WDRprint Mai/2018

53 Berufsbilder 52 Kurz vor 20 Uhr treffen wir Magdalena Meisen in der Maske. Seit phoenix, der Ereignis- und Informations- kanal von ARD und ZDF, auf Sendung gegangen ist, arbeitet die 57-Jährige frei als hauptbe- rufliche Gebärdensprachdol- metscherin für Gehörlose und schwerhörige Menschen in Bonn. Das sind jetzt 21 Jahre. Ein bisschen Lampenfieber ist trotzdem immer noch dabei, wenn sie ins Studio geht. „So eine gesunde Aufgeregtheit gehört einfach dazu, damit der Adrenalinspiegel so hoch ist, dass man sich gut konzentrie- ren kann“, erklärt sie. Das Simultan-Dolmet- schen der »Tagesschau« ist sehr anspruchsvoll, weil es hier um komplizierte politische Zusam- menhänge geht. „Europaweite Sammelklage“ oder „Kommu- naler Arbeitgeberverband“ – Magdalena Meisen muss aus dem Stand die passende Gebärde parat haben. Während Meisen die 15 Minuten Moderation und Beiträge der »Tagesschau« aus Hamburg dolmetscht, ist sie live aus demBonner phoenix-Studio zugeschaltet. Die Themen oderModerationstexte kennt sie vorher nicht. Deshalb besteht ihre Vorbereitung darin, sich über die tages- politische Lage permanent auf dem Laufenden zu halten. Dazu hört sie viel Radio und verfolgt verschiedene Nachrichtensendun- gen. Meisen: „Was wir dannmachen, ist simultanes Dolmetschen in eine andere Sprache – nämlich in die Gebärdensprache.“ Muttersprachlerin Die Deutsche Gebärdensprache (DGS) besteht nicht etwa nur aus bildhaften Handzeichen und der vermeintlich überartiku- lierten Mimik, sondern folgt komplexen Regeln, wie jede andere Sprache auch. „Die DGS hat eine eigenständige Grammatik, ein eigenes Lexikon und eine eigene Syntax“, erläutert Meisen. Theo- retisch kann also jeder die DGS wie eine Fremdsprache erlernen, Vokabeln üben und Regeln pauken inklusive. Bei Magdalena Meisen verlief das etwas anders, denn die Gebärdensprache ist ihreMuttersprache. Da ihre Eltern taub sind, warenGebärden ihr erster sprachlicher Ausdruck überhaupt. Das hat ihr nicht nur einen enormen Vorteil bei der Sprachkompetenz verschafft, sondern wichtiger noch: Sie weiß um die praktischen Schwierigkeiten, denenTaube sich täglich gegenüber sehen.Wenn sie nicht bei phoenix die »Tagesschau« oder das »heute journal« dolmetschen, arbeitenMeisen und ihre Kollegen undKolleginnen etwa bei Gericht, Arztbesuchen, Elterngesprächen imKindergar- ten oder bei Notar- und Bankgesprächen. Den Bedarf für Gebär- densprachdolmetscher können sich auch Nicht-Betroffene somit leicht vorstellen. Magdalena Meisen ist eine der Geschäftsführerin- nender Skarabee Partnerschaft Dolmetschen in Gebärden- sprache (www.skarabee.de ). In ihrem ersten Beruf hat sie als Heilpädagogin gearbeitet und die staatliche Prüfung im Gebärdensprachdolmetschen mangels Ausbildungsmög- lichkeiten erst später abgelegt. Inzwischen aber bieten viele Universitäten und Hochschu- len einen Studiengang Gebär- densprachdolmetschen an. Staatliche Prüfung Zunehmend absolvieren auchGehörlose die Ausbildung zum Gebärdensprachdolmet- scher. Eine Entwicklung, die Meisen sehr begrüßt. „Dass ich alsHörendeMuttersprachlerin in der Gebärdensprache bin, ist eher die Ausnahme“, erklärt sie. „Das ist aber ein hohes Qualitätskriterium. Bei gesprochener Sprache werden zum Beispiel im EU-Parlament auch nur Mut- tersprachler als Dolmetscher eingesetzt.“ Die Zusammenarbeit mit einem tauben Dolmetscher sieht in der Praxis so aus, dass Meisen die gesprochene »Tagesschau« für den Kollegen in Gebärdensprache übersetzt – und der Gehör- lose diese wiederum in seiner authentischen Gebärdensprache darstellt. „Das Ziel muss immer sein, dass ein tauber Mensch das Gefühl hat: Ja, genau so kann ich das sehr gut verstehen“, sagtMei- sen. Sie würde sich noch viel mehr Angebote in Gebärdensprache wünschen. Weil die gegenwärtige Situation aus ihrer Sicht drin- gend verbesserungswürdig ist, schätzt sie die Vorreiterrolle von phoenix umso mehr. „Wir haben anfangs viel Kritik bekommen. ‚Was soll denn das Gehampel?̒, hieß es. Aber das liegt daran, dass die wenigsten wissen, dass die Gebärdensprache eine komplexe, eigene Sprache ist.“ Mit der »Tagesschau« endet für Meisen ein langer Arbeitstag. AmMorgen hatte sie zunächst in einer Schule für ein taubes Kind gedolmetscht, anschließend stand ein Einsatz bei Gericht auf dem Terminkalender, jetzt die »Tagesschau«. Anders als die Kollegen, die es in ihrer Dolmetscher-Kabine mit gesprochener Sprache zu tun haben, ist sie bei ihrer Arbeit ständig zu sehen. Eine zusätz- liche Herausforderung. Meisen: „Ich wünschte manchmal, auch für uns gäbe es so etwas wie die Räuspertaste.“ Ute Riechert Stellen Sie sich vor, Sie schalten den Fernseher ein – und kön- nen der Sendung nicht folgen, weil Sie sie nichts hören. Für taube Menschen ist das All- tag. Dank der Gebärdensprache können Gehörlose aber sehr wohl am Leben teilnehmen und auch Fernsehsendungen verfolgen. Für sie dolmetscht Magdalena Meisen bei phoenix regelmäßig unter anderem die »Tagesschau«. Eine von uns: MAGDALENA MEISEN Magdalena Meisen dolmetscht simultan bei phoenix für Gehörlose. Foto: WDR/Dahmen

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