WDRprint Juni 2018

Fußball WM 13 12 Fußball WM Was im Mai mit den Diskussionen um das Visum für den ARD-Dopingexperten Hajo Seppelt seinen traurigen Höhepunkt gefun- den hat, reicht in seinen Anfängen bereits viele Jahre zurück. Schon seit Ende 2007 berichtet das WDR-Magazin »Sport inside« über Verfehlungen des Fußball-Weltver- bands FIFA. WDR print sprach mit den »Sport inside«-Redakteuren Uli Loke und Jochen Leufgens über dieWeltmeisterschaft in Russland. Kam der „Fall Seppelt“ für Sie zu diesem Zeit- punkt überraschend – oder war es doch eher eine Diskussion mit Ansage? ULI LOKE: Nun, man muss dafür eigent- lich nur in die Vergangenheit schauen. Unserem Autor Robert Kempewurde imMai vergangenen Jahres die Einreise zum FIFA-Kongress in Bah- rain vomdortigenMinisterium für Information verweigert. Unser Protestbrief ist bei der FIFA versandet, die sich nach eigener Aussage damals für machtlos hielt. Insgesamt zeigen solche Fälle vor allem, in welchen Ländern die FIFA bevor- zugt ihre Kongresse veranstaltet und den Ball rollen lässt. Ist der Sport imAllgemeinen und der Fußball im Speziellen endgültig politisch geworden? JOCHEN LEUFGENS: Der Sport und der Fußball waren nie unpolitisch. Die Behauptung, sie seien es, ist eine, die die großen Sportver- bände gerne heranziehen, damit sie sich in jedemLand arrangieren können – auch dort, wo eben keineDemokratie herrscht undMenschen- rechte keine Rolle spielen. Und das ist nicht neu: DieWM 1978 fand unter demmenschenverach- tenden Videla-Regime in Argentinien statt, die FIFA hat den Gastgeber nie kritisiert. LOKE: Wobei sich der Fokus der Aufmerk- samkeit in der Öffentlichkeit verschoben hat. Themen wie Doping, Korruption und Manipu- lation im Sport sind nicht mehr auszublenden. Die stehen einfach mit auf der Agenda. Viele sprechen in der Tat von einer Weltmeisterschaft der Korrup- tion und einer, bei der Menschenrechte nicht viel wert sind. LEUFGENS: Wie soll man von dieser WM auch anders sprechen? Die Vergabe an Russland wird für immer mit die- sem Makel leben müssen. Etwa die Hälfte derer, die über die Vergabe entschieden haben, wurde seitdem mit Korruption in Zusammenhang gebracht. Darüber, dass zudemMenschenrechte mit Füßen getreten werden und die FIFA danebensteht, wurde ebenfalls berichtet – mehrfach auch von uns. Aber selbst das ist kein neues Phänomen: Auch die vergangene WM in Bra- silien und die kommende in Katar sind keinen Deut besser, und die sogenannten Refor- men der FIFA nichts wert. Die Frage ist nur: Wann schiebt jemand dem einen Riegel vor? Oder auch: Wann wird aufge- hört, Geld in dieses System zu pumpen? Und wie sieht es auf Ebene der europäischen Fußball-Union UEFA aus? LOKE: Das ist auch nicht unproblematisch, wie etwa das laufende Bewerbungsverfahren umdie EM2024 zeigt. Der DFB hat da ja seinenHut in denRing geworfen, und das, obwohl die Affäre um die Vergabe derWM 2006, also die letzte Fußball- Großveranstaltung hierzu- lande, noch nicht wirklich aufgeklärt ist. Und beim einzigen Mitbewerber Türkei steht es um die Themen Menschenrechte und Pressefreiheit ja eher miserabel. Um nochmal auf Russland zu kommen: Was ist denn derzeit das größte Problem bei einem Turnier dieser Größenordnung? LEUFGENS: Unter anderem sind die Menschen, die die Stadien bauen, die Leidtragenden. Wir haben Menschen an mehreren WM-Bauten getroffen, denen Lohn vorenthalten wurde, der für sie existentiell ist. An einem Ort konnten wir durch unsere Recherche sogar nachweisen, dass nordkorea- nische Zwangsarbeiter beschäftigt wurden. Auf der anderen Seite kassieren viele der kremlnahen Oligarchen. Dass es die Allgemeinheit ist, die unter den Folgen solcher Großereignisse leidet, haben wir ja oft beschrieben: Rio de Janeiro etwa, wo Spiele der WM 2014 und die Olympischen Spiele 2016 stattfan- den, ist pleite, öffentliche Einrichtungen müssen schließen, Sportstätten vergammeln. „Der Sport und der Fußball war en nie unpolitisch“ Putins Meisterwerk – eine WM umMacht und Millionen Das Erste SA / 9. Juni / 18:25 Der Fußball und der Terror – Russlands WM zwischen Euphorie und Angst WDR FERNSEHEN MI / 6. Juni / 22:10 Wie stark ist denn derWiderstand gegen die FIFA, gegen die Sport- verbände? LEUFGENS: Es ist zunehmend zu beobachten, dass Städte und deren Bürger sich etwa aufgrund der finanziellen Risiken gegenGroßereignisse wie Olympische Spiele aussprechen und aus Bewerbungsverfahren zurückziehen, wie jüngst auch Hamburg und München. Das ist sicherlich auch eine Folge der sportkriti- schen Berichterstattung. LOKE: Beim Fußball ist die Stimmungslage allerdings generell noch eine andere. Da würde sich beispielsweise keine Mehrheit finden gegen die Aus- tragung einer EM in Deutsch- land. Auch wenn bei den Aus- wüchsen des Profifußballs die Stimmung langsam kippt und beimPublikumder realistische Blick auf das Ganze wächst. Wir groß ist die Hoffnung, dass sich die Situation bessert? LEUFGENS: Gering. Am 9. Juni läuft im Ersten die Dokumentation „Putins Meis- terwerk – eine WM um Macht undMillionen“, eine Ko-Produk- tion von WDR und SWR. Was erwartet die Zuschauer? LEUFGENS: Der Film wirft einen wichtigen Blick auf Russland und dieWeltmeis- terschaft. Er zeigt, wie Kritiker mundtot gemacht werden, für wen sich dieWMammeisten lohnt und wer die Verlierer sind. Daneben wird auch erklärt, warum die WM für den FIFA-Präsidenten Gianni Infantino ein Erfolg werden muss. Die Fragen stellte Christian Schyma Jochen Leufgens (l.) und Uli Loke aus dem »Sport inside«-Team des WDR. Foto: WDR/Sachs Fußballer unter Dopingverdacht, die Diskussion um ein verweigertes Visum für einen investigativen WDR- Reporter und viele weitere Skandale: Die WM um Präsident Putin ist längst zum Politikum geworden. Foto: dpa „Die Frage ist nur: Wann wird aufgehört, Geld in dieses System zu pumpen?“

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