WDRprint Juli/August 2018

47 46 Kamerapreis Kamerapreis Jene Filmschaffenden auszuzeichnen, die im Brecht̒schen Sinne üblicher- weise im Dunkeln stehen und von der Öffentlichkeit wenig beachtet werden – das ist auch das Ziel des 28. Deutschen Kamerapreises, moderiert von Thomas Hermanns. Mit der Ehrenpreisträgerin Birgit Gudjonsdottir (56) sprach Ulrike Toprak im Vorfeld der Preisgala. FrauGudjonsdottir, wie steinigwar IhrWeg von der Assistentin zur Kamerafrau in der Männerdomäne der Bildgestaltung? Ich habe als Kameraassistentin ange- fangen, da war der Einstieg sehr leicht. Erst als ichanfing, als Bildgestalterinzu arbeiten, wurde derWeg immer steiniger.Warumdas so war, dämmerte mir, als ein Produzent zu mir sagte: „Ich würde gern mit Ihnen arbei- ten, aber ich plane einen Film, bei dem viel mit Handkamera gedreht wird, das können Sie als Frau gar nicht leisten, die Handkamera ist javiel zuschwer für Sie.“ So eine Handkamera wiegt zirka sechzehn bis acht- zehnKilo, inetwa sovielwie ein drei- bis vierjährigesKind. Aber auf die Idee zu sagen, dieKinder dürftennur von ihren Vätern getragen werden, kommt niemand. Der Anfang war mühsam, aber je mehr Filme ich vorzuweisen hatte, desto einfacher wurde es. Waren Ihre Startschwierigkeiten einGrund dafür, dass Sie letztes Jahr „Cinematogra­ phinnen – Women Cinematographers Net­ work“ gegründet haben? Ja. „Pro Quote Regie“ habe ich von Anfang an unterstützt. Ich habe geholfen, für sie gedreht, und da begriff ich, was los ist, wie schwer es Regisseurinnen haben. Die Arbeit von „Pro Quote Regie“, die ja mittlerweile zu „Pro Quote Film“ gewach- sen sind, hat mich so begeistert, dass ich gedacht habe, ich muss so was in der Art für Kamerafrauen tun, denn die Stereoty- pen, die um Kamerafrauen kreisen, sind ebenso massiv. Was steht bei „Cinematographinnen“ auf der Agenda? Ganz oben auf der Agenda stehen Ver- netzung und Präsenz. Damit können wir Produzenten, Redakteuren und auchRegis- seuren zeigen, wie viele wir sind. Während dieCinematographinnen für unsere unmit- telbare Sichtbarkeit stehen, engagieren wir uns bei „Pro Quote Film“ beim Kampf für die generelle Gender-Gerechtigkeit, gegen den gender pay gap und für die Einlösung des imGrundgesetz verankertenGleichstel- lungsversprechens. Zumindest öffentlich- rechtlich sollte das ausnahmslos eingelöst werden. Denn das augenblickliche System finanziert mit öffentlichen Mitteln offen- sichtliche Ungleichheit. Sie pendeln zwischen Dokumentarfilmund fiktionalem Film. Welche Vorzüge bringen die jeweiligen Genres mit sich? Ich arbeite sehr gern in beiden Berei- chen und am liebsten abwechselnd. Im Dokumentarfilm lernt man, wie das Leben ist, das man sonst nicht kennen- lernen würde. Das bereichert mich unge- mein und hilft mir auch bei der Umset- zung von fiktionalen Geschichten. Hat man im Dokumentarfilmbereich nicht auch mehr Freiheiten als im fiktionalen Bereich? Ich würde das nicht als ein Mehr an Freiheit sehen. Man trifft Entscheidun- gen unmittelbarer, aber oft sind die Mög- lichkeiten eingeschränkter aufgrund der Nichtwiederholbarkeit. Und auch imDoku- mentarfilmwird imVorfeld abgesprochen, in welche Richtung es gehen soll und in welchem Stil man arbeitet. Ich sehe inso- fern nicht die großen Unterschiede zwi- schen den Bereichen. Mit der Regisseurin und Drehbuchautorin Connie Walther arbeiten Sie häufig zusam­ men.Was schätzen Sie an der Arbeitmit ihr? Die Basis unserer Arbeit ist großes Vertrauen. Gleichzeitig ist jede neue Zusammenarbeit eine spannende Heraus- forderung, weil wir uns ziemlich ähneln im Bemühen, den richtigen Zugang für die jeweilige Geschichte zu finden. Kon- ventionen interessieren uns nicht, wir stellen lieber Fragen, als Antworten zu geben. In unserem neuen Kinofilm „Die Rüden“ wird das, glaube ich, sehr deut- lich. Es ist eine besondere Filmform, die wir entwickelt haben. Ich könnte mir vor- stellen, dass das eine große Wirkung hat, vielleicht auch Irritationen auslöst. Das wäre wunderbar. In letzter Zeit haben sich mehrere Filme um Island gedreht. Was bedeutet Ihnen Ihre Heimat? Als österreichische Isländerin mit jugoslawischenWurzeln bin ich durch und durch Europäerin, überall und nirgends zu Hause. Die künstlerischen Projekte in Island haben sich so ergeben, weil ichmich dort gut auskenne, worüber ich mich total freue. Island ist meine Energietankstelle. In diesemLand gibt es gewaltige und stän- dig sich verändernde Landschaften, und das hat eine unheimliche und mythische Magie. Diese Natur, die noch nicht von Menschen dominiert ist, strahlt eine Urge- walt aus, die mich unheimlich anzieht. Als Dozentin haben Sie mit jungen Leuten zu tun, die viel mehr von Bildern umgeben sind als frühere Generationen. Wie gehen Sie damit um? Durch die ständige opti- sche Reizüberflutung geht die kritische Rezeption verloren. Was Bildsprache über- haupt ist – ihnen das zu vermitteln, ist mir inmeiner Arbeit als Dozentin ein zentrales Anliegen. Und mir ist sehr wichtig, ihnen bei- zubringen, dass unsere Haltung zu den Dingen eine große Rolle spielt – also warum wir Geschichten erzählen und welche Geschichten wir erzählen. Außer- dem möchte ich ihnen vermitteln, dass die Filmgeschichte geprägt ist von gesell- schaftlichenNormen, also auch dominiert vommännlichen Blick. Es ist mir einwirk- liches, sehr persönliches Anliegen, die Stu- dentinnen und Studenten dafür zu sensibi- lisieren, ihnen neue Sicht- und Sehweisen zu eröffnen und ihnen zu helfen, Gespür für Geschichten zu entwickeln, die noch nicht oder zu wenig erzählt worden sind. „Island ist meine Energietank- stelle.“ Kamerafrau Birgit Gud- jonsdottir bezeichnet sich selbst als österreichische Isländerin mit jugoslawischen Wurzeln. Ihre letzten Filme: „Ich werde nicht schweigen“, 2017, „Die Hochzeit meiner Eltern“, 2016, „Welcome to Iceland“, 2015. Foto: WDR/Jander ONE SO / 15. Juli / 8:30-10:05 28. DEUTSCHER KAMERAPREIS Bevor der Deutsche Kamerapreis 2018 am 7. Juli in den Fernsehstudios des WDR vergeben wird, steht eine Auszeichnung schon fest: Der Ehren- preis des Kuratoriums geht an die isländische Kamerafrau Birgit Gudjonsdottir. WDR FERNSEHEN MO / 9. Juli / 23:35-1:10 28. Deutscher Kamerapreis 2018 „Unsere Haltung zu den Dingen spielt eine große Rolle.“

RkJQdWJsaXNoZXIy NTQ3NzI=