WDRprint Mai/2018

23 22 TV kompakt TV kompakt Mit sechs Dokus verschiedener ARD- Anstalten erobert die Reihe „Die Story im Ersten – Was Deutschland bewegt“ den Hauptsendeplatz um 20.15 Uhr. Einige der Themen wird das Talk- magazin »hart aber fair« aufgreifen, um darüber im Anschluss zu diskutieren. „Wissen Sie eigentlich, was Sie Ihrem Kollegenmit einer Anzeige antun?“, musste sich die SoldatinNora von ihremVorgesetz- ten anhören. Die Konsequenzen für den Täter wogen für ihn scheinbar schwerer, als die erwiesene Vergewaltigung Noras und der Abbruch einer daraus resultierenden Schwangerschaft. Ihre Geschichte ist eine von vier, die der WDR-Film „Vergewaltigt. Wir zeigen an!“ erzählt. Nach der Reform des Sexualstrafrechts sind die Zahlen der Vergewaltigungsanzeigen sprunghaft angestiegen. Allerdings fehlt es vielerorts an Anlaufstellen für betroffene Frauen und an der nötigen Sensibilität imUmgang mit den Opfern. Ein drastisches Beispiel hierfür ist der Fall von Anna. Sie wurde als 18-Jährige von zwei Männern alkoholisiert, vergewaltigt unddabei gefilmt. ImGerichts- saal zwang man sie, sich das Video dieser abscheulichen Tat anzusehen. Für Anna eine Traumatisierung, sogar „schlimmer als die Tat selbst“. Knallharte Themen zur Primetime lichen Aufschwung nichts mitbekommen haben. Der HR ist mit dem Beitrag „Wenn Eltern ihre Kinder misshandeln“ vertre- ten. Die SWR-Doku „Das Mädchen und der Flüchtling“ handelt von dem Fall, der das rheinland-pfälzische Kandel erschüt- terte: Eine 15-Jährige war dort im Dezem- ber 2017 mutmaßlich von ihrem afghani- schen Freund erstochen worden. „Pflege: Hilft denn keiner?“ vom SWR schließt die Reihe ab. Sendeplatz ist ein Signal „Super, dass wir nun in der ARD Dokumentationen mit knallharten The- men zur besten Sendezeit platzieren kön- nen“, meint Jessica Briegmann. Der Sende- platz der Reihe am Montag um 20.15 Uhr sei ein Signal. Das bestätigt Udo Grätz, der Leiter der Programmgruppe Inland und stellvertretende Chefredakteur des WDR Fernsehens: „Es ist uns wichtig, mit hoch- wertigenDokus in der Primetime Input für die Diskussionwichtiger gesellschaftlicher Themen zu geben.“ CSh »Die Story im Ersten« Was Deutschland bewegt Die Schattenseiten des Booms Das Erste MO / 30. April / 20:15 Ungleichland Wie aus Reichtum Macht wird Das Erste MO / 7. Mai / 20:15 Wenn Eltern ihre Kinder misshandeln Das Erste MO / 14. Mai / 20:15 Vergewaltigt. Wir zeigen an! Das Erste MO / 28. Mai / 20:15 Das Mädchen und der Flüchtling Das Erste MO / 4. Juni / 20:15 Pflege: Hilft denn keiner? Das Erste MO / 11. Juni / 20:15 Obwohl in allen vorgestellten Fällen Dinge skandalös falsch gelaufen sind, soll der Film Frauen keinesfalls entmutigen, sexuelle Übergriffe anzuzeigen. „Unsere Protagonistinnen sind sehr stark, und trotz aller Widrigkeiten sagen sie: ,Es gab für mich keine Alternative zur Anzeige, und ich würde es wieder tun‘“, so Nicole Rosenbach, die Autorin des Films. Mängel klar benennen „Der Titel mit dem Ausrufezeichen ist bewusst gewählt“, sagt die Redakteurin Jessica Briegmann, die sich der potentiel- len Gefahr der abschreckenden Wirkung bewusst ist. „Man kann aber nur einen Wandel anstoßen, wenn manMängel klar benennt“, ist sie überzeugt. Der Filmmache deutlich, dass bessere Strukturen zum Opferschutz geschaffen werden müssen, und dass Polizei wie Justiz Schulungen im Umgang mit Opfern benötigen. Neben den WDR-Produktionen „Ver- gewaltigt. Wir zeigen an!“ und „Ungleich- land –Wie aus ReichtumMacht wird“ (siehe Seite 23) ist in der Reihe „Die Story im Ers- ten – Was Deutschland bewegt“ die MDR- Doku „Die Schattenseiten des Booms“ zu sehen. Darin geht es um Regionen im Osten der Republik, die vom wirtschaft- Verwaltigungsopfer haben Angst, dem Täter erneut zu begegnen. Foto: WDR Seit November flossen Recherchen zur Ungleichheit inDeutschland unter dem Label »docupy« inWeb-Videos, diemilli- onenfach verbreitet und diskutiert wur- den. Mit der dreiteiligen Fernseh-Doku „Ungleichland – Reichtum. Chancen. Macht“ findet das crossmediale Projekt der „bildundtonfabrik“ im Auftrag von »Die Story« nun seinen Abschluss. „Wenn Sie ein großes Vermögen haben, können Sie es durch Konsumnicht mehr zerstören. Sie schmeißen das Geld zum Fenster raus, und es kommt zur Tür wieder hinein“, sagt Christoph Gröner, einer der größten deutschen Immobilien- entwickler. Er baut in nahezu allen Groß- städtenDeutschlandsMehrfamilienhäuser und verkauft Eigentumswohnungen. Eine solche Wohnung hätte auch Familie Clauss gerne, doch obwohl die zweifachen Eltern als Ingenieur und Labor- angestellte immer gearbeitet haben, bleibt dieser Traum für sie unerreichbar. Wie viele Vertreter der unteren Mittelschicht kämpfen sie darum, ihren Status zu erhal- ten – auf Aufstieg keine Chance. Die Mittelschicht ist der Verlierer der Globalisierung, so die These von Branko Milanović, ehemaliger Chef-Ökonom der Weltbank: „Sie verdienen heute das, was sie auch schon vor 20 Jahren verdient haben.“ Deutschland „Ungleichland“ senWohlstand erwirtschaften, muss Herr Clauss nun fürchten, seinen Job bei einem großen Unternehmen zu verlieren. Für die Familie würde das bedeuten, dass sie sich ihr Leben so vielleicht nicht mehr leisten kann. Teil III schließlichwirft einenBlick auf die Strukturen der Macht und den Zusam- menhang zwischen Vermögen und politi- schem Einfluss. Eine Zusammenfassung der drei Filme wird vorab in der Reihe »Die Story imErsten –WasDeutschland bewegt« zu sehen sein (siehe Seite 22) . CSh Die Story im Ersten: Was Deutschland bewegt Ungleichland Wie aus Reichtum Macht wird Das Erste MO / 7. Mai / 20:15 Ungleichland Reichtum. Chancen. Macht. www.docupy.de www.facebook.com/docupy www.twitter.com/docupy www.instagram.com/docupy docupy bei WDR Doku auf Youtube www.wdr.de/k/docupy-playlist WDR FERNSEHEN MI / 16., 23., 30. Mai / 22:10 Die Autorinnen und Autoren Julia Friedrichs, Fabienne Hurst, Andreas Spin- rath und Michael Schmitt begleiteten für „Ungeichland“ unter anderemdenMilliar- där Gröner und die Familie Clauss in ihrem Alltag. Von Baron von Bechtolsheim ließen sie sich erklären, wie sein „Family Office“ die Vermögen reicher Leute verwaltet und mehrt. Und sie sprachenmit Experten wie Milanović, dem Wirtschafts-Nobelpreis- träger Joseph Stiglitz oder der Soziologin Brooke Harrington. Während Teil I der Reihe sich mit der ungleichen Verteilung von Vermögen beschäftigt, widmet sich Teil II der Chancenungleichheit. Die Strukturen der Macht „In wenigen Ländern ist der Zusam- menhang zwischen Bildungschancen und demMilieu, aus demman stammt, so groß wie in Deutschland“, sagt Redakteurin Nicole Ripperda, die das Projekt zusammen mit Nicole Kohnert betreut. Gröner ist eine Ausnahme, denn er hat es geschafft, sich aus bescheidenen Verhältnissen hochzuar- beiten. Und er erkennt, wie viel einfacher es seine Kinder haben, im Leben etwas zu erreichen. Am Beispiel der Familie Clauss wird deutlich, dass eine gute Ausbildung allein keine Sicherheiten im Leben mehr bietet: Konnte man früher als Ingenieur eine Familie gut ernähren und einen gewis- „Wir leben in der geilsten Gesell- schaft der Welt“, glaubt der Immo­ bilienentwickler Christoph Gröner – hier in seinem Privatjet – weil hierzulande jeder alles werden kann. Foto: WDR

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