WDRprint September 2018

52 Medienmenschen „Mut ist Willenssache“ Eine der allererstenChefinnen imSender und noch dazu eine, die laut und gerne lachte, wird 80: Inge von Bönninghausen, für Familie, Jugend, Frauen zuständig, als ichAnfang der 80er als Volontärin in ihrer Redaktion arbeitete. Schnell im Kopf, voller Leidenschaft für ihre Programme, stilvoll imAuftreten. Von Sonia Seymour Mikich „Bei Inge darfst du alles, nur nicht oberflächlich sein“, hieß es, also strengte man sich an. Ich schleppte meine Lieblingsmusik herbei (Gang of Four, Culture Club, Au Pairs) und bebilderte die unterschiedlichen Jugendtrends. Sie konnte viel damit anfangen, ermutigte mich. Quirlig ging es bei ihr zu, hier konnten Berufsan- fänger etwas riskieren. Denn ihr Bereich war weniger im Fokus der Hierarchen, und sie nutzte dies aus. Eine legendäre Sendereihe wurde geboren, eine bewusst feministische – die »Frauen-Fragen«. Magazinbeiträge, von ihr moderiert. KeinWellness, keine Befind- lichkeiten, keine Partnerschaftstipps. Sondern hier erfuhren die ZuschauerInnen zum ersten Mal von der grausamen Klitorisbe- schneidung, von Frauenhäusern, von ehelicher Gewalt. Aber auch vonbislang unbekanntenPionierinnen, Künstlerinnen, weiblichen Vorbildern. Nicht nur imWDRwaren damals solche Themennoch „Frauengedöns“, nicht sowichtig. Inge kämpfte für ihreAutorinnen und holte sich Ressourcen und Respekt. Feminismus war für sie eine strikt politischeHaltung. Das war mutig in einerMedienwelt, in der es noch keine Auslandskorrespondentinnen gab und Frauen eher hübsche Ansagerinnen imNachrichtengeschäft waren. Sie forderte zum Perspektivwechsel auf Folgerichtig analysierte sie in den Sendungen undGesprächs- runden, was Geschlechterklischees mit dem Journalismus machen, wie Stereotypen Wahrnehmung beeinflussen. Männer berichten aus Krisengebieten und Frauen von der Küchenfront? Ach was, Inge forderte zum Perspektivwechsel auf. Wahrschein- lich wäre sie eine brauchbare Psychologin geworden. Wenn da nur nicht dieser wunderbare Hang zum Lachen und Auslachen gewesen wäre … Später Gründerin und Vorsitzende des Journalistinnenbun- des, war es ihr wichtig, dass Journalistinnen einen Berufsverband bekamen. Als Tool gegen die Old-boys-Netzwerke und als Selbst- vergewisserung in einer Ära, in der immer mehr Frauen sich für diesen Beruf begeisterten. Und ja, der WDR bekam viel früher als andere Frauenförderpläne und eine Frauenbeauftragte, weil sie hart dafür stritt. Apropos streitbar: Wir beide haben uns später gern und oft gestritten, ob nun eine Nische wie »Frau tv« dienlich sei, die Per- spektiven und Themen von Frauen sichtbar zu machen, oder ob Frauen massiv in die Männerbastione des Journalismus eindrin- gen sollen, um dort einen Kulturwandel herbeizuführen. Einig waren wir uns über den von ihr gern zitierten Satz: „Mut haben ist Willenssache“, also nicht angeborener Glücksfall, irgendwie der DNA geschuldet. Sondern: ich kannmich entscheiden, mutig zu sein. Keine schlechte Haltung, auch in #metoo-Zeiten. Inge von Bönninghausen, 80 Jahre am 20. Sep- tember, immer noch kurzhaarig, verschmitzt, todschick und stur frauenbewegt. Das Bild zeigt sie auf dem Weg zur Preisverleihung: Sie erhielt in diesem Jahr den Grimme-Preis für ihr journalistisches Wirken. Foto: ddp images

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