WDRprint März 2018

31 30 Hörspiel Hörspiel Neulandwar für mich auf jeden Fall die Zusammenarbeit mit Menschen einer anderen Kultur und Sprache. Meine dramaturgi- schen Berater Péguy TakouNdie und RichardDjif, auch die Spieler ausKamerunund ichmusstenweite Strecken aufeinander zugehen. Sowas kann mühsam sein, und es müssen auch mal ganze Sze- nen verworfen werden, wenn beispielsweise Profis und Amateure ungeprobt imSpiel aufeinandertreffen – aber imbesten Fall macht man ein paar Erfahrungen, die über die Bestätigung des eigenen Horizonts hinausgehen. Das Hörspiel handelt von Europas Kolonialgewalt und den Folgen. Warum ist Ihnen dieses Thema so wichtig? Wir wollen mit dem Hörspiel den Blick schärfen für die his- torischen und vor allem systemischen Zusammenhänge. Wie die Deutschen zur Kolonialzeit ihre Macht in Kamerun aufgebaut haben, ist erschreckend und erhellend. Da tritt die Gewalt, mit der wir unsere Vormachtstellung in der Welt installiert haben, offen zutage. Das hat seit vielen Jahrzehnten Auswirkungen, von denenwir heutewirtschaftlichprofitieren. ZumBeispiel ermöglicht die zur Kolonialzeit installierte Klientelpolitik uns Europäern, durch korrupte Deals mit den Eliten afrikanischer Länder für Bodenschätze oder Fischerei- recht Spottpreise zu erzwin- gen. Ich habe das Projekt mit Jelka Plate entwickelt. Wir wollten zunächst ein Projekt über eine Fluchtgeschichte machen, weil es in der Nähe meines Studios jahrelangen Streit um ein angeblich ille- gales Flüchtlingscamp gab. Im Umfeld der „Refugees welcome“-Bewegung habe ich dann für Migranten Audio- Workshops gegeben. Schließ- lich wurde es ein Projekt über Arbeitsmigration und Flucht- ursachen. Und je mehr man sich damit beschäftigt, desto unausweichlicher wird das Thema Kolonialismus. Die Parallelmontage von Vergangenheit undGegenwart klingt sehr eindrücklich. Man hat das Gefühl, Sie würden aus der Kunstform Hörspiel alles herausholen. Aber nicht, was die akustischen Möglichkeiten betrifft. Da gibt es viele andere Produktionen, die durch die Klangwelten beeindrucken. Dagegen kommt „Dienstbare Geister“ handwerk- lich eher unspektakulär daher. Das liegt daran, dass mein Ton- mann Titus Maderlechner und ich die Hörer direkt ins Gesche- hen versetzen, sie ohne Umwege auf die Inhalte stoßen wollen. Einfachheit und Klarheit herzustellen, ist dann wiederum sehr aufwendig. Wenn Sie zurückdenken: Haben die vielen Preise IhnenTüren geöff- net? Jetzt auch noch der zweite Deutsche Hörbuchpreis – da fehlt eigentlich nur noch der erste Kinofilmmit Bildern ... Ich liebe Filme, aber das Tolle am öffentlich-rechtlichen Hör- spiel ist, dass es noch Redaktionen gibt, die Autoren und Macher zum Experimentieren motivieren. Martina Müller-Wallraf zum Beispiel hat mich ausdrücklich aufgefordert, neue Formate zu ent- wickeln. Von Autorenkollegen vom Film und Fernsehen höre ich Zur Verleihung desDeutschenHörbuch- preises lädt GastgeberWDR am6. März ins Kölner Funkhaus am Wallrafplatz. Götz Alsmann wird die Gala moderie- ren. Er erwartet neben den Gewinnern auch die EhrenpreisträgerinEvaMattes und als Bühnengast Cordula Stratmann. Zum erstenMal vergibt der WDR sei- nenPublikumspreis „MeinHörbuch“. Hörer und Zuschauer hatten die Möglichkeit, bis Anfang Februar aufWDR.de über ihr eige- nes Lieblingshörbuch 2017 abzustimmen. Der Gewinner wird erst während der Preis- verleihung bekanntgegeben. Die Sieger in den sieben Kategorien – jede ist mit 3 333 Euro dotiert – stehen bereits fest. AusgezeichnetwerdenValeryTschepla- nowa als „Beste Interpretin“ für Paulus Hochgatterers Erzählung „Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war“ und Andreas Fröhlich als „Bester Interpret“ ; der nunmehr dreifache Preisträger liest Walter Moers̕ neuen Roman „Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nacht- mahr“. Regisseur Paul Plamper gewinnt mit der WDR-Koproduktion „Dienstbare Geister“ in der Kategorie „Bestes Hörspiel“ „Ich möchte den Hörer motivieren, selbst aktiv zu werden – im Kopf und im Herzen.“ Ist es immer einfach, mit Ihren Stoffen die Sender zu überzeugen? SeitensmeinerHörspielredaktionbeimWDR ist auf jedenFall ein Grundvertrauen da. Ich arbeite zum Beispiel oft mit Martina Müller-Wallraf und Isabel Platthaus zusammen. So aufwendige Sachenohne die Sender zu produzieren, wäre undenkbar. Ich versu- che denAuftrag derÖffentlich-Rechtlichen ernstzunehmen:Wenn ichmeineHörspielemache, denke ich nicht daran, bestimmte Ziel- gruppen bedienen zu müssen. Für ihren Rundfunkbeitrag sollen die Leute frei und unabhängig denkende und arbeitende Künstler bekommen. Ich glaube fest daran, dassman soKunstmachenkann, die verschiedenste Schichten anspricht. Das Radio ist perfekt dafür, ein sehr niedrigschwelliger Zugang – die Geräte sind günstig, jeder kann einschalten oder streamen. Wie sehen Sie das Hörspiel vor dem Hintergrund des digitalen Umbruchs, da immer mehr auf kurze Videos geklickt wird? Muss das Hörspiel in irgendeiner Form visuell werden, ohne gleich zum Spielfilm zu mutieren? Nein, ich binmir zwar bewusst, dass die Leute ein Bedürfnis nach Bildern haben. Aber ich sehe Hörspiel als eine Kunst- form, die wie Musik sehr emotional und direkt wirkt und dem Hörer dabei Raum für Fantasien, Gedanken oder Bilder lassen kann, die andere Kunstformen vorge- fertigt mitliefern. Ichmöchte den Hörer motivieren, selbst aktiv zuwerden, imKopf und imHerzen! Ich fühlemich da sehr nah am Buch, auch eher verwandtmit demTheater als mit Fernsehen oder Kino. Einweiteres besonderesWerk von Ihnen, das mir intensiv in Erinnerung geblieben ist, ist „TOP HIT leicht gemacht – In 50 Minuten an die Spitze der Charts“. Danach schaffte das Musikstück, das ja nur in einem fiktiven Hörspiel pro- duziert wurde, tatsächlich eine hohe Platzierung in den deutschen Charts. Was empfindet man da als Hörspielmacher: Ablehnung aufgrund der Realsatire oder eher Stolz und Genugtuung? Ehrlich gesagt, war ich verwirrt, als der Song von Warner Music angenommenwurde. Es wurde dann ein Videoclip gedreht, der nichts mehr mit demAntihelden aus unseremHörspiel zu tun hatte, sondern mit einem platinblonden Model, das die Lippen zum Song bewegte. Das Hörspielensemble hat sich gespalten – die einen hielten es für die Verbreitung schlechterMusik, die anderen freuten sich, dass die Idee aufging. Mir wurde erst später klar, dass das anscheinend so sein musste. Der Popsong musste sich vom Hörspiel – also unserer sarkastischen Kritik des Musikbusiness’ – emanzipieren, um wirklich in die Charts zu gehen. Der Deutsche Hörbuchpreis 2018 Gala zur Verleihung des Deutschen Hörbuchpreises 2018 Ebenfalls live als Video-Stream auf wdr5.de 3sat SO / 11. März / 11:00 WDR 5 DI / 6. März / 20:00 (siehe Interview auf Seite 28) . Herausgeber David Johst wird ausgezeichnet für die Dokumentation „Fritz Bauer. Sein Leben, sein Denken, sein Wirken“ („Bestes Sach- hörbuch“), RegisseurinTheresia Singer für „Der Club“, eine inszenierte Lesung des Debütromans von Takis Würger ( „Beste Unterhaltung“) . Und die Kinderjury ent- schied: Der DeutscheHörbuchpreis in der Kategorie „Bestes Kinderhörbuch“ geht an die Sprecherin und Schauspielerin Fran- ziskaHartmann für die Interpretation des Buchs „Die furchtloseNelli, die tollkühne Trude und der geheimnisvolle Nachtflie- ger“ von Verena Reinhardt. Den Sonderpreis, der alle zwei Jahre vomVerein Deutscher Hörbuchpreis ver- gebenwird, erhält die Schauspielerin und Sprecherin Eva Mattes. Sie wird für ihr langjähriges und herausragendes Hör- buchschaffen geehrt, mit dem sie sich als „eine der großen Meisterinnen des Lesens“ erwiesen hat. Als Hörbuch des Jahres 2017 der hr2- Hörbuchbestenliste wird „Requiem für Ernst Jandl“ ausgezeichnet. Das Hörbuch verbindet Texte von Jandls Lebensgefähr- tin Friederike Mayröcker undMusik von Lesch Schmidt zu einem laut Jury „einzig- artig dichten Gewebe aus Klang, Rhyth- mus und Sprache“. EB immer wieder, dass gute Ideen verwässert werden. Dass in einem vor Kommerz geschützten Raum die volle Kreativität zugelassen wird, wo gibt es das sonst? Das ist einer der Punkte, diemich beim Hörspiel halten. Eva Mattes, „eine der großen Meisterinnen des Lesens“ Foto: SWR/SRF/Bell Während der Produktion des Hörspiels „Dienstbare Geister“ (v.l.): C. König, O. Djommou, R. Djif, P. Plamper, F.-N. Ndoume Foto: Maderlechner WDR 3 MO, DI, MI, DO / 5. bis 8. März / 19:04 Dienstbare Geister

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