WDRprint März 2018

21 20 Medien Medien NEW YORK TIMES Von Simone Hamm Nach fast 40 E-Mails und 17 Telefonaten ist es soweit: Ich bin auf demWeg zurwohl angesehenstenundmächtigstenZeitung der Welt, der NewYork Times – der Ikone des liberalen Journalismus. Ihr Anspruch lautet: faktenorientiert und investigativ zu sein. Fast täglich bringt die New York Times Enthüllungen über Trump, listet akribisch seine Lügen auf. Und jedes Mal ist der Präsident erbost darüber, bezeichnet die Zeitung als Müll, deren Reporter zur Hölle fahren sollen, nennt sie the „failing“ New York Times, die angeschlagene, die fehlerhafte New York Times. Paradoxerweise aber ist es Donald Trump, der der Zeitung steigende Auflagenzahlen beschert. Die Qualitätspresse mag ihn verachten, aber dieser Präsident ist gut für ihre Finanzen. Die einflussreichste Zeitung der Welt und der US-Präsident sind Lieblingsfeinde. VERSUS DONALD TRUMP Lässt Donald Trump seinen Tiraden gegen die Presse Taten folgen? Besonders scheint er es auf die New York Times abge- sehen zu haben. Simone Hamm fasst in ihrem »dok 5«-Feature die Fehde Trump vs. Times zusammen und fügt interessan- te Fakten und Beobachtungen hinzu: Die einflussreichste Zei- tung der Welt und der US-Präsi- dent seien Lieblingsfeinde. Vor allem eine Times-Journalistin ruft er immer wieder an: Maggie Haberman. An einem Tag bittet er sie zum Interview. Am nächsten verteufelt er sie und ihre Zeitung. Sie sagt, dass Trump die Medien eigentlich liebe, ja, sich geradezu von ihnen ernähre. Sie seien das Benzin, das ihn zum Laufen bringe, der Spiegel, in den er ständig gucken müsse. Der New York Times Tower liegt imHerzen vonManhattan, ist 52 Stockwerke und 319 Meter hoch. Viel Glas und Stahl, ent- worfen von Renzo Piano. Tausende horizontal montierte weiße Keramikröhren wirken auf mich, als ob ein Schleier das ganze Gebäude umhüllt. Um halb zehn beginnt im siebten Stock die morgendliche Redaktionskonferenz. Chefredakteur Dean Baquet und seine Res- sortleiter, Kollegen aus demAusland und aus Washington sitzen an einem ovalen Tisch. Jeder trägt vor, was in seinem Bereich am folgenden Tag berichtet werden soll. Ich quetsche mich zwischen tippende Journalisten. 30 Minuten, so die Pressesprecherin, soll die Pressekonferenz dauern. Sie dauert genau 30 Minuten. Wie immer geht es in erster Linie um Trump und die Russland- Connection. Ich falle gleichmit der Tür ins Haus und frage denWashing- toner Korrespondenten Michael Shear, der seit 24 Jahren politi- scher Berichterstatter ist, wie es denn sein könne, dass die New York Times bei derWahlberichterstattung so falsch gelegen habe. Die New York Times hatte nämlich keine Sekunde daran gezwei- felt, dass Hillary Clinton gewinnen werde. Seine Kollegen und er, so Shear, hätten vieleWahlen erlebt und darüber geschrieben. Sie waren sicher, dass jeder Kandidat spätestens nach dem Satz, er könne einer Frau unbehelligt in den Schritt greifen, erledigt gewesen sei. ➔ Glenn Thrush, der politische Chef-Korrespondent der New York Times im Weißen Haus, nachdem er im Februar vergangenen Jahres vom Pres- sebriefing ausgeschlossen worden war. Foto: picture alliance/Douliery Fast täglich bringt die New York Times Enthüllungen über Trump. Der Präsident kontert, die Zeitung sei Müll. Foto: Getty Images Eigentlich liebe Trump die Medien, sagt Times-Journalistin Maggie Haberman, er ernähre sich geradezu von ihnen.

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