WDRprint Mai/2018

17 16 Abschied von der Kohle Auf dem Küchentisch steht er und brennt: der Steinkohlesänger – so nen- nen Bergleute ihre Grubenlampen – aus dem Jahr 1890. Das Licht des anti- ken Lichtspenders wird hier bei der Familie Jürgen Jakubeits auch nach dem 19. Oktober nicht ausgehen – und an die 1000-jährige Geschichte des Bergbaus im Ruhrgebiet erinnern. Denn die Berg- baugeschichte ist untrennbar mit ihrem persönlichen Leben verbunden. Am 19. Oktober wird der Steiger noch einmal einfahren und seine letzte Schicht auf Prosper-Haniel in Bottrop leiten. Dort nen- nen ihn alle nur „Jacke“, abgeleitet von sei- nem Nachnamen. Bergmann in der dritten Generation Der Oberhausener hat sich vomeinfa- chen Hauer zum Reviersteiger hochgear- beitet – 76 Mann hat er in seinem Abbau- betrieb unter sich, jeden Tag werden es jetzt weniger. „Männer, die nie geweint haben, heulen nach ihrer letzten Schicht“, sagt Jakubeit. Denkt er selbst an diesen nicht mehr allzu fernen Tag, dann steigen Das letzte Glückauf Bald ist Schicht im Schacht. Ende des Jahres – am 21. Dezember – schließt mit Prosper-Haniel die letzte Zeche im Ruhr- gebiet. WDR 2, WDR 5 und die »Lokalzeit Ruhr« begleiten Steiger Jürgen Jakubeit und seine Familie durch diese letzten Monate der Bergbauära. ihm, dem harten Kerl mit dem drahtigen Körper, ebenfalls Tränen in die Augen, die Stimme wird brüchig: „Mir klopft das Herz. Dann ist Schluss, und nichts wird mehr so seinwie es war.“ Das Fernsehteam der »Lokalzeit Ruhr« sowie WDR 2 und WDR 5 begleiten ihn das Jahr über und werden auch bei Jürgens letztem Arbeits- tag mit dabei sein. Der Bergbau steht an erster Stelle Der Bergbau imRuhrgebiet hat Jürgen Jakubeits bisheriges Leben geprägt. Bereits sein Großvater und auch sein Vater arbei- teten unter Tage, Jakubeit ist Bergmann in der dritten Generation. Aufgewachsen in einer typischen Bergbausiedlung nahe der Zeche, stand für „Jacke“ eigentlich schon immer fest, dass er mit der Tradition der Familie nicht brechen wird. 1985 war es dann so weit: Seine Aus- bildung zum Bergmann begann. „Mit uns in die Zukunft“, lautete damals das Motto der Bergwerke im Ruhrgebiet. Und das habe ich fest geglaubt. Ich dachte, das geht ewig so weiter“, erzählt der Bergmann dem Reporter Olaf Biernat. Seit März begleitet der Journalist für WDR 2 undWDR 5 den Steiger und seine Familie. „Das Ende des Bergbaus ist nicht einfach nur ein wirt- schaftlicher Fakt. Es verändert das Leben vieler Menschen imRuhrgebiet. Was diese Umwälzungen bedeuten, zeigen wir am Beispiel dieser Familie“, sagt Biernat. „Für Jürgen kommt erst der Berg- bau, dann die Kumpel – und dann ich“, sagt Lebensgefährtin Marion Altenkamp. „Der 19. Oktober wird eine ganz große Lücke in seinem Leben hinterlassen, die wir füllenmüssen und werden.“ Fest steht: Ohne Bergbau kann und will Jürgen nicht leben. Deshalb streckt er die Fühler schon nach neuen entsprechenden Betätigungs- feldern aus: Die »Lokalzeit Ruhr« aus Essen begleitete Jürgen bereits zu jahrhunderte- alten Stollen imDortmunder Süden, die zu Museumszwecken erhalten werden. Besucher durch Lehrstollen führen Auch in Kamp-Lintfort gibt es einen Museums-Lehrstollen. Dort wurde eine Kohlenstrecke nachgebildet – undBesucher Grubenfahrt mit Jürgen Jakubeit zu gewinnen Beim WDR 2-Bergbauquiz kann man im Mai Grubenfahrten gewinnen. Das Besondere: Steiger Jürgen Jakubeit wird die Gewinner begleiten – und ih- nen so einen exklusiven Einblick in die Welt unter Tage gewähren. Teilnahme- bedingungen: WDR 2 einschalten! Jürgen Jakubeits Abschied von der Steinkohle: www.wdr.de/k/tief-im-westen berichten. Damals begruben ihn schwere Gesteinsbrocken. Der Halswirbel wurde schwer verletzt, es drohte dieQuerschnitts- lähmung. 18Monate langmusste Jacke über- wiegend liegen. Doch während dieser gan- zen Zeit hatte der 49-Jährige nur eines im Sinn: „Ich wollte unbedingt zurück in den Schacht.“ Undmit größtemWillen kämpfte sichder Reviersteiger genaudorthin zurück. „Kein anderes Ereignis unterstreicht eindrucksvoller, wie sehr Jürgen mit dem Bergbau verbunden ist“, sagt Reporter Bier- nat. „Bergbau imRuhrgebiet war vielmehr Berufung als Beruf.“ Jürgen ist sich sicher, dass sichmit der Schließung von Prosper-Haniel die Kultur- landschaft Ruhrgebiet für immer verän- dern wird: „Wir Ruhrpottkinder sterben aus.“ Er will es nicht verhehlen – Jürgen befürchtet den Verlust eines wesentlichen Teils seiner Heimat. Ruhrpottkinder werden aussterben Wenn der Schmerz darüber zu groß wird, dann setzt er sich mit Marion in seinen schwarzen Ford Mustang, Baujahr 1968, und fährt auf Antik-Märkte. Auf denen hält er dannAusschau nachGruben- lampen. 20 Exemplare aus verschiedenen Ländern und Jahrzehnten stehen schon in seinem Oberhausener Reihenhaus. Nein, einen Jürgen ohne Bergbau wird es einfach nicht geben: „Glückauf, Glückauf, der Stei- ger kommt. Und er hat sein helles Licht bei der Nacht schon angezünd’t.“ Tobias Zihn erfahren alles über die Abbautradition im Revier. „Ich kann mir gut vorstellen, dass ich in Zukunft Gruppen hier durchführe und ihnen von meinen 33 Jahren Arbeit als Bergmann erzähle“, sagt Jakubeit. Dann wird er sicher auch von seinemUnfall 2005 Reporter Olaf Biernat zu Besuch in Oberhausen (v. l.): Marion, die Töchter Jule und Jenny und Jürgen Jakubeit. Fotos: WDR/Görgen Jürgen Jakubeit mit dem „Steinkohlesänger“, seiner Grubenlampe aus dem Jahr 1890.

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