WDRprint Februar 2019

33 32 Ausland Herr Krause, mit welchem Thema beschäftigen Sie sich gerade? Ich sitze an einer längeren Sendung über Abrüstung und die Folgen des Ausstiegs der USA aus dem *INF-Vertrag. In den Erinnerungen von Michael Gorbatschow habe ich noch einmal nachgelesen, wie der Vertrag zustande gekommen ist. Beide Seiten sind mit großen diplomatischemGeschick vorgegangen und mit demZiel, dieWelt sicherer zumachen. Auch in denMemoiren von Bill Clinton, der später mit Jelzin verhandelte, habe ich vieles Inte- ressantes zur Abrüstungspolitik der USA gefunden. Mittlerweile sind die drei Pfeiler der Abrüstung insWanken geraten. Der ABM- Vertrag – hier geht es umRaketenabwehrsysteme – wurde von den USA aufgekündigt, dem INF- Vertrag droht das gleiche Schicksal, und ob der Newstart-Vertrag zur Regelung nuklearer Abrüstung verlängert wird, ist auch fraglich. Der Geist der Gorbatschow-Ära ist längst verflogen. Das ist mehr als bedauerlich, es ist höchst gefährlich. So wird inmeiner Sendung, es ist vermutlich die letzte größere, auch wenig Optimismus zu finden sein. ErinnernSie sichnoch an Ihren erstenBeitrag 1986? Bei Ihremersten Moskau-Einsatz? Ich wurde 1986 als Reporter wegen der legendären Aus- stellung „NRW präsentiert sich an der Moskwa“ nach Russland geschickt. Moskau war eine Stadt ohne Reklame, es gab wenig Autos, die Geschäfte waren leer. Aber jeder interessierte sich für Politik. Gorbatschowwar ein Jahr imAmt, die Perestroika begann gerade. Diese Aufbruchstimmung war faszinierend. Die Russen reagierten äußerst positiv auf das, was NRWauf der Messe zeigte. Für viele Sowjetbürger war es eine Sensation, deutsche Technik anschauen zu dürfen. Und für mich als jungen Reporter war alles aufregend: Wie leben dieMenschen in der UdSSR, was denken sie über Deutschland? Ichmerkte schnell, Russland ist „mein Land“! Inmeinen Berichten damals versuchte ich auch, viel Verständnis für dieses Land zu wecken. Sie waren insgesamt dreimal Korrespondent in Moskau. Was hat sich geändert? Eigentlich alles. Gorbatschow strebte Glasnost an. Er und auch Boris Jelzin wollten denMenschen Freiheiten bringen. Wla- dimir Putin aber hat gleich einen anderen Kurs eingeschlagen. Er hat Russland nachmilitärischemVorbild geordnet, er hat misslie- bige Oligarchen ins Ausland verbannt, Kritiker beseitigen lassen. Zu Zeiten Jelzins lag Russland am Boden. Putin gab den Russen wieder Selbstbewusstsein und auch ein gewisses Maß an Wohlstand. Schon seine Rede 2007 auf der Münchner Sicher- heitskonferenz kündigte eine neue Eiszeit in den internationalen Beziehungen an. Seit der Annektion der Krim ist das Verhältnis zum Westen nachhaltig belastet. Dennoch muss es einen Weg geben, aus der Krise herauszufinden. Auf Dauer kann derWesten diese Politik gegenüber Russland nicht fortsetzen. Er muss wie- der – und da kommt Deutschland eine Schlüsselrolle zu – einen Dialog auf Augenhöhe führen. Diktatur, Glasnost, Oligarchie: Hat sich die Informationsbeschaf- fung in den vergangenen drei Jahrzehnten geändert? Wir Radio-Journalisten haben es einfacher als die Fernseh- leute. Viele Russen trauen sich heute nicht, vor der Kamera zu sprechen. Mit einemMikrofon hat man es da schon leichter. Was komplizierter geworden ist: Stellungnahmen von Politikern zu erhalten. Die meisten haben Angst, etwas Falsches zu sagen und warten auf eine Anweisung von oben. Zudem gibt es in der Duma keine ernstzunehmenden Oppositionspolitiker. In den 90er-Jahren berichtete ich über die beiden Putsch- versuche, 1991 gegen Gorbatschow und 1993 gegen Boris Jelzin. Hinzu kam der Tschetschenienkrieg, ebenso der Konflikt um Nagorny Karabach, der Krieg in Abchasien, nach 2000 dann die vielen Revolutionen. Die orangefarbene Revolution in Kiew, die Rosenrevolution in Georgien oder die Tulpenrevolution in Kir- gistan. Dann die Geiselnahme in Beslan im Kaukasus oder das Geiseldrama imMoskauer Dubrowka-Theater. In meiner dritten Korrespondenten-Zeit ging es zunächst um den Krieg in der Ost-Ukraine. Dennoch muss man sagen, dass die schrecklichen und blutigen Zeiten anscheinend vorüber sind. Unsere Berichterstattung heute ist zum Glück ein wenig „normaler“ geworden. Gibt esMedien, dieSienutzenkönnen,weil sie alsunabhängiggelten? Für mich ist das wichtigste Medium der kremlkritische Radiosender Echo Moskwy. So muss Radio sein. Es gibt kaum Musik, dafür werden am Abend kompetente Studiogäste über mehr als eine Stunde live zu Fragen der Innen- und Außenpolitik interviewt. Außerdem gibt es im Internet auch viele Seiten, auf denen wirklich guter Journalismus zu finden ist. Es gibt kritische Zeitungen wie die Nowaja Gaseta oder Kommersant. Das Fern- sehen ist gesteuert, aber dennoch eröffnen sich immer wieder Möglichkeiten, hinter den alternativen Fakten die Wahrheit zu entdecken. ➔ „RUSSLAND IST MEIN LAND!“ Die Tauwetterperiode hatte gerade begonnen, als Hermann Krause (65) seine ersten Erfah- rungen als junger Korrespon- dent in Russland sammelte. 32 Jahre sind seitdem vergan­ genen. Der Leiter des ARD- Hörfunkstudios in Moskau beendet im Februar seine dritte „Amtszeit“ als Korrespondent in dem Land, mit dem ihn eine besondere Beziehung verbindet. „Es ist komplizierter geworden, Stellungnahmen von Politikern zu erhalten. Diemeistenwarten auf eine Anweisung von oben.“ * Abrüstung der nuklearen Mittelstreckenraketen

RkJQdWJsaXNoZXIy NTQ3NzI=