WDRprint Juli/August 2018

61 60 Im Gespräch Im Gespräch Stabwechsel im ARD-Hauptstadtstudio Berlin: Christiane Meier verabschiedet sich vom »ARD-Morgenmagazin«, wo sie sechs Jahre lang in aller Herrgottsfrühe Politikern auf den Zahn gefühlt hat. Während sie künftig als Korrespondentin ausNewYork berichtenwird, übernimmtMarion vonHaaren ihren Job beim»Moma« in Berlin – eineHerausforderung, auf die sie sich freut. Anlass für ein Interview. Frau Meier, sechs Jahre lang haben Sie am frühen Morgen Politik erklärt, Politikernauf denZahngefühlt. IhrResümeenachdieserZeit? CHRISTIANE MEIER: Unsere Rolle im »Morgenmaga- zin« ist eine wirklich wichtige. Die Politiker sind – von einigen Ausnahmen abgesehen – überwiegend idealistisch und hart arbeitende Menschen. Sie verdienen Respekt, auch wenn man nicht mit ihnen einer Meinung ist. Ich hoffe, dass sich das auf die Zuschauer überträgt. Ihnen sind wir verpflichtet und deshalb mehr denn je der Pressefreiheit und Demokratie. Wir dürfen der Politikverdrossenheit keinen Vorschub leisten! Frau von Haaren, freuen Sie sich auf den Job? MARION VON HAAREN: Ja, ich finde es super, dennmor- gens zu früher Stunde herrscht eine ganz andere Atmosphäre als tagsüber. Diese ganz besondere, frühe Situation erlaubt Einblicke, die mitten am Tag nicht möglich wären. Diesen Druck, dieses Getriebensein gibt es um sechs noch nicht. Bisher sah man Sie abends in der »Tagesschau«, künftig zwischen 6:00 und 9:00 Uhr morgens. Was wird für Sie die größte Heraus­ forderung sein? VON HAAREN: Bei sehr vie- len Themen und vielen Gesprächs- partnern an einem Morgen müssen wir sehr konzentriert und passgenau arbeiten. Interviews sind genau 3.30 Minuten lang, da muss man auf den Punkt kommen. Das frühe Aufstehen macht Ihnen nichts? VON HAAREN: Ich bitte Sie, ein Großteil der Deutschen ist dann schon bei der Arbeit. Neubeginn in Berlin und New York: Gibt es etwas, das Sie vermissen werden? VON HAAREN: Mein neues Team ist eine kleine, feine Einheit. Die große Crew im ARD-Hauptstadtstudio hat mir das Gefühl gegeben, in einer Großfamilie zu sein. Das eine wie das andere ist toll, aber es ist eben anders. MEIER: Das frühe Aufstehen wird mir überhaupt nicht fehlen. Veränderungen, wie die ins Ausland zu gehen, bringen einen Per- spektivwechsel. Denmussman auch haben, damit man nicht, ohne es zu merken, betriebsblind wird. Aber inNewYorkwerde ich den direkten Zugang zur Politik vermis- sen; da wird man oft nicht einmal zurückgerufen. Deutsche Politiker sind für uns deutsche Medienleute zugänglicher als amerikanische, dennwir sind für sie wichtig. Mit ihnen werde ich auch in New York zu tun haben, aber es ist eben eine ganz andere Perspektive, wenn man mit internationalem Blick auf das kleine Deutschland schaut. Sie kennen die USA, waren bereits inWashington. Was wird in den kommenden Jahren für Sie die größte Herausforderung? MEIER: Als Korrespondentin ist man zwischen zweiWelten unterwegs und trägt die Verantwortung, möglichst gut zu vermit- teln. Das heißt zum Beispiel, immer wieder darauf hinzuweisen, dass die Dinge nicht schwarzweiß sind. „Die Amerikaner“ gibt es nicht. Es gibt die, die für und gegen Trump sind, die, die gebildet und ungebildet sind, die, die für und gegen Europa sind. Das Land ist in der Mitte gespalten. Man muss immer daran denken: Trump hat das popular vote – die Anzahl der abgegebenen Stimmen – mit drei Millionen verloren. Es gibt mehr Amerikaner, die ihn nicht gut finden als solche, die ihn gut finden. Andere Arbeitszeiten, neue Teams: Wie wird Ihr Arbeitstag aus­ sehen? MEIER: Das weiß ich noch gar nicht. Ich stelle mir vor, dass ich den Leuten, die im Studio sind, erst einmal gut zuhöre, da sie viel mehr über New York wissen als ich. VON HAAREN: Ich stehe um halb fünf, viertel vor fünf auf. Dann lese ich Zeitung, höre Nachrichten, bereite mich auf Interviews vor. Um 6.30 Uhr kommt schon der erste Gast. Nach der Sendung bereiten wir den nächsten Tag vor. Wir sprechen mit der »Morgenmagazin«-Redaktion in Köln ab, welche Berichte sie habenmöchten und suchen Ansprechpartner. Wenn alles gut geht, gehe ich zwischen 17 und 18 Uhr nach Hause. Sie beginnen neu in einer Stadt, die zweieinhalbMal so groß ist wie Berlin. Wie werden Sie anfangen, Frau Meier? MEIER: Einige Kontakte habe ich bereits undwerde bewusst auf Leute zugehen. Aber ich habe ein sagenhaft professionelles TeamvonMitarbeitern, das mir mein Vorgänger Markus Schmidt hinterlässt. Sie sind extrem kompetent und haben viel Spaß an der Arbeit. Das wird gut. Wie haben Sie damals Ihren Wechsel von Brüssel nach Berlin empfunden, Frau von Haaren? VON HAAREN: Als ich noch in Brüssel war, hieß es: Du gehst ja in die Provinz zurück! Als ich in Berlin war, hatte sich die Situation aber komplett gedreht durch die Ukraine-Krise; da war Deutschland auf dem internationalen Parkett gefragt. Politiker kamen nach Berlin um zu horchen, wie man Krisen bewältigen kann. Seit 2014 hat Berlin an Renommee gewonnen. Die Politik ist internationaler geworden. Selber hatte ich immer eine sentimen- tale Beziehung zu der Stadt, familiär bedingt; meine Großeltern waren oft hier. Seit vier Jahren leben Sie nun in Berlin. Was schätzen Sie an der Stadt ammeisten? VON HAAREN: Die Stadt lebt, ist sehr dynamisch, trotz- dem gibt es viele Punkte, die einemdie Vergangenheit vor Augen führen. Hier spürt man viel stärker die Verbindung in Richtung Osten, die Präsenz Osteuropas, wir haben hier viele Ukrainer und Polen. Das haben wir als Westdeutsche so lange gar nicht erlebt. Die Stadt ist rau imUmgangston, aber wennmanmit Freundlich- keit reagiert, merkt man, dass hinter der rauen SchaleHerzlichkeit und Zuverlässigkeit stecken. Die Berliner sind schon sehr okay. Von der Hauptstadt in den Big Apple: Worauf freuen Sie sich in New York, Frau Meier? MEIER: Auf Vielfalt, den Mix von Menschen und Ideen, das fried- liche Zusammenleben der verschie- denen Kulturen. Und dem damit ver- bundenenGefühl, mittendrin zu sein und daran teilzuhaben. Ich werde zwar nicht mehr in den Berliner Seen schwimmen können, aber immerhin nehme ich mein Fahrrad mit. Mit Christiane Meier und Marion von Haaren sprach Ina Sperl Auf einen Drink mit Christiane Meier und Marion von Haaren Deutsche Politiker sind zugänglich. Das ist in den USA anders. Christiane Meier Berlin hat an Bedeutung gewonnen. Die Politik ist internationaler geworden. Marion von Haaren Christiane Meier (l.) berichtet künftig aus New York, Marion von Haaren, die 2014 aus Brüssel nach Berlin ins ARD-Hauptstadtstudio wechselte, wird erstmalig am 23. Juli als neue »Moma«-Korrespondentin zu sehen sein. Foto: WDR/Ziebe

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