WDRprint Juli/August 2018

Demian von Osten Medienmenschen 55 54 Medienmenschen Ein sanfter Start war in Russland, das von Ukrainekrieg und denvonManipulationsvorwürfenbegleitetenPräsidentschaftswah- len bestimmt wird, nicht zu erwarten. Der Fall Babtschenko – dem offenbar vom ukrainischen Geheimdienst vorgetäuschten Mord an dem Journalisten – war denn auch die erste große Herausfor- derung für Demian von Osten. Immerhin wurden die Medien an der Nase herumgeführt. „So etwas habe ich noch nie erlebt“, sagt der Korrespondent. „Aber wie hätten wir uns anders verhalten können? Was wäre die Konsequenz, wenn wir auch Informatio- nen der Polizei vom ersten Moment an für unwahr hielten? Eine Welt ohne Fakten?“ Alles unter dem Vorbehalt zu berichten, dass es möglicherweise nicht stimmt, sei keine Option. Was helfe, sei Quellen klar zu benennen. „Aber der Ukrainische Geheimdienst hat uns Journalisten sicherlich keinen Gefallen getan.“ Eine Welt ohne Fakten? An solchen nachrichtenintensiven Tagen wie beim Fall Arkadi BabtschenkoendetDemianvonOstensArbeitstagumeinUhrnachts, umsiebenUhr in der Frühe geht es weiter. ImStudiowird dann kon- tinuierlich produziert, acht Mal pro Tag nach Deutschland geschal- tet. Eigene Recherchen vor Ort sind in der Zeit nicht möglich, wohl aber Analysen. Dann muss man sich auf die erfahrenen Mitar- beiter des Studios und Nachrichtenagenturen verlassen. „Wer einen geregelten Tagesablauf will, für den ist das nichts“, sagt von Osten. An Tagen, an denen die Welt nicht nach Moskau blickt, geht es ruhiger zur. Dann werden Themen recherchiert. Von Osten will auch diemedienübergreifende Produktion des Studios vorantreiben, damit Fernsehen, Hörfunk und Internet besser zusammenarbeiten. Teil seiner Aufgabe ist es, neue Formate für Facebook, Twitter und Instagram zu entwickeln, um engeren Kontakt mit den Zuschauern zuermöglichen.Zudeninteressantesten,aberaucharbeitsintensivsten Aspekten seines Jobs gehören Dienstreisen – etwa nach Baikonur in Kasachstan, von wo der deutschen Astronaut Alexander Gerst zur Internationalen Raumstation ISS gestartet ist. DemianvonOsten, 1983 inBonngeboren, studierte Politikund Betriebswirtschaftslehre in Mannheim und Lyon. Nach seinem Volontariat beimWDRwar er seit 2012 als Auslandsreporter tätig, seit 2015 als Inlandskorrespondent, ehe er nachMoskau ging. „Für mich trifft das Klischee zu: Der Traum eines Journalisten ist es, mal als Auslandskorrespondent zu arbeiten.“ Zu den sechs Fremd- sprachen, die vonOsten spricht, gehört auchRussisch. „Zumindest konnte ich vonBeginn an selbstständig Interviews führen. Ichhabe somit eine gute Basis, auf der ich weiter aufbauen kann.“ Eine vollkommen andereWahrnehmung Auf ein faszinierendes Berichtsgebiet freut er sich, auf die Kombination aus aktueller politischer Berichterstattung und dem Aufspüren vonGeschichten aus demLand. Und Fußball? Zwar sei er kein großer Fan, sagt von Osten. „Aber es ist ein toller Start in die Korrespondenten-Zeit, großartig, die Stimmung zu erleben und zu sehen, dass Menschen aus aller Welt herkommen.“ Über Sport zu berichten bleibe allerdings ein Spagat in einem Land, dem so vieles vorgeworfen werde – von der Annexion der Krim bis zu der Einflussnahme auf Wahlen. Auch nach nur wenigenWochen imAmt zeichnet sich schon die größteHerausforderung in der Berichterstattung aus Russland ab: „Eine vollkommen andereWahrnehmung.“ In der russischen Medienöffentlichkeit werden die Dinge anders gesehen als in der deutschen, hat vonOsten beobachtet: „Aus unserer Sicht verzerrt, voller Zynismus und Häme.“ Etwa, wenn nach demGiftanschlag auf den Agenten Sergej Skripal und dessen Tochter einModerator im russischen Fernsehen sagt, dass er zwar niemandem den Tod wünsche, gleichzeitig aber klarstellt, dass Verräter der gefähr- lichste Beruf der Welt sei. „Es ist ein patriotischer Journalismus, der die eigene Position selten hinterfragt, so wie wir es tun.“ Auch sei es nicht leicht, die positiven Seiten des Landes zu zeigen. „Es passiert zumTeil so viel imLand, dass wir gar nicht alle Themen, über die man kritisch berichten könnte, im Programm unterbe- kommen. Und trotzdem wirkt es von Deutschland aus so, dass wir aus Russland nur sehr kritisch berichten.“ Dabei haben Russland und die anderen GUS-Staaten auch so viel Schönes zubieten. „Ichhabemich indie StadtMoskau verliebt“, sagtDemianvonOsten. „Es ist einGeschenk, zumSommer herkom- men zu dürfen.“ Das Leben spielt sich draußen ab, auf den breiten Bürgersteigen. „DieMenschen sindwunderbar. Ichhabe schonviele anEuropa interessierte Russen getroffen.“ Er freut sich darauf, neue Freundschaften aufzubauen. Undnatürlich, das Land zu entdecken. „IchmagdieBerge. Es gibt zumBeispiel denwunderbarenKaukasus. Aber alleine Moskau ist eine Reise wert.“ Ina Sperl Ein Berichtsgebiet, so groß wie Europa und Australien zusam- men. Ein Land, das politisch stark in der Kritik steht und mit Sanktionen belegt ist. Und zum Auftakt gleich eine Fuß- ballweltmeisterschaft. Äußerst vielfältig verspricht die Korres- pondentenzeit für Demian von Osten zu werden: Seit dem 1. Mai ist der 34-jährige Fernseh- berichterstatter im Studio Moskau. VERLIEBT INMOSKAU UND SEINE MENSCHEN Von seiner Wohnung sind es nur wenige Meter bis zur Moskwa. Am gegenüberliegenden Ufer das weiße Moskauer Rathaus. Fotos: ARD-Studio Moskau

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