Glossen-Autoren-Dasein ist: Ich kann in meiner usseligen Jogginghose am Schreibtisch sitzen und mich mächtig wichtig fühlen, indem ich über dieMächtigen undWichtigen schreibe. Im Gegensatz zu richtigen Journalisten brauche ich dazu keine Recherche, keine Belege, sondern lediglich eine Meinung. Meinungsbil- dung ist auch eine Bildung und schnell gemacht, Vorkenntnisse sind kaum erforderlich. Es gibt mehrere Möglichkeiten, auf die Enthüllungen der „Paradise Papers“ zu reagieren. Ich könnte mich zum Beispiel aufregen. Sagt man schließlich auch so im Volksmund: „Da könnte ich mich aufregen.“ Konjunktiv. Das ist jetzt nicht automatisch eine Meinung, aber man kann eine daraus ableiten. Da sich aber vor mir schon alle anderen aufgeregt haben, wäre das wenig originell. Also bleibe ich cool: Vermutlich haben die alle nur „1000 ganz legale Steuertricks gelesen“, das haben Sie doch auch im Regal stehen, empörter Leser! Dass Firmen und Einzel- personen gesetzeskonform, aber unmoralisch handeln, überrascht mich darüber hinaus gar nicht, schließlich haben wir diesen Kapitalismus. Will heißen: Die bauen diese Smartphones gar nicht, umunser Leben zu erleich- tern, sondernunserKonto. Obwohl sie teilweisedie Steuerersparnis freundlicherweise direkt andenKundenweitergeben. Deshalbkostet das neue Smartphone eines belieb- ten Herstellers nur ungefähr 1000 Euro. Da schlagen die gerade mal eine Marge von 65 Prozent drauf. Wie mein Alträucher* um die Ecke nach zähem Feilschen zu sagen pflegt: „Da verdiene ich selber nichts mehr dran.“ Ich könnte mich aber darüber aufregen, dass jungeMenschen vor Geschäften übernachten, umals erste Kunden so ein sicherlich nicht übermorgen ausverkauftes Mobiltelefon zu erwerben. Und dann auf Nachfrage sagen: „Das muss man mal gemacht haben.“ Falsch. Eine Radtour muss man mal gemacht haben. Vor dem Frühstück eine Filterlose rauchen – sollte manmal gemacht haben. Vielleicht eine Steckdose selbst montiert oder einen Reifen gewechselt. Aber nicht in einer Fuß- gängerzone 48 Stunden warten, um ein überteuertes Massenprodukt zu kaufen. Dafür haben wir die DDR nicht abgeschafft. Das Schöne amGlossen-Autoren-Dasein ist auch, dass ich, ohne mich vorher rasieren zumüssen, vom Schreibtisch aus die Kanzlerin ganz auf Augenhöhe kon- struktiv kritisieren kann. Selbst wenn ich sonst zu schüchtern bin, imSupermarkt eine schimmelige Wurst zu reklamieren. Klartext Frau Merkel! Neue Gesetze müssen her, damit diese superreichen Asis und diese fiesen Firmen auch Steuern zahlen müssen und nicht immer nur ich und meine Frau. Und verschimmelte Wurst sollte man online reklamieren können! Immerhin hat mich der Skandal auf eine sehr gute Geschäftsidee gebracht, die einen weltweiten Bedarf deckt: Ich gründe eine Briefkastenfirma, die Briefkästen für Briefkastenfirmen herstellt. Und dann ziehe ich nach Paradise, trinke Cocktails unter Palmen und rege mich über gar nichts mehr auf. *Trödler Christian Gottschalks Steuersparmodell „Einfach nicht so viel Geld verdienen“ erhalten Sie gegen Einsendung eines frankierten Rückumschlags. Glosse

RkJQdWJsaXNoZXIy NTQ3NzI=