WDRprint Dez. 18 + Jan. 19

Von Marc Thörner Ein 26-Jähriger nimmt sich eine Handvoll Männer, schleicht sich bei Morgengrauen an Riad heran. Er wartet, bis der feindliche Gouverneur der Stadt aus seiner Zitadelle kommt. Dann stürzt er sich auf ihn und seineWache. Gekämpft wird hauptsächlich mit Fäusten und mit Säbeln. Eine Lanze fliegt und bohrt sich in die Festungspforte. Kurz darauf liegt der feindliche Anführer tot am Boden, seine Besatzung wird massakriert. Das Fort, aus demdie Saud im Januar 1902 den rivalisierenden Clan der Raschid vertrieben, steht heute noch im Zentrum der Hauptstadt, umgeben von der Skyline einer futuristisch anmu- tenden Glitzermetropole. Ringsum sind Leinwandbahnen aufgehängt, mit Fotos, von denen ein alter und ein junger Mann herunterblicken. Der alte mit gefärbtem Bart ist der heute regierende König Salman Bin Abdelaziz, der Sohn von Abdulaziz Ibn Saud, dem Emir, der vor mehr als 100 Jahren Saudi-Arabien mit dem Säbel eroberte. Der jungeMann neben demalten ist der Sohn des Sohnes: Mohammed Bin Salman, bekannt als „MBS“. Er hält im Staat die eigentliche Macht inHänden. Weltweit erregt er mit Aktionen Aufsehen, die denen seines Großvaters wenig nachstehen. Bereits vor Jahren war ich in Saudi-Arabien und rechnete jetzt damit, dass es wie damals laufen könnte: umständliche Vor- bereitungen, stocksteifes Protokoll, Punkte, die tabu sind und nicht angesprochen werden dürfen. Tatsächlich läuft es diesmal schlechter. 1998 sprachen mir Prinzen, Religionsgelehrte, Regie- rungsoffizielle undMilitärs amEnde selbstbewusst, freimütig und oft humorvoll ins Mikrophon. Weshalb sie nichts davon hielten, wenn Frauen fahren, weshalb sie Demokratie nicht anstrebten und weshalb Saudi-Arabien so bleiben sollte, wie es ist – anders als jedes Land imWesten. Und heute? Der gute Freund der Journalisten Begeisterte Frauen in der Frauenfahrschule. Künstler, die endlich Galerien eröffnen. Start-up-Unternehmen, die die Wirt- schaft wegbringen vomÖl. All das zeigen die offiziell verordneten Begleiter gern und geben sich dabei modern und locker. Sobald es aber droht, kritisch zu werden, kommt etwas in die Augen der Gesprächspartner, das ich von damals so nicht kenne: Angst. Angst in den Augen der aufstrebenden Galeristen, Angst in den Augen meines offiziellen Begleiters, Angst beim einzigen Semi- Offiziellen eines Think Tanks für Außenpolitik, als es um das Er lässt den Jemen bombardieren, bewaffnet in Syrien extremis- tische religiöse Gruppen, und er wird mit demMord an dem Journalisten Jamal Khashoggi in Verbindung gebracht: Saudi- Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman. Andererseits hat er das Land in Rekordzeit liberalisiert. Was will der starke Mann der Saudis wirklich? Marc Thörner über schwierige Recherchen für sein Radiofeature in einem Land, in dem die Angst regiert. Thema Jemen geht. Von einer Blockade könne keine Rede sein, über Hunger oder etwa Epidemien im Jemen habe er noch nie etwas gehört. Weder Außen- noch Innenministerium rühren sich auf Anfragen, ganz zu schweigen vom Sprecher der Armee. Der obli- gate Pressebegleiter – dies ist, nicht nur in Saudi-Arabien, Teil des Spiels – zeigt sich dabei gern als guter Freund an der Seite des ausländischen Bittstellers. Täglich ruft er in denMinisterien an, er weiß auch nicht, wieso keiner „uns“ antwortet. „Sie“ reagieren einfach nicht. Er müht sich ab bis zur völligen Erschöpfung und kann es sich amEnde auch nicht erklären, was da los ist. Vielleicht Urlaub? Oder Arbeitsüberlastung? Dabei scheint in Saudi-Arabiendie Traditiondes Säbelschwin- gens heute wieder aufzu- leben, zumindest in der Außenpolitik. Davon hatte ichmichkurz zuvor aufeinemderSchauplätze überzeugt, auf denen die sunnitischen Saud den großen Kampf gegen den schiitischen Iran führen: in Syrien. Ich hatte gese- hen, was passiert, wenn Raketen in einem beleb- tenStadtviertel landen, war durchunterirdischeTunnels gegangen, indenensaudischgesponserteDschihadistenMenschenwieSklaven haltenundsieohneFederlesens töten,wann immer ihnendanach ist. Den organisierten Besuch im neuen Kino-Center von Riad, den Action-Film mit brennenden Autos und feurig sausenden Raketen, kann ich nach meinen Erlebnissen in Syrien nicht recht genießen. Die Eindrücke vom echten Krieg sind noch allzu frisch. Hier komme ichmit demThemaKrieg ansonstennur inBerührung, wenn ich im Stadtzentrum am historischen Lehmfort von Riad vorbeigehe. Beim letzten Besuch, kurz vor der Abfahrt, ist in der Pforte der Rest vomSpeer nicht mehr zu sehen, der 1902 geschleu- dert worden war. Aber der Wächter hat die Erklärung. Er gibt sie leise, beinahe tuschelnd, als wäre er nicht sicher, ob dies nicht schon Kritik sein könnte. „Das Tor wird renoviert. Anschließend wird die alte Lanzenspitze wieder reingebohrt.“ »Dok 5 – Das Feature« Der starke Mann der Saudis Was will Kronprinz Mohammed bin Salman? MOHAMMED BIN SALMAN Marc Thörner (54) war von 1995 bis 2007 freier Aus- landsreporter für die ARD. Seit 2009 arbeitet er als freier Journalist mit Arbeits- schwerpunkten Maghreb, Golfstaaten, Irak, Pakistan und Afghanistan. Er lebt in Hamburg und Rabat. „In Saudi-Arabien scheint die Tradition des Säbelschwingens wieder aufzuleben.“ Foto: privat 49 48 Ausland Ausland WDR 5 SO / 16. Dezember / 11:04

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