WDRprint Juli/August 2018

57 56 Berufsbilder Bei der WM in Russland ist der SWR zwar der federfüh- rende ARD-Sender, aber der WDR leistete hier ganzwesent- liche Produktionshilfe. „Wir haben einen Satelliten-Über- tragungswagen, einen LKW mit Licht und Technik sowie einen Truck mit der Bühne für Pressekonferenzen nach Russ- land geschickt“, zählt Ellen van de Venne auf. Das hört sich ein- fach an, verbunden damit sind aber eine ganze Reihe von zum Teil komplizierten Zollformali- täten. Seit März war die Spedi- tionskaufrau und Teamleiterin der Expedition damit intensiv beschäftigt. Während für die Visa und die Reiseorganisation der Teams die Aufnahmelei- tung zuständig ist, muss van de Venne „Reisepässe“ für die gesamte Ausrüstung erstellen. Das geschieht im sogenannten Carnet A.T.A.-Verfahren. Van de Venne stellt in Köln ein Zollheft – das Carnet – aus, in dem dokumentiert wird, dass die wertvolle Technik als Berufsausrüs- tung nur vorübergehend in das Land eingeführt wird und deshalb kein Zoll anfällt. Auch Russland nimmt am Carnet-Verfahren teil, doch der russische Zoll stellte im Vorfeld der WM eigene Richtlinien auf. Zur Identifikation der mitgeführtenGegenstände verlangten die Russen sogar Gewichtsangaben. „Die Technikkol- legen haben schließlich alle Teile einzeln ausgewogen.“ Zoll auf die eigene Ausrüstung? Neu sind solcheHindernisse für van de Venne nicht. Seit 1981 arbeitet sie beim WDR in der Expedition. Gelernt hat sie ihren Beruf von der Pike auf bei einer großen Spedition. „Ich sehe noch heute, wenn ich auf der Autobahn hinter einemLKWherfahre, ob der richtig beladen ist oder nicht“, sagt sie. BeimWDR organisiert sie „alles, was fliegt, schwimmt oder fährt.“ Die Expedition gehört formal zum Post-und Speditionsservice, aber „mit Briefmarken- kleben hat mein Job nun wirklich nichts zu tun“, betont van de Venne. Wenn sie das besagte Carnet angelegt hat, muss sie damit zur IHK, die die erforderlichen Zollpapiere beglaubigt. Danach erfolgt die sogenannte Zollgestellung beimBinnenzollamt, damit das Carnet gültig ist. Erst jetzt kann das Teamden Zoll kostenfrei passieren. Bei der Rückreise in die EU bzw. nach Deutschland bestätigt wiederum das Zollheft, dass es sich umdie eigene Berufsausrüstung handelt – und bleibt zollfrei. Und wo wird es schwierig? „Bei Ländern, die nicht im Carnet-Verfahren sind.“ Dann braucht man einen INF3, den sogenanntenNämlichkeitsschein. Er ist für dendeutschenZoll gedacht, umden Ursprung derWare nachzuweisen. In den Reise- ländern muss dann mit detail- lierten Warenlisten und den Drehgenehmigungen abgefer- tigt werden. Allerdings hat es selbst mit diesem Instrument schon überraschende Kompli- kationen gegeben: EinemTeam wurde bei der Rückkehr nach Frankfurt eine Rechnung über 36.000 Euro Zollgebühren aus- gestellt. Das konnte die WDR- Fachfrau jedoch rasch als Irr- tum aufklären: „Ich habe mich mit dem Amtsleiter verbinden lassen, der bestätigte, dass eine Jungzöllnerin einen Feh- ler gemacht hat“, erinnert sich van de Venne. Gut versichert Für den Fall, dass solche Gebühren nicht mit einem Anruf vom Tisch sind, ist eine Zollbürgschaft notwendig. Bei Großprojekten wie der WM in Russland kann diese bis zu 2,5 Millionen Euro oder mehr betra- gen. Das Prinzip ist einfach: Angenommen, einemTeamwird die Ausrüstung gestohlen. Dann könnte der Zoll im Ausland unter- stellen, dass sie verkauft worden sei und aus diesem Grund Zoll und Umsatzsteuer verlangen. In demFall hilft die Zollbürgschaft und leistet die gesamte versicherungstechnische Abwicklung. „So, als ob wir einen privaten Schaden bei der Versicherung melden“, erläutert van de Venne. Wie wichtig der Job der Spediteurin ist, kannman sich leicht ausmalen, wenn zumBeispiel das Sinfonie- orchester mit seinen wertvollen Instrumenten auf Tournee geht. Oder im Studio Nairobi eine Kamera ausfällt, die sofort ersetzt werden muss. Auch wenn sie ganze Ü-Wagen erfolgreich ver- schickt hat, kann van de Venne gedanklichmit demProjekt noch nicht abschließen: „So richtig beruhigt bin ich erst, wenn unsere Autos wieder in der Garage stehen.“ Ute Riechert Der Speditionskauffrau Ellen van de Venne sind mögliche Tücken der Zoll- und Transport- logistik bestens bekannt. Aktuell kümmert sich die Teamleiterin der Expedition darum, dass das WDR-Equipment für die Fußball- WM in Russland sicher zurück nach Deutschland kommt. Das ist nach dem Ausscheiden der deutschen Mannschaft früher als geplant, aber für einen Profi wie sie kein Problem. Wie werde ich Spediteurin beimWDR? Voraussetzung sind ein FH-Abschluss mit wirt- schaftlicher Ausrichtung und eine fundierte Aus- bildung zum Kaufmann für Spedition und Logistik. Organisationstalent, gute Kenntnisse der Zoll- und Rechtsvorschriften, der aktuellen Sicherheitslage und beste Kontakte zu IHK, Botschaften, Speditio- nen und Zollbehörden sind gefragt. Die Spediteurin wählt Verkehrswege und -mittel (Schiene, LKW, Luft- oder Seefracht) aus und berei- tet alle Zollpapiere zur Abfertigung an den Grenzen der Transit- und Bestimmungsländer vor. Die enge Zusammenarbeit mit internen Auftrag­ gebern und allen ARD-Anstalten ist sehr wichtig. Heike Heilmann, Grup- penleiterin Gebäudeservice/Post und Speditionsservice Eine von uns: ELLEN VAN DE VENNE „So richtig beruhigt bin ich erst, wenn unsere Autos wieder in der Garage stehen.“ Ellen van de Venne Foto: WDR/Dahmen Foto:WDR/Fußwinkel

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