WDRprint Dez. 18 + Jan. 19

27 26 Unterhaltung Unterhaltung JürgenBecker begibt sich inseiner Lauda- tio zumJubiläumdesWDR5Kabarettfes- tes imPantheon für dieWDRprint-Leser auf Spurensuche. Was er herausfindet, hat viel mit Essen zu tun: Russisch Ei, aber auch „feines Fingerfood fürs Ohr“. Wer ständig die Finger in die Wunden der Zeit legt, dem ist nicht zwangsläufig nach Feiern zumute. Daher klingt „Kabarettfest“ zunächstwidersprüchlich.Dennochmussda was dran sein, denn WDR 5 hält auch nach 100 Festivitäten im Pantheon am Kabarett- fest fest. Das kann am Ursprung des Kaba- retts liegen, der uns gleichzwei Definitionen anbietet: Historisch ist Kabarett eine Bühne für kleine zeitkritische Darbietungen, für politisch-satirische und auch literarische Aufführungen. Der Poetry-Slamwurde also schon früh mitgedacht. Zum andern ist Kabarett aber auch ein in Fächer gegliederter Teller oder gar eine (meist drehbare) Speiseplatte.Hier dreht sich also alles um Nahrungsaufnahme, auch im geistigenSinne. Besonders deutlichwirddas am Eier-Kabarett vonWMF: DiesehistorischwertvolleAbbildung ist zwar unscharf, zeigt aber haarscharf, worum esgeht.Auffälligistzunächstdaszentralposi- tionierte Russenei, bei dem das Eigelb durch ein Sieb gestrichen, mit würzigen Zutaten wie Senf, Mayonnaise, Sardellen, Kapern und Kräutern vermengt und dann wieder in dashalbierteEiweißgespritztwird.Dergestalt wirddasRusseneigernealsVorspeisegereicht undgehörtkulinarischzursogenannten„Kal- ten Küche“ Die Kälte führte indes nicht zu dem kultigem Terminus, sondern der gerne mittig drapierte Kaviar. HumorvolleRezeptur ohne braune Sauce Das strategisch äußerst wichtig positionierte Russenei trennt auf diesem reich verzierten Edelstahl-Kabarett der Serie Baroque die Abteilung „Herzhaft“ (Westfälischer Bau- ernschinken,mund- gerecht gerollt) und „Süß“ (Obst-Tor- telette unter groß- zügiger Gelatine- Schutzschicht).Man darfwetten, dass der geladenen Gast hier als erstes zum Ei greift. Der Schinken läuft nicht weg und das Obst ist aus der Dose. Der fahle Pfirsich und vor allem die wässrige Melone oben im Bild dienen hier lediglich als Serviervorschlag und finden offenbar keinenPlatz auf der poliertenKaba- rett-Platte. Da man die zahlreichen Körner wieder ausspuckenmuss, wartet dieMelone vermutlich aufHalloweenund rangiert eher unter Comedy. Während sich diese englische Wort- schöpfung aus der klassischen Komödie ableitet, tendiert das Kabarett ins franzö- sische Chambre (Zimmer) oder ins mittel- niederländische Cambret (Kämmerchen). Die Kämmerchen der diversen Kabarett-Teller verweisen jedoch auf die Intuition der Erfinder: Jede einzelne Zubereitung soll hier würdig, um nicht zu sagen: feierlich serviert werden. Das Kabarett-Fest ist da also eine folgerich- tige Ergänzung zum kalten Buffet, in dem es auch heiße Eisen anfasst: als feines Fingerfood fürs Ohr. Davon wird man zwar nicht satt, bekommt aber Appetit: auf Meinung, Freiheit, Plu- ralismus und die pittoresken Pointen der Demokratie. Denn die humorvolle Rezeptur folgt auch hier der Maxime, nicht alles mit einer braunen Sauce zu vermischen, sondern die Darreichun- gen geschmacklich so knackig aufzu- fächern, dass etwas entsteht, das der gesamten Gesellschaft zugutekommt: die Freude an der Unterschiedlichkeit. Mit Ute Casper, Georg Bungter, Hans Jacobshagen und Anja Iven hat die- ses famose Fest seit jeher besonders edle und kostbare Zutaten. Und die braucht das Kabarett inzentralerPositionzwischenSüß und Deftig: Eine Redaktion, die Eier hat! Ganz herzlichen Glückwunsch zum 100. Kabarettfest in Bonn! Ihr Jürgen Becker WDR5FEIERT SEIN 100. KABARETTFEST Hundertfach im Kabarett-Fach Was hat das inzwischen antiquierte Eier-Kabarett mit dem WDR-Kabarett- fest gemeinsam? Ein Meister wie Jürgen Becker findet etliche Parallelen. Foto: WDR/Fußwinkel ... am 10. Dezember im Bonner Pantheon mit Tobias Mann (Moderation), Pe Werner, Sarah Bosetti, Jürgen Becker und Bernard Paschke. Gesendet wird am 15. Dezember um 15.04 Uhr in der »Unterhaltung am Wochenende«. Foto: Harald Kirsch Jürgen Becker war bei der ersten Aufzeichnung des Bonner Kabarettfestes im Juni 1989 dabei und hat es auch einige Jahrzehnte moderiert. Foto: Kianmehr

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