WDRprint Juli/August 2018

45 44 Essay Man kann es ein zerrüttetes Verhält- nis nennen: Die Beziehung zwischen uns Journalisten und weiten Teilen der Gesell- schaft, die uns zunehmendmisstrauischer gegenüberstehen, zunehmend feindlicher. Die uns immer weniger glauben, weil sie längst dazu übergegangen sind, sich selbst zu versorgen: mit passgenauen Artikeln aus dem unendlich scheinenden Ange- bot der digitalen Kanäle und Plattformen. Die Forderung an uns klingt dabei immer gleich: Objektiv sollen wir gefälligst sein, neutral und ausgewogen – als sei dieWahr- heit ein Schatz in tiefer See, der nur noch gehoben werden muss. Journalismus als Handwerk, sonst nichts! Es ist eine klare, einfache Vorstellung und sie würde uns die Arbeit erheblich leichter machen – nur der Wahrheit, oder was viele darunter verste- hen, kämen wir damit wohl kaum näher. Schon gar nicht in dieser komplizierten, neuen, rundum vernetzten Welt. Keine Frage: Die Zeiten sind schwie- riger geworden, unübersichtlicher und atemberaubend beschleunigt. Wo sich fast jeder, der über einen Facebook- oder Twit- ter-Account verfügt, als Medium begreift undMeldungen sich imMillisekundentakt über dieWelt ergießen, gleichrangig, unge- prüft und sofort tausendfach kommentiert, kommt Journalismus an seine physischen und psychischen Grenzen – und wird zunehmend manipulierbar. Professionelle PR-Abteilungen und Spin-Doktoren haben ihre Versionen der Wirklichkeit längst im Netz der Welt verbreitet, bevor Journalis- ten sich daran machen können, die Spreu vom Weizen zu trennen – wenn sie in der Langsamkeit dieses Geschäfts überhaupt noch wahrgenommen werden. Bevor aufgeklärt und richtiggestellt wird, rollt schon die nächste Kampagne; algorith- misch verbreitet, mitten hinein in die Seele einer Gesellschaft, die der Propaganda der neuen digitalenMeinungsführer schutzlos ausgeliefert ist. Am Ende zählt die schiere Masse Dabei geht esmeist garnicht sosehrum Fakt oder Fake, sondern um die Geschich- ten, die uns da erzählt werden und die wir weiter erzählen sollen. Das, waswir so gerne Narrativ nennen. Ob schwarz oder weiß, ob ein Platz voll oder leer ist, lässt sich in der Regel schnell klären. Komplizierter wird es schon, wenn es umdenKrieg in Syrien geht oder einen Einsatz der israelischen Armee amGazastreifen. Manchmal genügen dann schon kleine Verschiebungen im Kontext und aus einemKriegsverbrechen wird eine legitime Verteidigung nationaler Interessen „Wirklichkeitsgenerator“ zu betrachten ist, dann bewegen sich Journalisten im stän- digen Zirkelschluss einer Relevanz, die allerdings immer seltener von ihnen selbst, dafür umso häufiger von anderen, neuen Größen des kommunikativen Gewerbes gesetzt wurde. Die Frage lautet also, ob wir das wirk- lichwollen: nur abbilden, was die Kampag- nenführer aus Staats-, Partei- oder Kon- zernzentralen multimedial verbreiten? Und nur noch das für wichtig erachten, was Google, Facebook & Co. in unsere Timeline spülen? Weil Relevanz sich immer weniger daran bemisst, was viele Menschen im Land tatsächlich betrifft, sondern zunehmend daran orientiert, was viele teilen, liken oder kommentieren – und seien es nur die vervielfachten Profile von Troll-Fabriken? Und meinen wir wirklich, neutral und ausgewogen zu sein, wennwir nur alle zu Wort kommen lassen, weil die Wahrheit schließlich immer in der Mitte liegt? Und wenn die Mitte immer weiter nach rechts wandert, liegt die Wahrheit sind; jedenfalls dann, wenn Journalisten imNeutralitäts- wahn nicht mal mehr wahr- nehmen, wenn sie längst zum verlängerten Armderer geworden sind, diemit ihrem ständigen Beharren auf jour- nalistischer Objektivität nur ihre eigene Agenda oder ihre eigenenGeschäftsinteressen imSinnhaben. Insoweit liegt mir ein Egon Erwin Kisch dann doch näher, der mit seiner offengelegten Partei- nahme für die Benachteilig- ten nicht nur wahrhaftiger, sondern auch ehrlicher war. Was wir also sein soll- ten? Unabhängig und unbe- stechlich zuallererst: Wir sollten keiner Partei ange- hören und keiner sonstigen Interessenvereinigung; uns von den Trögen der Macht fernhalten und der Versu- chung widerstehen, bedeu- tend zu sein oder geliebt werden zu wollen. Wir soll- ten uns an die Fakten halten, statt uns in Mutmaßungen und Gefühlen zu verlieren. Wir sollten unsere eigene Erkenntnis- und Urteilsfähigkeit schärfen und nicht unbe- dacht das Wording und Framing anderer übernehmen. Und ja, wir sollten wieder mutiger und entschiedener werden: nicht als Zyniker, sondern als Humanisten. Ein werteorientierter Journalismus also, statt blinder Neutralität. Damit wäre schon eine Menge erreicht in tendenziell eher finsterer werdenden Zeiten. PLÄDOYER für einenwerteorientierten Journalismus Wie sollte Journalismus sein? Unabhängig und unbestechlich! Und neutral? Eine Frage, die nicht neu ist, die aber durch die Entwicklung des Netzes und der sozialen Medien eine neue Bedeutung erfährt. Ein Essay von »Monitor«-Chef Georg Restle. WDR-Journalist Georg Restle (53) leitet als »Monitor«-Chef seit 2012 eines der Flaggschiffe des investigativen Journalismus. Auf Podien, in Diskussions- foren und nicht zuletzt auf der »Monitor«-Facebook- Seite sucht er den Dialog zum Thema Journalismus in Zeiten des World Wide Web. – oder umgekehrt. Und amEnde zählt nicht Wahrhaftigkeit, sondern die schiereMasse, die eine Version des Geschehens zur allge- mein gültigen erklärt – organisiert von den digitalen Heerführern und ihren Armeen. Schwere Zeiten für Einzelkämpfer. Der Weg des Egon Erwin Kisch Egon ErwinKisch, der einigen Journa- listen immer noch als Vorbild gilt, kam aus einer anderen Zeit – und trotzdem lohnt es sich, sein journalistisches Credo in Erin- nerung zu rufen: Es ist ein Rollenverständ- nis von Journalismus, das vielen heute als verpönt gilt – und als Gegenentwurf zum berühmten und oft missinterpretierten Satz von Hajo Friedrichs verstanden wer- den kann, wonach sich kein Journalist mit einer Sache gemeinmachen soll, auch nicht mit einer guten. Kisch ging einen anderen Weg, als Reporter an die gesellschaftli- chen Brennpunkte, wo sonst kaum einer hinschaute. Er machte sich zum Anwalt der Geschmähten und Unterdrückten. Er machte sichmit ihnen „gemein“, weil er auf dieWidersprüche eines Systems hinweisen wollte, das seine eigenen Schattenseiten politisch wie medial ausgeblendet hatte. Als Journalist setzte er damit auf eine von ihm selbst gesetzte Relevanz seiner Themen und Geschichten, neugierig und unbestechlich, aber eines ganz sicher nicht: neutral. Womit wir bei einer der größten Lebenslügen des heutigen Journalismus angekommen wären: Dass er überhaupt neutral sein könne, und seine eigentliche Kunst darin bestehe, nur abzubilden, „was ist“. In diesem „Was ist“ steckt dabei das eigentliche Problem. Wenn Niklas Luh- mann Recht hatte, dass kommunikative Systeme ihre eigeneWirklichkeit schaffen und Journalismus damit als permanenter eben bei den Rechten? Und wenn die Mitte verblödet, bei den Blöden? Carolin Emcke, die Friedenspreisträgerin des deut- schen Buchhandels, hat es auf den Punkt gebracht: „DasMantra vom ‚Wir versuchen nur darzustellen, was ist‘ zeugt keineswegs von selbstkritischer Objektivität, sondern von selbsthypnotischer Verantwortungs- losigkeit.“ Unabhängig und unbestechlich Nein, mit einem solchen Verständnis von Journalismus will ich nichts zu tun haben, auch weil die Wahrheit höchst sel- ten in der Mitte liegt – schon gar nicht in Zeiten des millionenfachen Geblökes der „sozialen“ Netzwerke. So viel Unmissver- ständlichkeit muss dann doch sein: Wenn Journalisten behaupten, sie seien neutral, dann lügen sie. Weil wir permanent aus- wählen, was wir oder andere für relevant halten – und aussortieren, was uns oder anderen nicht wichtig erscheint. Wobei „die anderen“ das eigentliche Problem Illustration: Imago/MedienDesign Foto: WDR/Görgen

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