WDRprint Dez. 18 + Jan. 19

Herr Yogeshwar, Sie haben »Quarks« – damals noch »Quarks & Co« – 1993 aus der Taufe gehoben und seither geprägt. Warum jetzt der Abschied? Es war eine großartige Zeit, aber mir ist es wichtig, im richtigen Moment los- zulassen. Wir habenmit Mai Thi Nguyen- Kim und Ralph Caspers zwei exzellente Kollegen, die »Quarks« auf ihre ganz eigene Art prägen und erweitern werden. Die ganze Abteilung ist gut aufgestellt. Es ist also jetzt der perfekte Zeitpunkt für eine Staffelübergabe. Was werden Sie stattdessen tun? Neben vielen anderen Aktivitäten als Journalist und Autor bleibe ich dem WDR verbunden. Wir wollen zusammen neue Projekte machen, auf die ich mich freue. Aktuell arbeiten wir an einem Zweiteiler zumThema „Künstliche Intelligenz“, der im Frühjahr 2019 im Ersten ausgestrahlt wird. Es wird also auch weiterhin Ihr Gesicht im Fernsehen geben? Natürlich! Ich gehe nicht in den Ruhestand. Es ist nur ein Abschied von »Quarks«. Ich habe ja auch andere Formate wie »Kopfball« oder »Wissen vor acht« ins Leben gerufen und dann irgendwann abge- geben. Ich war immer ein guter Loslasser. Sie haben eine musikalische Ausbildung genossen.Wollten Sie ursprünglichMusiker statt Wissenschaftler werden? Ich spiele gerne und gut Klavier, aber ich weiß auch um meine Grenzen, wenn es darum geht, vor Publikum zu spielen. Der Musik bin ich nach wie vor verbun- den. Beispielsweise habe ich die Konzert- reihe »Experiment Klassik« mit Markus Stenz und dem Gürzenich-Or chester in der Kölner Philharmonie mode riert oder eine Matinee mit jungen Talenten beim Klavier-Festival Ruhr. Sie haben dann experimentelle Physik stu- diert. Wa rum haben Sie sich schließlich für den Journ alismus entschieden und nicht für eine akad emische Laufbahn? Ich habe mich von der Wissenschaft nicht ganz abgewandt: Anfang Oktober hatte ich eine Keynote-Präsentation beim „Science andTechnology in Society“-Forum in Kyoto, Anfang November war ich an der Uni in Heidelberg. Der Kontakt in die aka- demische Welt ist also nicht abgebrochen. Mit dem Fernsehen kam ich bei einer besonderenGelegenheit inKontakt: 1968hat meine Mutter einen gebrauchten Schwarz- Weiß-Fernseher gekauft, weil dieMondlan- dung anstand. Beimeiner erstenBegegnung mit dem Medium war ich neun Jahre alt: Ein halbes Jahr vor der Landung der Apollo 11 auf demMond erreichte die Apollo 8 am 24. Dezember 1968 die Mondumlaufbahn. Die Astronauten Borman, Anders und Lovell verlasen bei einer TV-Übertragung aus dem Orbit die ersten Zeilen der bibli- schen Schöpfungsgeschichte als Weih- nachtsbotschaft – ein sehr bewegender Moment, an den sich jeder erinnern kann, der ihn erlebt hat. Ich bewunderte damals denWDR-Journalisten Günter Siefarth, dermit einem Knopf im Ohr im Fernsehstu- dio stand und immer sagte: „Ichhöre geradeHouston.“Das war die Initialzündung. Genau 25 Jahre später gründetenwir »Quarks« und wiederum 25 Jahr später in meiner letzten »Quarks«-Sendung wird es nach 50 Jahren anlässlichdes Jubiläums derApollo-Mission umgenaudieses Ereignis gehen. Da schließt sich wunderbar ein Kreis. Mit der Reaktorkatastrophe von Tscherno- byl begann dann 1986 tatsächlich Ihre Fern- sehkarriere … Ja, das war mein erstes Mal vor der Kamera. Ich war damals ein junger Phy- siker, der ein wenig journalistisch für den WDR gearbeitet hatte, undwurde plötzlich zum„Experten“.Wennman das heute sieht – ich würde durch jedes Casting fallen. Aber damals wie heute ging es mir darum, den Menschen Fakten zu vermitteln und sie nicht allein zu lassen in einem Nebel der Spekulationen. Überall dort, wo eine Diskrepanz zwischen Fakten und Gefüh- len herrscht, braucht es Aufklärung. Das ist die Aufgabe und Chance der öffentlich- rechtlichenMedien. KommerzielleMedien mögen sich an den Menschen orientieren, wir aber geben den Menschen Orientie- rung – das ist eine völlig andere Haltung. Die sozialen Medien fördern aber leider die Verbreitung von Fake News. Wie kommt man dagegen an? Momentanoperierendie sozialenNetz- werkenachreinökonomischenRegeln, doch Kommunikation ist mehr als das Optimie- renvonLikes imKontext einer lautenErregt- heitsbewirtschaftung. Man kann die Ent- wicklung mit der Entdeckung eines neuen – digitalen – Kontinents vergleichen. Die spanischen und portugiesischen Entdecker haben sich inderNeuenWelt zunächst sehr unzivilisiert benommen. Mit demdigitalen Kontinent erleben wir momentan etwas Ähnliches. Da werden Claims abgesteckt und hemmungslos Daten gesammelt. In den nächsten Jahren wird sich das ändern: mit neuenRegelnundKonventionen. Soent- steht allmählich ein zivilisierter Umgang. Wir sind gerade dabei, ein anderes Bewusst- seinbezüglichunsererDatenzu entwickeln. Wir können das gestalten und als Gesell- schaft darüber reflektieren und uns nicht nur als Konsumenten begreifen. Es ist eine spannende Zeit. Sie beschäftigen sich in Publikationen und Vorträgen mit den Herausforderungen und ChancenderdigitalenRevolution.Außerdem waren Sie dieses Jahr am „March for Science“ in Köln aktiv beteiligt. Ist grassierende Wissenschaftsfeindlichkeit eine Gefahr? Viele haben das Gefühl, dieWelt wird immer schlechter. Tatsächlich leben wir aber in einerWelt, die durchWissenschaft und Innovation deutlich besser geworden ist: Gewalt und Kindersterblichkeit sind zurückgegangen, die Lebenserwartung hat sich dramatisch erhöht. Das muss jedoch besser kommuniziert werden. Wir müssen komplizierte Dinge verständlich darstel- len und in einen Gesamtzusammenhang einordnen. Genau das haben wir auch mit »Quarks« immer versucht. Aber was, wenn wissenschaftliche Fakten wie der Klimawandel oder der Nutzen von Impfungen beharrlich geleugnet werden? Dann müssen wir das als Ansporn nehmen und die Sprache der Aufklärung verbessern, indemwir diese Dinge deutlich verständlicher vermitteln. Ein anderes Thema, das Ihnen sehr am Herzen liegt, ist das interkulturelle Zusam- menleben und der erstarkende Rassismus. Welche persönlichenErfahrungenhaben Sie damit gemacht? Als ich anfing, war ich einer der ersten Dunkelhäuti- gen im deutschen Fernsehen. Das war nicht immer einfach. Es gab drastische, unschöne Briefe. EinigeMenschen sehen nur das Trennende, nicht das Verbindende. Das hat sich aber im Laufe der Zeit gelegt. Heute bin ich nicht nur der „Erklärbär“ der Nation, sondern auch jemand, der sich zu gesellschaftlichen Themen äußert. Da gibt es auch manchmal hässliche Posts oder Mails bis hin zu Drohungen. Aber das darf einen nicht abhalten. Wie wird Ihr Abschied aussehen? Die letzte Aufzeichnung im Studio ist am 4. Dezember. Danach gibt es eine Partymit demTeam, demmeinherzlichster Dank gilt. Am 5. geht es noch nach Ober- pfaffenhofen zumDeutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt für eine Schalte zum ISS-Astronauten Alexander Gerst ins All. Gesendet werdenbeide Sendungen imDop- pelpack am 11. Dezember. »Quarks« Wir schalten ins All Alexander Gerst und seine Mission Abenteuer Raumfahrt Wie Apollo 8 die Welt veränderte WDR FERNSEHEN DI / 11. Dezember / 20:15 -21:00 und 21:00 – 21:45 ABSCHIEDVON»QUARKS« Seit 25 Jahren ist Ranga Yogeshwar das Gesicht von »Quarks«, Ende des Jahres gibt er die Moderation des WDR- Wissensmagazins ab. Christine Schilha sprach mit dem Physiker und Wissen- schaftsjo urnalisten über Abschied, Anfänge und Zuku nft: Mit dem WDR plant er neue Projek te. „Ich bleibe demWDR verbunden. Wir wollen zusammen neue Projekte machen, auf die ich mich freue.“ Foto: Klaus Görgen 13 12 Titelthema Titelthema

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