WDRprint Mai/2018

Abschied von der Kohle 15 14 Abschied von der Kohle Stefan Domke und David Ohrndorf haben die virtuelle Realität um eine Dimension erweitert. In der „Berg- werks-Experience“ schlüpft der User in die Haut eines Bergmanns im Jahre 1918. Ein besonderer Eigen- bau täuscht zusätzlich zuAugenund Ohren auch Nase und Haut – die vierte Dimension. ImMai bauen die beiden Mitarbeiter des Programm- bereichs Internet ihren Simulator auf der Republica in Berlin auf, der europaweit größten Konferenz zum Thema Digitalisierung und Gesell- schaft. Die Generalprobe auf dem großen Internet- und Technik-Festi- val „South by Southwest“ inAustin/ Texas hat die Experience bereitsmit Bravour bestanden. Was ist das für ein Ding, das Sie da gebaut haben? STEFAN DOMKE: Eigentlich ist es „nur” ein zehn Qua­ dratmeter großer Raum. Mit großen schwarzen Kisten, in denen diverse technische Geräte verstaut sind. Ausgestattet mit einer VR-Brille und verbundenmit einemPC, steht der Nutzer dann auf einer quadratischenBodenplatte. Bereit zumvirtuellenKohleabbau in einem Bergwerk. DAVID OHRNDORF: Die Experience besteht aus verschie- denen Episoden. Es beginnt in der Steigerstube. Dort wird mit einem kleinen Projektor ein kurzer Einführungsfilm gezeigt: altes WDR- Material. Dann besteigt der User einen Förderkorb und muss unter Tage ver- schiedene Aufgaben erfüllen. DOMKE: Das Besondere sind die sogenannten 4-D-Effekte: Wenn sich der Förderkorb in Bewegung setzt, bläst einemderWind ins Gesicht. Und während der Fahrt in die Tiefe vibriert die Platte unter den Füßen. Im Streb angekommen, wo man die Kohle aus dem Flöz hauen muss, ist es plötzlich viel wärmer als oben. OHRNDORF: Wir pustenWind und Duft nicht ziellos in die Gegend, sondern exakt synchron zur Bewe- gung. Die Leute kriegen Handman- schetten an die Arme, denn die Con- troller wiegen ja nur ein paar hundert Gramm. Es soll das Gefühl erzeugt YOU GUYS DID IT! werden, mit einer Spitzhacke die Kohle aus dem Flöz zu hauen. Es ist richtig anstrengend, und die Arme werden schwer. Aber diese Handmanschetten sind kein Hightech? DOMKE: Nein, das sind einfache Zwei-Kilo-Gewichts- Manschetten,wie sie sonst imFitness-BereichzumEinsatzkommen. OHRNDORF: Kein Teil, das wir da verbaut haben, ist wirk- lich Hightech, sondern das sind herkömmliche Teile, die einfach schlau zusammengebastelt sind. DieWindmaschine zumBeispiel ist einfach ein Gebläse. Wie erzeugt man Gerüche? DOMKE:Wir habenunsereWün- scheformuliert,wonachesriechensollte. EineFachfrau, diesichberuflichmitdem MischenvonunterschiedlichstenGerü- chen beschäftigt, hat uns vier verschie- deneGeruchsfläschchenzurVerfügung gestellt: Ein Geruch heißt „Glasgow zur Zeit der Industrialisierung“, ein anderer „AlterKohlenkeller“. DieGerüchemuss mantröpfchenweisedosieren, dannwer- densiemit einerNebelmaschineverteilt. Am Ende riecht es annähernd so wie unter Tage. Und das Rütteln? OHRNDORF: Der User steht auf einer Holzplatte, die ist 1,80 mal 1,80 Meter groß. Darunter sind soge- nannte Körperschallwandler, das ist im Prinzip ein Subwoofer, der tiefe Frequenzen in Bewegung umsetzt. Das rüttelt ganz ordentlich. ZumVerständnis: Die Experience kann ohne dieses Rütteln und die anderen 4-D-Effekte auch zuHause genutzt werden: Jeder kann sie sich von der Plattform „Steam” kostenlos herunterla- den. Man braucht außer einem leistungsfähigen PC eine spezielle Gamer-VR-Brille und die passenden Controller. Nur vergleichsweisewenige Leutewerden je indenGenuss kommen, diese 4-D-Erfahrung zu machen. Warum dieser Aufwand? OHRNDORF: Wir werden in diesem Jahr möglichst vielen Leuten die Gelegenheit geben, das auszuprobieren: auf Konfe- renzen undMessen, aber auch auf Veranstaltungen rund um den Bergbau. Vielleicht haben manche Leute Ideen für Verbesserun- gen. Es ist das erste Mal, dass wir so etwas gemacht haben, da ist bestimmt nicht alles optimal. DOMKE:Wir denken auchdarüber nach, erstmalsmit einem WDR-Projekt auf der Gamescom präsent zu sein. Denn die dor- tige Zielgruppe erreichen wir nicht mit unserem Fernseh- und Radioprogramm. Wir werden sie über diesen Umweg womöglich erstmals an Inhalte des WDR heranführen. Also besuchen Sie nicht nur Fachmessen wie in Austin? DOMKE: Austin war ein Glücksfall. Die „South by Southwest“ hat 70.000 Teilnehmer, die Hälfte der Besucher bei uns war übrigens deutschsprachig. Wir durften im Rahmen des Standes „Made in Germany“ ein Aushängeschild sein und den WDR als ausgesprochen innovatives Unternehmen präsentie- ren. Gleichzeitig war das für uns auch die Generalprobe für die deutschen Veranstaltungen, die Republica AnfangMai mit 8000 Teilnehmern und die Internationale Funkausstellung (IFA). Und wir planen, die Experience an ausgewählten Schulen anzubieten. Wenn ich anmeine Schulzeit denke, ich hättemir gewünscht, mal auf diese Art in die Haut eines Bergmanns zu schlüpfen. Wie haben die Leute in Austin reagiert? OHRNDORF: Am letzten Tag der Messe sind viele Leute gekommen, die gesagt haben: „Ich habe das empfohlen bekom- men.“ Auf einer Messe, auf der es so viel zu sehen gibt, so viele Experiences! Das bedeutet, die Betrachter waren wirklich begeis- tert, alles Leute, die sich intensiv mit dem Thema Virtual Reality auseinandersetzen. Eine Besucherin erzählte uns, dass sie sowas auch mal programmieren wollte, es aber nicht hinbekommen habe: „And you guys actually did it!“ Mit Stefan Domke und David Ohrndorf sprach Christian Gottschalk Erste Präsentationstermine der 4-D-Bergwerks-Experience: Republica, Berlin: 2. bis 4. Mai IFA, Berlin: 31. August bis 5. September Digility, Köln: 26. bis 27. September DieRepublica ist einederweltweitwichtigstenKonferenzen zu den Themen der digitalen Gesellschaft. Auch in diesem Jahr ist derWDRwiedermit richtungsweisendenProjekten und Diskussionen vertreten: vom 2. bis 4. Mai in Berlin. WDR Augmented Reality: „Kriegskinder – War Children“ Anne aus Köln, Vera aus London und Emma aus Leningrad: Sie gehören zu den letzten Zeitzeuginnen des ZweitenWeltkrieges. Als Kinder waren sie Tod und Zerstörung hilflos ausgeliefert. Das Projekt „Kriegskinder – War Children“ holt sie mit der neuesten AR-Technologie ins Wohnzimmer und in die Schu- len. Ihre berührenden Geschichten bleiben so zukünftigen Generationen erhalten. „Kriegskinder AR“ ist ab Herbst 2018 als App verfügbar. In Berlin wird das Projekt auf dem Stand des WDR präsentiert. »Monitor«-Forum: Journalismus imNetz: ZwischenFakten, Fake, Haltung und Hate Für viele Journalisten ist das Internet zum Minenfeld gewor- den; vor allem die sozialen Netzwerke, in denen gewinnt, wer zugespitzt undmeinungsstark formuliert.Wo jeder Beitrag und jeder Kommentar direkt tausendfach bewertet wird, fällt es auch vielen Journalisten immer schwerer, cool zu bleiben. Dabei heißt es doch immer wieder, sie sollen doch bitte „neutral“ berichten und sichmit keiner Sache gemeinmachen. Dochwas heißt das eigentlich? Darüber diskutiert »Monitor«-Chef Georg Restle mit Dunja Hayali (ZDF), Kai Gniffke (»Tagesschau«) und Silke Burmester (freie Journalistin) auf einem Panel. »Berlin. Paris. Terror.« Wie verändert Terror das Leben von Betroffenen? Und wie reagieren Menschen, die sich unmittelbar im Geschehen eines Anschlags wiederfinden? Diesen Fragen geht der WDR mit »Berlin. Paris. Terror.« in einer neuartigen Erzählform auf denGrund: ImMittelpunkt des zweiteiligen 360-Grad-Virtual- Reality-Projekts stehen die Empfindungen der unmittelbar betroffenen Menschen. Präsentiert wird es an einem eigenen Stand im Bereich der Media Convention. Recherche- und Doku-Projekt »docupy« Mit dem Projekt »docupy« beleuchtet die Redaktion von »Die Story« drängende gesellschaftspolitische Themen wie soziale Schieflagen und Chancengleichheit – und wirft dazu relevante Fragen auf, die zur Diskussion anregen. Bereits im Vorfeld der TV-Dokumentationen „Ungleichland“, die imErsten (ARD) und imWDR Fernsehen ausgestrahlt werden (siehe Seite 23) , startete »docupy« mit Online-Aktionen, die imNetz für Furore sorgten (#ungleichland). Auf der parallel zur Republica stattfindenden Media Convention spricht das Team im Rahmen eines Panels über seine Arbeit. EB Der WDR auf der Republica 4-D-Bergwerks-Experience, WDR-Stand, Texas: Eine Frau, ausgerüstet mit VR-Brille und Zwei-Kilo-Gewichts- Manschetten, haut in einem virtuellen Bergwerk des Jahres 1918 Kohle aus dem Flöz. Foto: Stefan Domke Stefan Domke (l.) und David Ohrndorf Foto: WDR/Sachs „Wir planen, die Expe- rience an ausgewählten Schulen anzubieten.“

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