WDRprint Juli/August 2018

Medienmenschen 53 52 Medienmenschen „Es fühlt sich noch seltsam an, wieder hier zu sein“, sagt Golineh Atai mit angenehmer leiser Stimme. In dem gläsernen Eckbüro mit Domblick in den Kölner WDR-Arkaden ist sie heute CvD (Chefin vomDienst) für die »Tagesschau online«. „Ich springe zwischen digital und Fernsehen, dem Job als Reporterin und Brennpunkt-Bereitschaft“, erklärt sie ihren neuen Aufgabenbe- reich. Die Programmgruppe „Zeitgeschehen, Europa undAusland“ hat sichwährend ihres Aufenthaltes in Russland neu formiert. Sie müsse nun selbst erst mal sehen, wie es hier läuft: „Zu meinem Job wird es jedenfalls auch gehören, mit den Auslandsstudios und mit tagesschau.de zu kommunizieren.“ GesternAuslandskorrespondentin, heute Chefin vomDienst Gerade hat Atai ihren letzten Beitrag als Korrespondentin für »Weltspiegel« und »Mittagsmagazin« geschnitten. Zwei Wochen bereiste die Journalistin Usbekistan, um Gründe und Auswir- kungen der dortigen Wasserkrise zu recherchieren: „Experten prognostizieren, dass es dort zu Wasserkriegen kommen wird.“ Seit 13 Jahren sei die ARD nicht mehr mit eigenen Korresponden- ten in dem zentralasiatischen Land gewesen. 27 Jahre herrschte Präsident Karimov mit eiserner Faust und schottete die einstige Sowjetrepublik ab. Unter dem neuen Staatschef Mirsijojew öffne das Land sich nun langsam, einfach seien die Dreharbeiten den- noch nicht gewesen. Als Atai ihren Dienst in Moskau antrat, war Edward Snow- den das Thema: Seit Juni 2013 lebt der Whistleblower im russi- schen Exil. Ende 2013 begannen dann die Bürgerproteste auf dem Maidan-Platz in Kiew. In der Folge wurde der ukrainische Präsi- dent Janukowytsch seines Amtes enthoben, russische Truppen annektierten die Krim, und ein bis heute andauernder bewaffneter Konflikt zwischen ukrainischen Truppen und russischen Separa- tisten imOsten der Ukraine brach aus. Atai war imDauereinsatz hautnah mit dabei und ordnete die Geschehnisse für das ARD- Publikum ein. Zahlreiche Auszeichnungen Für ihre „herausragende Berichterstattung“ wurde sie 2014 mit dem Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis für Fernsehjournalis- mus ausgezeichnet und zur „Journalistin des Jahres“ gekürt. 2015 erhielt sie für ihren »Weltspiegel«-Beitrag „Ukraine: Quo vadis?“ den Peter-Scholl-Latour-Preis. Doch ihre Einschätzungen der Lage in der Ukraine gefielen einigen Leuten ganz und gar nicht, und sie erlebte den Informationskrieg auch persönlich. Vor allem die weiblichen Mitarbeiter der Redaktion seien Ziel von Shitstorms und Troll-Attacken mit meist sexistischen Beleidigungen gewor- den, sagt die Journalistin. Per Post habe ihr noch vor kurzem ein „Psychologe“ ungefragt „eine Entwicklungsstörung“ attestiert. Das öffentliche Interesse an der Ukraine hat mittlerweile stark nachgelassen. „Wir kennen das auch von anderen Krisen“, sagt Atai, die 2003 dem ARD-Irak-Pool angehörte und 2006 als Korrespondentin aus demLibanon-Krieg und demDarfur-/Sudan- Konflikt berichtete. Hinzu komme, dass es immer schwieriger geworden sei, überhaupt in das Separatistengebiet im Osten der Ukraine einzureisen, um von dort zu berichten. Zuletzt beschäf- tigte Atai sichmit der aktuellen Lage in Tschetschenien, den rus- sischen Präsidentschaftswahlen, den Cyber-Attacken russischer Hacker und demThema Sexismus. „Ein bisschenwas von ‚me too‘ ist auch inRussland angekommen“, sagt sie, doch die Frauenrechte würden im Zuge eines fortschreitenden Konservativismus mehr und mehr beschnitten. So sei Frauen das Ergreifen zahlreicher Berufe – darunter Metrofahrerin oder Schiffskapitänin – aus gesundheitlichen Gründen per Gesetz verboten. „Ein bisschen ,me too' ist auch in Russland angekommen.“ Eine sehr arbeitsintensive und spannende Zeit sei es gewesen, resümiert Atai. Auf die Frage, ob sie schon immer Korrespon- dentin sein wollte, antwortet sie: „Ich glaube, weil ich im Iran geboren und zwischen zwei Kulturen aufgewachsen bin, habe ich mich immer schon als Übersetzerin gesehen.“ Deshalb kann sie sich auch gut vorstellen, irgendwann noch einmal ins Ausland zu gehen. Christine Schilha Weltspiegel Usbekistan: Kampf ums Wasser www.wdr.de/k/usbekistan-wasser Fünfeinhalb Jahre war Golineh Atai (43) ARD-Korrespondentin für die GUS-Staaten. Sie berich- tete seit den ersten Protesten auf dem Maidan aus der Ukraine – dafür wurde sie mit Preisen und mit Hass-Mails über- häuft. Nun ist sie zurück beim WDR in Köln. Golineh Atai Eine arbeitsintensive und spannende Zeit liegt hinter ihr, jetzt warten in Köln neue Aufgaben auf sie: Golineh Atai. Fotos: WDR/Görgen VOM KREML ZURÜCK ZUM RHEIN

RkJQdWJsaXNoZXIy NTQ3NzI=