WDRprint Februar 2018

Illustration: von Zubinski 50 CHRISTIAN GOTTSCHALK Glosse VON FILMEN UND FISCHEN Tierfilme ins Fernsehen gehören, denn ich sehe sie oft zufällig. Ich will nur mal kurz durchzappen und dann die Spülmaschine ausräumen, schon beschäftige ich mich eine Stunde lang mit der Fauna des Mittelrheintales und schaue der Eulenmut- ter beim Füttern ihres putzigen Nachwuchses zu. Tierfilme zeigen mir immer, was für ein furchtbarer Opportunist ich bin. Gerade habe ich noch zur Spitzmaus gehalten und ihr Jagdglück gewünscht, zwei Minuten später hoffe ich, dass Mutter Eule ihre Jungen durchbringt – mit vorverkleinerten Spitzmäusen. Die Spitzmaus ist übrigens keine Maus, son- dern gehört zur Ordnung der Insektenfresser. Die „Deutsche Gesellschaft für Säugetierkunde“ wollte sie deshalb 1942 in „Spitzer“ umbenennen, aber Adolf Hitler war dagegen und drohte den Leuten mit einem Einsatz an der Ostfront. Das nur nebenbei, falls Ihnen auf der nächsten Karnevalsparty die Gesprächsthemen ausgehen. Am 19. Februar werde ich auf jeden Fall zur Dickkopf-Stachel- makrele halten, einfachweil sie eine coole Sau ist: Sie katapultiert sich wie eine Rakete in die Luft, um im Flug Vögel zu fangen – und zwar so schnell, dass der Kameramann, der sie für die Reihe „Der Blaue Planet“ filmte, fast verzweifelt wäre. Läuft montags, und ich schaue das mit voller Absicht. Vorher räume ich die Spül- maschine aus. Wehmut umfing mich, als ich für dieses Heft den Artikel über die Berlinale schrieb. Das Filmfestival gehörte für mich in den 90ern zu denwichtigsten beweglichen Feiertagen. Manchmal fiel es mit Karneval zusammen – was für ein schöner Kontrast. Statt singend und saufend die Heimat zu beschwören, reiste ich schweigend mit einer leichten Koffeinüberdosis in der Blutbahn im Kinosessel um die Welt. Begeistert von menschenfreundli- chen finnischen Außenseitern, geschockt von amerikanischen Hinterwäldlern, gerührt von einem mongolischen Coming-of- Age-Drama. Nachts um zwölf guckten wir noch wilde Martial- Arts-Märchen gemeinsammit johlenden Asiaten. Dann Bier und Döner, dann schlafen, dann alles von vorn. Nach jeder Berlinale war meine Blase exakt auf Spielfilmlänge eingestellt. Wir schafften fünf Filme am Tag. Nachdem die Berlinale sich auf dem Potsdamer Platz konzentriert hatte, auf diese Kinos inmitten der Franchise-Hölle, kündigte ich ihr die Freundschaft. Das ist die offizielle Version. InWirklichkeit kamen andere Sachen dazwischen, zum Beispiel die Vaterschaft meines langjährigen Berlinale-Partners. Als ich beschloss, ihn zu meinem persönli- chen Festival-Logistiker zu machen, hätte ich ihn fragen sollen, ob er vorhat, Kinder zu kriegen. Denn es ist nicht einfach, auf der Berlinale seine Tage zu planen: Anfangs- und Fahrtzeiten checken, Karten ergattern, sich inWarteschlangen vor Kinotüren einreihen und eine gewissenhafte Filmauswahl bei anfangs dürrer Informationslage treffen – es gibt viel zu bedenken. Ein von der Berlinale vernachlässigtes Genre ist der Tier- film; meistens geht es um Menschen. Ich finde ohnehin, dass Christian Gottschalk kann sich überflüssige Fakten merken, weiß aber nicht, dass man auf Karnevalspartys keine Gesprächsthemen benötigt.

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