WDRprint Juni 2018

Unternehmen 17 16 Unternehmen „Ichmöchte, dass wir Vorbild werden.“ und Abhängigen passiert, ebenfalls. Freie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Volontärinnen und Volontäre, Praktikanten und Praktikantinnen eingeschlossen. Wie schwierig ist es, in konkreten Fällen Konsequenzen zu ziehen und die beschuldigten Mitarbeiter zu sanktionieren? Übergriffe ereignen sich selten unter Zeugen, sie sind selten sichtbar. Sondern, ganz abstrakt formuliert: Zwischen zwei Men- schen spielen sich Dynamiken ab, die beide unterschiedlich erle- ben und bewerten. Welcher Täter gibt zu, dass sein sogenannter „Flirtversuch“ auf seinemStatus beruhte und nicht auf seiner ver- meintlichen Attraktivität?Welche Betroffene hat in der Situation die gesunde Aggression, dem anderen gleich in der Situation eine herunterzuhauen? Hinzu kommt, was ja inzwischen Allgemein- wissen ist: Die Betroffenen schämen sich, ihr Verhalten ist ihnen peinlich, sie haben Angst vor rechtlichen Konsequenzen, sie wol- len nicht als Petze im Kollegenkreis gelten. Verkehrte Welt – sie ziehen Schuld auf sich! Beschuldigte wiederum weisen alles von sich. Oder sind geradezu erstaunt. Eine schwierige Situation. Sexuelle Übergriffe sind nicht der Griff in die Kasse. Also mess- bar, dinglich. EinArbeitgeber muss Taten, Worte, Umstände abwägen, beiden Seiten sehr genau zuhören. Und ja, dieser Perspektivenwech- sel ist sehr ernst zu nehmen. Bloß keine Bauchgefühle. Wenn wir in der Zivilgesellschaft Persönlich- keitsschutz ernst nehmen, dann doch auch in einer arbeitsrechtli- chenPrüfung. Ichwiederholemich: Aufarbeiten ist keinAutomat, wo oben eine Beschwerde reingewor- fen wird und unten Gerechtigkeit undWahrheit herauskommen. Einige JournalistenwerfendemWDRvor, er sei inder Vergangenheit zu laschmit Hinweisen auf sexuelle Belästigung umgegangen. Was entgegnen Sie solchen Äußerungen? Ich will nichts schönreden: Wenn im Sender bereits vor vie- len, vielen Jahren die Sensibilität von heute existiert hätte und wenn der Willen zur Prävention so klar gewesen wäre wie heute, hättenwir weniger Kritik verdient. Und jetzt kommt einAber: Der Zeitgeist in den frühen 90ern war sehr anders, die Chefs nicht unbedingt vom Feminismus beseelt, und Frauen nicht in Macht- positionen. Hinzu kommt: Gerüchte sind falsche Freunde. Sie vermehren und halten sich gern im Teambereich und kommen nicht immer bei Entscheidern an. Oder werden schlichtweg unter- schätzt. Ein Letztes: Ich habe sehr schnell gehandelt imEinzelfall, und es gab von meinem Chef ein eindeutiges Go. DerWDR hat inzwischen die ehemalige ÖTV-Vorsitzende und ehe- malige EU-Kommissarin Monika Wulf-Mathies mit der Aufarbei- tung beauftragt und zwei Kanzleien als Anlaufstellen für Betroffene benannt. Warum ist es wichtig, sich bei der Aufarbeitung Hilfe von außen zu holen? Eine solche Aufarbeitung spielt sich, wie gesagt, im intimen, psychologischen Bereich ab. Darumwollen viele Betroffene lieber anonym bleiben. Externe Ansprechpartnerinnen helfen da sehr, Hemmungen zu überwinden. Außerdem:Manche haben leider das Vertrauen verloren, dass derWDR aus eigener Kraft Gerechtigkeit herstellt. In ihrer Wahrnehmung ist der Sender ebenfalls Player. Ich selbst fand es sehr anstrengend, streckenweise Ermittlerin, Staatsanwältin und womöglich Richterin sein zu sollen. Das geht gar nicht. Einige Journalisten fordern, dass derWDRdieÖffentlichkeit umfas- sender informiert.Wie schwierig ist es aus Ihrer Sicht, Öffentlichkeit und Mitarbeiter im Detail auf dem Laufenden zu halten? Ist die Kritik wirklich berechtigt? Die Fälle sind viel komple- xer, als es Außenstehende wahrnehmen wollen. Mag sein, dass es am Anfang geruckelt hat, weil alle Beteiligten sich in die Materie einarbeiten mussten, weil ein gutes Verfahren gefunden werden musste, und ja, weil derWDRgetriebenwurde von anderenMedien. Ich selbst wurde mehrfach gegen Mitternacht angerufen, um irgend- ein Detail zu klären. Das ist keine Beschwerde. Wer selbst investiga- tiv arbeitet, darf imUmkehrfall kein Glaskinn haben. Mein Eindruck: Selten ist so viel diskutiert worden, intern und extern. Wir wollen auf guter Grundlage Auskunft geben, Persönlichkeitsschutz respektie- ren, Ziele transparent machen. Und nicht den Boulevard bedienen. Glauben Sie, dass die Medienbran- che und speziell die TV-Branche besonders anfällig fürMachtmissbrauchund sexuelleÜbergriffe ist? Da ist etwas dran. Schon jeder freie Mitarbeiter weiß, wie wichtig die Chemie in einemTeam ist, umAufträge zu bekommen, um voranzukommen. Unsere Branche lebt von Kommunikation, vom Zwischenmenschlichen. Gutes kommt dabei heraus, große Kreativität, Vertrauen,Wir-Gefühl. Die Kehrseite ist, dassmanche die roten Linien nicht beachten und professionelle Nähe für ihre Zwecke missbrauchen. Was macht die ganze Debatte mit Ihnen persönlich? Die Debatte ist ja alt. Dass ein Nein wirklich nein bedeutet, ist keine taufrische Erkenntnis. Ich denke oft zurück: Wie Frauen auf der Straße dafür demonstriert haben, dass unerwünschte Anmache einen Preis hat. Dass Frauen nicht nur Körper sind. Ich begrüße die politischeDimension der Debatte sehr, siemuss Raum einnehmen, fürMänner und Frauen sichtbar werden. Hashtags zu liken, ist ein schwacher Ersatz. Ich möchte dazu beitragen, dass toxische Macht aus menschlichen Beziehungen verschwindet. Die Fragen stellte Svenja Siegert Mehr Informationen zur #metoo-Debatte im WDR: www.wdr.de/unternehmen Anfang April hat die #metoo- Debatte denWDR erreicht. Vor- würfe der sexuellen Belästigung wurden in der Öffentlichkeit diskutiert, der Umgang des Sen- ders damit kritisiert. WDR print hat mit Sonia Seymour Mikich, Chefredakteurin des WDR Fern- sehens, über die vergangenen Wochen gesprochen. Seit der „Stern“ Anfang April von Vorwürfen gegen einen WDR- Korrespondenten berichtet hat, erreichen den Sender immer mehr Hinweise und Anschuldigungen. WDR-Mitarbeitern wird vorge- worfen, ihre Positionen ausgenutzt und Frauen sexuell belästigt zu haben. Wie haben Sie diese Zeit und die Diskussionen imWDR erlebt? SONIA SEYMOUR MIKICH: Ohne zu übertreiben – eine enormanstrengende, triste Phase, die niemandenunberührt gelas- sen hat. In wenigenWochen verdichteten und überschlugen sich in einem Betrieb mit rund 4500 Mitarbeiterinnen und Mitarbei- tern berechtigte Beschwerden, unterdrückter Groll, verdrängte Gerüchte, Unerledigtes aus fast drei Jahrzehnten. Durch die Ver- öffentlichung anderer Medien waren wir auf demPrüfstand. Und an den WDR werden hohe Maßstäbe gesetzt, keine Frage. Wir vollziehen jetzt, nach vorn geschaut, einen Kulturwandel. Das ist das Gute aus der #metoo-Debatte: Wir sind als Individuen und als Unternehmen herausgefordert, Machtmissbrauch zu identifizie- ren, auszusprechen, zu verhindern, und zu sanktionieren, wo es nötig wird. Auch wenn es schmerzt: Ich möchte, dass wir auch auf diesem Feld Vorbild werden. Was genau tut der WDR, um den Vorwürfen nachzugehen? Strukturell ist es nun verankert und transparent, anwen sich Betroffene wenden können. Intern und extern sind Ansprech- partner gefunden, so wird es leichter, sich zu äußern. Seminare, Coachings, regelmäßige Diskussionen in großen und kleinen Runden, Vertrauenspersonen auf Team-Ebene, konsequente Verbreitung der Leitlinien und der gesetzlichen Vorgaben – mit Energie und Zuversicht wird der Kulturwandel herbeigeführt. Und „Chefsache“ heißt nicht nur, dass Führungskräfte in der Verantwortung sind, sondern alle Mitarbeiterinnen und Mitar- beiter wichtig nehmen, was rechts und links von ihnen passiert. Prävention von solchen verstörenden Übergriffen hat Priorität. Und Bewusstseinsschärfung für alles, was zwischen Hierarchen „Aufarbeiten ist kein Automat, wo oben eine Beschwerde reingeworfen wird und unten Gerechtigkeit und Wahrheit herauskommen.“ Laut Sonia Seymour Mikich sind die Fälle „viel komplexer, als es Außenstehende wahr- nehmen wollen.“ Foto: WDR / Fußwinkel

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