WDRprint Februar 2019

21 20 WDR online WDR online hätten sie von allen Seiten von mehr als hundert Kameras gleichzeitig aufgenom- menwerdenmüssen, dadurchwäre aber die Datenmengezugroßgeworden.DieEntwick- ler fanden schließlich einen Weg, mit nur zwei Perspektiven die Illusion von Dreidi- mensionalität zu erzeugen. „Die FrauenhabeneinigeStrapazenauf sich genommen, weil es ihnen wichtig war, ihre Erlebnisse an die jüngere Generation weiterzugeben“, betont Pitz. Aus Rücksicht auf ihr fortgeschrittenes Alter wurden die Aufnahmenallerdings inStudios inderNähe ihrer Wohnorte gemacht. Da es für die Auf- nahmetechnik unerlässlich war, dass sie dabei auf demselben Sessel sitzen, musste auchdiesermit demTeamnachLondonund Petersburg reisen. Schüler zeigen sich beeindruckt DieWirkungsweise von „WDRAR 1933 – 1945“wurde an Jugendlichen zwischen 15 und 18 Jahren ausführlich getestet. Diese zeigten sich lautMaikBialkbeeindruckt vonder inno- vativen Form und empfanden es als Bereiche- rung ihres Geschichtsunterrichts, Historie aus erster Hand zu erfahren. Zielgruppe seien nicht nur, aber vor allem Schülerinnen und Schüler: „Wir glauben, dass esmit dieAufgabe der Öffentlich-Rechtlichen ist, den digitalen Wandel an den Schulen zu unterstützen und geeignete Produkte für die Wissensvermitt- lung herzustellen.“ Deshalb habe das Team sich auch für eine Anwendung entschieden, die nicht der Anschaffung eines speziellen Gerätes, wie etwa einer Virtual-Reality-Brille bedarf: „Tablets und Smartphones gibt es in den meisten Schulen und Haushalten.“ Programmiert ist die Anwendung als „Container“-App, dasheißt: Anwendernwer- den immerneue zusätzliche Inhaltegeboten. Um Speicherplatz zu sparen, können nicht nur neueVideos geladen, sondernauchnach Bedarf alte gelöscht werden. So wurde trotz der komplexen Inhalte eine App mit einem geringenSpeichervolumenentwickelt – ideal für Handys. Die drei Kriegskinder-Beiträge sind barrierefrei undbieteneineSprachauswahl – entsprechend der Herkunft der Erzähle- rinnen Deutsch, Englisch und Russisch – sowie Hintergrundinformationen zu den Geschichten und Protagonistinnen. Alles ist benutzerfreundlich aufgebaut, auch für Menschenbedienbar, die nicht technikaffin sind. Auf der Kölner Bildungsmesse didacta wird die App vom 19. bis 23. Februar erst- mals öffentlich präsentiert. Danach ist sie für IOS und Android kostenfrei in App- Stores erhältlich. Mitte des Jahres soll ein neuesKapitel zumDownloadzurVerfügung stehen: Die Geschichte von Anne Frank, erzählt aus der Perspektive zweier noch lebender Freundinnen. Christine Schilha Making of-Video und weitere Informationen 1933-1945AR.wdr.de In der Nacht vom 30. auf den 31. Mai 1942 fliegen mehr als 1 000 britische Bom- ber einenGroßangriffaufKöln. 45.000Men- schen verlieren ihr Zuhause. Bis Kriegsende werden 20.000 Kölnerinnen und Kölner durchLuftangriffe getötet. AnnePriller-Rau- schenberg, 1930 in Köln-Mülheim geboren, sitzt nun in meiner Wohnung und erzählt, wie sie alsKinddie schrecklichste aller Bom- bennächte er- und überlebt hat: „Es war die Hölle! Eswar janunnachmit- tags, aber eswar stockdunkle Nacht. Und die Hitze, wenn man geatmet hat ...“ Plötzlich fliegen um sie herum Fun- ken, und der Raum füllt sich mit Rauch. „Jeder für sich ist um sein Leben gelaufen. Ich hattemeinen kleinen Bruder unterm Arm“, fährt sie fort, während zwei Kinder aus demHintergrundnachvorn tretenundmein Wohnzimmer zumLuftschutzbunker wird, überfüllt vonMenschen. „Wir habenauf den Tod gewartet“, erinnert sich Anne, „das ist alles wie eingebrannt … wie eingebrannt.“ Ebenso lebensecht berichtetVeraGrigg, wie sie als Achtjährige 1940 die massiven deutschen „Blitzkrieg“-Luftangriffe auf Lon- donempfundenhat. UndEmmaBarashkova fasst ihre Kindheitserlebnisse in Leningrad während der 900 Tage dauernden Blockade durch die deutsche Wehrmacht in Worte. Mehr als eine Million Menschen fielen damals Hunger und Kälte zumOpfer. machen. Gerade jetzt, dadasFriedensprojekt Europa bröckle und vielerorts neuer Natio- nalismus aufziehe, sei es wichtiger denn je, diese Stimmen zu hören. Schon in ihrem Vorgängerprojekt, der 360-Grad Dokumentation „Inside Au- schwitz“, erzähltendreiÜberlebende,was sie imKonzentrationslager erlebten. Dafür gab es 2017 eineNominierung für den „Grimme Online Award“ und den Webvideopreis Deutschland. Nun entwickelten Pitz und Bialk gemeinsam mit der Hochschule Düs- seldorf und der Firma Lavalabs die weltweit einzigartigeHistoryApp.AlsRedakteure, die unter anderem auch die Reihe »Unterwegs im Westen« verantworten, haben sie viel Erfahrung mit den klassischen Dokus. Pitz: „Die App verlangt aber die kurze Form. Die Geschichten auf dreiMinuten zu verdichten unddabei derenLeuchtkraft zuerhalten,war eine große Herausforderung.“ Bei der Entwicklung der Erzähl- und Aufnahmetechnik für die App leisteten alle Beteiligten Pionierarbeit. „Die Dokumen- tarfilmer und die Programmierer mussten erst mal eine gemeinsame Sprache finden“, erklärt die Redakteurin. Bis die Zeitzeu- ginnen im Raum platziert werden konnten und die Animationen erdacht und gebaut waren, seien viele tausend Arbeitsstunden vergangen. Die Erzählerinnen wurden mit Green- Screen-Technik gefilmt, also vor einem grü- nen Hintergrund, der später ausgetauscht werdenkann. Für denholografischenEffekt In allen drei Geschichten verschmilzt meine Realität mit den dreidimensionalen Abbildernder realenErzählerinnenundden AnimationenderAugmentedReality–heute wirdzudamals, damals zuheute. „Mankann selbst den Raum bestimmen, in dem man die Geschichten erleben möchte, und sich begrenzt darinbewegen“, beschreibt die ver- antwortlicheRedakteurinDorothee Pitz die computergestützte erweiterte Realität von „WDR AR 1933 – 1945“. Sehr wichtig sei ihr dabei gewesen, dass die animierten Bilder der Erzählung helfen, aber nicht von ihr ablenken: „Es ist kein Game und soll auch keines sein. Daswäre denGeschichtennicht angemessen.“ Heutewird zu damals – damals zu heute Anne,VeraundEmmagebenErlebnisse wieder, die so viele andere auchhatten. Hun- ger, Tod, Zerstörung und die Verzweiflung derEltern–Kinder habenunter demZweiten Weltkrieg unfassbar gelitten.Wissenschaft- ler und Psychotherapeuten beschäftigen sich erst seit einigen Jahren mit den nicht aufgearbeitetenTraumatadieserGeneration. Und sie decken auf, wie sehr diese auch die nachfolgendenGenerationengeprägt haben. Dieheuteetwa80-jährigenKriegskinder sind die letzten noch lebenden Zeugen dieser schrecklichenZeit. Pitzund ihrKollegeMaik Bialk, Leiter der Redaktion „Doku & Digi- tal“,wollendieGeschichtenderKriegskinder für die Nachwelt konservieren und erlebbar Die Technik macht‘s möglich: Die Zeit- zeuginnen, wie hier die Britin Vera Grigg, sitzen dem User im eigenen Wohnzim- mer gegenüber. Foto: WDR/Screenshot Fotos links und Mitte: Kölner Schüler testen die App im Klassenzimmer mit dem Hologramm der Zeitzeugin Anne Priller-Rauschenberg. Sie erzählt, wie sie die schrecklichste aller Bomben- nächte in Köln überlebte. Fotos: WDR/Screenshot; WDR/Krenz „Die App ist kein Game und soll auch keines sein. Das wäre den Geschichten nicht angemessen.“ REDAKTEURINDOROTHEE PITZ

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