WDRprint Juli/August 2018

sicher gefühlt, dass vorhandene Präven- tions- und Interventionsmechanismen greifen und dass es daher solche Fälle bei uns gar nicht geben kann. Jetzt mussten wir feststellen, dass wir mit unserer Einschätzung nicht richtig lagen. Wir dürfen nicht aufhören, wachsam zu sein und nicht nachlassen, an diesen Themen zu arbeiten. Welche Stimmung hat die Debatte der vergangenen Monate im Haus ausge­ löst? IchhabeRatlosigkeit, Verunsiche- rung und Wut gespürt. Die Mitarbeiterin- nen undMitarbeiter waren in der Anfangs- phase betroffen, dass „ihrWDR“ öffentlich so schlecht dastand. Je mehr wir nach kon- kretenHinweisen auf sexuelle Belästigung gesucht und wenig Belastbares gefunden haben, umsomehr wurde uns vorgeworfen, „etwas unter den Teppich zu kehren“. Mitt- lerweile wird uns aber, so mein Eindruck, abgenommen, dass wir allen Hinweisen mit großer Ernsthaftigkeit nachgehen und sehr sorgfältig den einzelnen Fall abwägen. Nachdemder erste Schock überwunden ist, ist deutlich zu bemerken, dass wir sensibler undoffenermiteinander umgehen als zuvor. Jedenfalls ist das meine Wahrnehmung. Woran macht sich das fest? Wir thematisieren unseren Umgang miteinander und diskutieren, was wir bes- ser machen können. Alle wollen doch ein offenes, wertschätzendesMiteinander erle- ben und die #metoo-Debatte hat ganz klar dazu geführt, dass wir darüber sprechen, wie wir dieses herstellen können. ZumBei- spiel auf Veranstaltungen mit allen Mitar- beitenden, wo es um Vertrauen, gegensei- tiges Feedback, Respekt und Fehlerkultur geht. Jetzt gerade geht es darum, dass diesen Worten auch Taten folgen. Steht derWDRalsovor einemKulturwandel? Die WDR-Kultur, wie ich sie erlebe, ist ja eine sehr starke und gute Kultur – sonst würden die Menschen auch nicht so gerne hier arbeiten. Von daher würde ich eher sagen: Wir müssen unsere Kul- tur weiterentwickeln, um ihr jeglichen Nährboden für unbotmäßiges Verhalten zu entziehen. Dabei geht es darum, offener und aufrechter miteinander zu kommu- nizieren. Wir müssen Dinge miteinan- der besprechen, anstatt übereinander zu reden. Wir müssen Kritik äußern, wo sie angebracht ist – auf eine respektvolle Art undWeise. Das gilt für jede Mitarbeiterin, jeden Mitarbeiter im WDR, ganz egal in welchem Bereich und welcher Funktion. Dazu gehört auch, dass wir Fehler ein- gestehen, um aus ihnen zu lernen. Der Seit April läuft die Aufarbeitung der Belästigungsvor­ würfe imWDR. Zwei Mitarbeitern wurde inzwischen fristlos gekündigt, externe Anlaufstellen wurden geschaffen, und der- zeit prüft die ehema- lige EU-Kommissarin Monika Wulf- Mathies, wie der WDR in der Vergangenheit solche Fälle aufge- arbeitet hat. Auch zahlreiche Dialogver- anstaltungen imHaus drehen sich weiter um #metoo und das Thema Machtmiss- brauch. Dabei geht es vor allem um die Fra- ge: Wie lässt sich das künftig verhindern? print sprach mit Ver- waltungsdirektorin Dr. Katrin Vernau. Der WDR steckt mitten in der Aufklärung in Sachen #metoo. Mitarbeiter wurden frei­ gestellt oder gekündigt, Anlaufstellen für Betroffene geschaffen, eine externe Stelle prüft, wie in der Vergangenheit mit dem Thema umgegangen worden ist. Aber was tut der WDR jetzt, damit sich solche Vor­ fälle und Übergriffe in der Zukunft nicht wiederholen? Wichtig ist es, dass allen imWDRklar ist, dass wir sexuelle Belästigung nicht dul- den.Dennochwerdenwir solcheVorfälle im Einzelfall auch künftig nicht komplett ver- hindern können – aber wir müssen sicher- stellen, dass unsere Unternehmenskultur solchen Vorfällen systematisch vorbeugt. Wir haben im WDR einige Sofortmaß- nahmen ergriffen, die gerade umgesetzt werden. Dazu gehört eine überarbeitete Dienstvereinbarung gegen sexuelle Belästi- gung und die dauerhafte Einrichtung einer externen Anlaufstelle, durch die ein bes- seres Frühwarnsystem entstehen soll. Zu weitergehendenSchritten sindwirmit dem „DasThema geht über #metoo hinaus“ „Wir müssen Dinge miteinander besprechen, anstatt übereinander zu reden.“ „Wir dürfen nicht aufhören, wachsam zu sein und nicht nachlassen, an diesen Themen zu arbeiten“, sagt Dr. Katrin Vernau, die als Verwaltungsdirektorin für Personalthemen im WDR zuständig ist. Foto: WDR/Sachs Personalrat im Gespräch. Auch zahlreiche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beteili- gen sichmit Vorschlägen ander Debatte, die wir dann in der Geschäftsleitung beraten. Wie versuchen Sie, gerade die jüngeren Kol­ leginnenundKollegen– alsoVolontäre, Trai­ nees, Auszubildende und Studierende – für das Thema zu sensibilisieren? Wir werden ein besonderes Schulungs- format indieAusbildung integrieren. Unsere Personalentwicklung und die Aus- und Fort- bildungsredaktion arbeiten derzeit daran. Ich bin davon überzeugt, dass wir die jungen Menschenstärkenmüssen,sieerfahrenlassen müssen, dass sie nicht abhängig undwehrlos sind, wenn ihnenUnrecht widerfährt. Was würden Sie als den wichtigsten Lern- effekt aus der Debatte bezeichnen? Dass wir immer noch mehr tun kön- nen und zumBeispiel nochmehr auf einen respektvollen Umgang miteinander ach- ten müssen. Vielleicht haben wir uns zu Intendant ist vorangegangen, indem er ganz öffentlich auch über unsere Fehler in der #metoo-Angelegenheit gesprochen hat. Kulturwandel kann durch solche Beispiele bewusst angestoßen werden. Und: Kulturwandel ist ein fortlaufender Prozess, an dem wir alle unweigerlich beteiligt sind durch unser Verhalten und unsere Zusammenarbeit! Wo setzt dieser Umbruch genau an? Wir müssen sicherlich an den Stellen ansetzen,woMachtmissbrauch–unddarum geht es ja letztlich bei sexueller Belästigung – aufgrund von Abhängigkeitsverhältnis- sen möglich ist. Wir müssen aber auch dort ansetzen, wo es Konflikte in der Führung und Zusammenarbeit gibt. Und wir müssen uns generell immer wieder verständigen, wie wir zusammenarbeiten wollen, was die „Spielregeln“ sind und wie wir damit umge- hen, wenn diese nicht eingehalten werden. Das Thema geht damit deutlich über die #metoo-Debatte hinaus. Es ist eine Debatte, die auch in anderen Organisatio- nen läuft und die auch etwas mit der Ver- änderung unserer Arbeitswelt durch die Digitalisierung zu tun hat. Wie kann das konkret aussehen? Es wird Gespräche mit unserem Per- sonalrat geben, um dessen Sichtweise auf Probleme und Lösungsansätze einzubezie- hen. Wir werten die Befragung der Beschäf- tigten aus und veranstalten verschiedene Gesprächsformatemit Führungskräftenund Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, um Vorschläge zu entwickeln. Zudem erwarte ich auch, dass die Untersu- chung von Frau Dr. Wulf-Mathies uns Hinweise liefern wird, was wir verbes- sernsollten. Unddannhabenwir inder Geschäftsleitungnatürlichauchunsere Sicht auf die Situation. Das heißt? Es geht jetzt darum, die richtigen Antworten auf die tatsächlich brennenden Fragen zum Thema Führung und Zusam- menarbeit zu geben. Nicht um Aktionis- mus. ImWDR sind so vielemutige, kreative und selbstbewussteMenschen, dass dieser Wandel gelingen kann. Die Fragen stellte Svenja Siegert 49 48 Unternehmen

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