WDRprint Dez. 18 + Jan. 19

61 60 Berufsbilder „Das Heimatministe- rium – in Bayern gegrün- det – ist am Anfang immer beschmunzelt und verspot- tet worden.“ In der Regie des Hörspielstudios im Kölner Funkhaus ist ein Original- ausschnitt, ein „O-Ton“ aus einer Pressekonferenz Horst Seehofers zu hören. Der Minister weiter: „Aber genau das ist Heimatministerium! Nämlich der Zusammenhalt der Gesellschaft!“ Der O-Ton wird von der Stimme eines Sprechers unterbrochen. „,Deutschlandpark‘. Ein Hörspiel von Till Müller- Klug“. Darum also geht es: Heimat in einer fiktiven Geschichte um die soge- nannten „Reichsbürger“. Ton-, Musik- und Geräusche – fast alles ist schon aufgezeichnet. Dramaturgin Isabel Platthaus ist in die Regie gekommen, um zu hören, was bisher an Material vorliegt. „Es ist wichtig, dass Regie, Technik und Dramaturgie bei einer Produktion eng zusammenarbeiten“, erklärt sie. „Am Schluss, wenn alles fertig ist, ließe sich nicht mehr Wesentliches ändern. Man muss sich vorher über die Richtung verständigen.“ Strategische Überlegungen Dramaturgen sind keine Einzelkämpfer. Sie sind Teamplayer, und sie halten die Fäden zusammen. „Es ist ja nicht so, dass ich immer die besseren Ideen hätte“, meint Platthaus. „Aber als Dra- maturgin bin ich der erste Spiegel, sozusagen die erste Leserin und Hörerin des Hörspiels.“ Seit 2001 ist die studierte Literaturwissen- schaftlerinbeimWDR, seit 2010 als RedakteurinundDramaturgin in der Abteilung Hörspiel. Sie und ihre Kolleginnen und Kollegen betreuen jeweils mehrere Stücke gleichzeitig. „In verschiedenen Aggregatzuständen“, wie Platthaus es nennt. Heute zum Beispiel trifft sie sich noch mit dem Autor und der Regisseurin von „Geis- ter“, ein Stück, das noch ganz am Anfang steht. Die Idee für das Hörspiel – die Weitergabe von Traumata über Generationen – hat die Dramaturgin überzeugt; in der ersten Besprechung geht es darum, wie die Story radiotauglich umgesetzt werden kann. Soll der Stoff szenisch aufgelöst werden?WelcheMusik kann oder soll eingesetzt werden? Oder soll jede Figur ihre eigene Geschichte erzählen? „ImEntstehungsprozess feilenwir auch anDialogen, an Figuren und Formulierungen“, erklärt die Dramaturgin. Da gehen oft unzählige Versionen eines Textes am Computer hin und her. Passt der StoffzumUmfelddes Sendeplatzes?Wirdder Jugend- schutz berücksichtigt?Wie lässt er sich in einemaktuellenMedium wie demRadiomit anderen Inhalten vernetzen?Wegen der großen Menge an Stoffen, die Platthaus und ihre Kollegen auf den Tisch bekommen, werden sie von freien Lektoren unterstützt, die in Das Hörspiel boomt – im WDR Radio und auf den digitalen Plattformen, ob öffentlich-recht- lich oder kommerziell. Bei den rund 80 Neuproduktionen des WDR-Hörspiels pro Jahr spielen Dramaturgen wie Isabel Platthaus eine ganz zentrale Rolle. Die 49-Jährige betreut die Geschichten von der ersten Idee bis zur sendefertigen Aufnahme. ihren Gutachten eine erste Einschätzung des Materi- als vornehmen.Was produ- ziert wird, „entscheidenwir dann im Redaktionsteam“, sagt Isabel Platthaus. Die WDR-Dramatur- gen sind auch für strategi- sche Überlegungen zustän- dig, wie sie betont: „Wir denken fortlaufend darüber nach, wie wir das Hörspiel optimal mit dem Gesamt- programm verbinden kön- nen.“Unter anderemtauscht sich die Hörspielredaktion mit den Kolleginnen und Kollegen des tagesaktuellen Programmsaus,welcheThe- men und Stoffe auch für sie interessant sind. „Hörspiel ist ja nicht L’art pour l’art, sondern setzt sich mit dem auseinander, was um uns herum passiert“, ist Platthaus überzeugt. DasRessortHörspiel reflektiert kontinuierlichdarüber,wiedieForm als solcheweiterentwickeltwerdenkann.DieErfahrunghatPlatthaus gezeigt, dass es „immer sehr produktiv ist“,mit Autoren aus anderen Bereichen, zum Beispiel Musikern oder Journalisten, zusammen- zuarbeiten. In der Vergangenheit war ihre Abteilung innovativ und experimentierfreudig unterwegs: Dawurde dasHörspiel sogar zum Audio-Game auf dem Smartphone. Digitalisierung verschafft dem Hörspiel neuen Höhenflug Etlichen Unkenrufen zum Trotz, das Hörspiel sei ein Aus- laufmodell – die Zahlen sprechen eine andere Sprache: Unter den Top Ten der ARD-Audiothek rangieren Hörspielproduktionen regelmäßig ganz vorne, und auch im Online-Angebot des WDR ist das Hörspiel das erfolgreichste Audioformat. „Ich glaube, dass das Hörspiel nicht verschwinden wird“, so Platthaus. „Es ist im Gegenteil noch spannender geworden – durch die Möglichkeiten der Digitalisierung.“ Ute Riechert Wie wirdman Hörspiel-Dramaturg beimWDR? „EineGeschichtekannnochsogutsein–wennsieschlechterzähltwird,hörtkeiner zu. Wie schön, dass es die Hörspiel-Dramaturg*innen gibt. Die kennen sich da aus. Die wissen, wie man Pointen setzt, wie man Spannungsbögen baut und hält, welche Fallhöhe ein Ereignis braucht, wie Figuren- konstellationen lebendig werden. Dafür braucht man Sprachgefühl, Texterfahrung, akustische Fantasie und den Riecher für Stoffe, Material und Talente. Außer- dem Offenheit, Geduld und Empathie. In der Ausbil- dung führen viele Wege zum Storytelling-Experten: Theater, Literatur, Musik, Journalismus – um nur ein paar Beispiele zu nennen. Eines ist unerlässlich: die Leidenschaft für Radio, für Sprache und Klang.“ Martina Müller-Wallraf, Leiterin des WDR-Hörspiels Foto: WDR/Fußwinkel Eine von uns: ISABEL PLATTHAUS Isabel Platthaus: „Als Dramaturgin bin ich der erste Spiegel, sozusagen die erste Leserin und Hörerin des Hörspiels.“ Foto: WDR/Dahmen

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