WDRprint Dez. 18 + Jan. 19

»Lindenstraße«: 2020 ist Schluss Kurz nachdem sie am Morgen des 16. November auf dem Markt war, verbreitete sich die Meldung wie ein Lauffeuer auf allen relevanten Online-Nachrichten- Plattformen und in den sozialen Netzwerken: Die »Lindenstraße«, die ersteWeekly des deutschen Fern- sehens, wird nach 34 Jahren eingestellt. Die Entscheidung fällte die Fernsehprogrammkon- ferenz der ARD, die sich mehrheitlich gegen eine Verlän- gerung des Produktionsvertrages mit der Geißendörfer Film- und Fernsehproduktion aussprach. „Das Zuschauer- interesse und unsere unvermeidbaren Sparzwänge sind nicht vereinbar mit den Produktionskosten für eine solch hochwertige Serie“, begründete Volker Herres, Programm- direktor Erstes Deutsches Fernsehen, die Entscheidung, dieman „nüchtern undmit Bedauern“ getroffen habe: „Das hat sich die Fernsehprogrammkonferenz der ARD nicht leicht gemacht, denn die ›Lindenstraße‹ ist eine Ikone im deutschen Fernsehen, die uns seit Jahrzehnten begleitet.“ HansW. Geißendörfer, demErfinder und Produzenten der »Lindenstraße«, sowie seiner Nachfolgerin Hana Geißen- dörfer und allenMitwirkenden sprach Herres seinen Respekt und den Dank der ARD aus. Den Zuschauern und treuen Fans versprach er bis 2020 „noch viele interessante Folgen und ein fulminantes Finale“. Dank und Bedauern Mit Unverständnis re- agierten Hans W. Geißendör- fer und Tochter Hana auf das Aus. „>Lindenstraße‹ steht für politisches und soziales Enga- gement, fürMeinungsfreiheit, Demokratie, gleicheRechte für alle und Integration, was in Zeiten vonRechtsruck undAusländer- feindlichkeit wichtiger ist denn je. Wir sind bestürzt und können nur unser Unverständnis zumAusdruck bringen, dass die ARD es offenbar nicht mehr als ihrenAuftrag sieht, die Serie fortzusetzen, zu derenKern es gehört, dieseHaltung zu vertreten“, äußerten sich die beiden Produzenten in einer ersten Stellungnahme. „Wir sind der Gemeinschaft der ARD dankbar, dass sie die ›Lindenstraße‹ über Jahrzehnte mitgetragen hat und bedau- ern, dass sie keine Möglichkeit mehr sieht, die Serie fortzufüh- ren“, kommentierte beim WDR in Köln Fernsehdirektor Jörg Schönenborn die Entscheidung der ARD-Fernsehprogrammkonferenz. „Gleichzeitig verstehen wir, dass sich die wirtschaftlichen Rahmenbedin- gungen der ARD geändert haben und Produktionen neu bewertet werden müssen.“ Sein besonderer Dank gelte Hans W. Geißendörfer und Hana Geißendörfer, demEnsemble und dem ganzen Team – und nicht zuletzt dem Publikum, das der »Lindenstraße« seit mehr als 30 Jahren die Treue hält. Schö- nenborn: „So sehr der Abschied auch schmerzt, können doch alle Beteiligten sehr stolz sein, denn sie haben mit der ›Lindenstraße‹ geschafft, was keiner anderen deutschen Serie gelungen ist: über Generationen hinweg mitten aus dem Alltag der Menschen heraus große gesellschaftliche und politische Themen abzubilden.“ Die wöchentliche Serie »Lindenstraße« erzählt seit ihrem Start am 8. Dezember 1985 Schicksale und Geschichten des bun- desrepublikanischen und gesamtdeutschen Lebens. Sie spiegelt mit ihrer Figurenkonstellation realitätsnah die Vielfalt des gesellschaftlichen Lebens und deren Entwicklung wider. Dabei erzählt die Serie immer wieder auch provokante Geschichten, die Diskussionen anregen und oftmals auch für Aufregung gesorgt haben. EB Mit Hausmusik bei den Beimers fing alles an: „Herzlich Willkommen“ hieß die erste Folge, die am 8. Dezember 1985 ausgestrahlt wurde. Foto: WDR/Engelmeier „Ikone des deutschen Fernsehens“: Das Café Bayer an der »Lindenstraße« ist für Fans schon fast ein zweites Zuhause. Foto: WDR/Lukaschek Hörspiel 59 58 Hörspiel TV-Serie Hörspieltipp Dezember Hörspieltipp Januar Chinchilla Arschloch Jenseits von Fukuyama Jenseits von Fukuyama WDR 3 MO – MI / 28. – 30. Januar / 19:04 Chinchilla Arschloch, waswas WDR 5 SO / 30. Dezember / 17:04 WDR 3 SA / 29. Dezember / 19:04 Phillis und ihr Vater Christian, der am Tourette-Syndrom leidet Politikwissenschaftler Francis Fukuyama: „Das Ende der Geschichte“ Martina Müller-Wallraf Dramaturg Jan Buck „Das ist eines der Hörspiele, die dorthin gehen, wo es weh tut“, sagt Martina Müller-Wallraf, Leiterin des WDR-Hörspiels, über „Chin- chilla Arschloch, waswas“. Es geht um einen Roadtrip von Vater undTochter: Als PhillisHempel vorschlägt, mit demVW-Bus durch Deutschland zu fahren, ist ihr Vater Christian begeistert, denn auf- grund seines Tourette-Syndroms, das ihm die Kontrolle über seine Sprachenimmt, hatteer indenvergangenenJahrendieÖffentlichkeit immermehr gemieden. Aus dieser Reise entstand eindokumentari- schesHörspiel: „Wir hörenden authentischen, wirklichenTourette- PatientenChristian“, erklärtMartinaMüller-Wallraf „ihr“ Hörspiel desMonatsDezember. „Er nimmt unsmit auf eineReise –unddabei werdenwir alsHörerinnenundHörer genauso oft, laut undungefil- tert angeschrien und beschimpft wie all die anderenMenschen, die erunterwegs trifft. AmEndeverstehenwirmehr –vonderKrankheit, aber auch von Steuerungsmechaniken zwischenMenschen.“ Mit dabei warendie beidenHörspielmacherHelgardHaugund Thilo Guschas. Vater und Tochter trugen Headsets, und (fast) alles, was sie sagten, wurde auch aufgenommen. So ließen sich die Pro- zesse beobachten, die bei Christian zu seinenTourette-Ausbrüchen führen. „Wir tauchenein in seineGedankenundAusrufe.Wir teilen seineWelt, seinenHumor, seineQual, dieReaktionenderMenschen rundum“, sagt Martina Müller-Wallraf. „Stress macht das natür- lich nicht nur Christian selbst. Es geht auch darum, wie belast- bar seinUmfeld ist – undwir als Hörer.“ kp ImInstitut für Glücksforschung istman alles andere als glück- lich. Die Nachwuchskräfte Julia, Peer und Finn beharken sich bis aufs Blut umdie begehrteAssistenzstelle bei FrauDr. Phekta. Dann jedoch eskaliert die Situation aufgrund eines Datenleaks. Der Dramatiker Thomas Köck hat sein Debütstück „Jenseits von Fukuyama“ fürs Radio bearbeitet. Der entstandene gleich- namige Dreiteiler ist für Dramaturg Jan Buck sein Hörspiel des Monats Januar: „Das Stück hält eine rasant-überdrehte Geschichte vom persönlichen Auf- und Abstieg im Büroalltag einer Institu- tion bereit, und es verknüpft diese Konflikte voll abgründigen Humors mit den großen gesellschaftlichen Fragen unserer Zeit: Nach welchen Prinzipien richten wir unsere Gesellschaft aus? Was bedeutet Generationengerechtigkeit in einer Welt, die von den vorigenGenerationen schon für sich selbst ‚verbraucht‘ wurde, bevor die nächste überhaupt Mitspracherecht erhält?“ Ein Stück, das denHörer unversehens mit großer politischer Sprengkraft konfrontiert. Denn „Jenseits von Fukuyama“ nimmt Bezug auf den Politikwissenschaftler Francis Fukuyama, der 1992 „Das Ende der Geschichte“ verkündete, weil liberale Demokratie und Kapitalismus gesiegt hätten. Jedoch: „Ein Vierteljahrhundert später scheint diese Ansicht überholt. Die Demokratie ist schwer unter Beschuss, ein Rückfall in autoritäre Systeme scheint auch in etablierten Demokratien nicht mehr ganz ausgeschlossen“, so Buck. „Das Ende der Geschichte ist also nur ein kurzes Innehal- ten, bevor sie sich in gänzlich unerwarteten Bahnen weiter- bewegt.“ kp Foto: privat Foto: ddp/Picture Press Foto: WDR/Rimini Protokoll Foto: WDR/Fußwinkel

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