WDRprint Februar 2019

Ausland 35 34 Ausland HermannKrause (Jahrgang1953),gebürtigerDuisburger,absolviert bis Ende Februar seine dritte „Amtszeit“ inMoskau. Der ARD-Stu- dioleiter Hörfunk arbeitet seit 1979 beimWDR, unter anderemwar der studierteDiplom-Ökonomvon 2008 bis 2014 stellvertretender WDR 5-Zeitfunkchef. Ende Februar geht er in den Ruhestand. Wenn man Ihren Namen eingibt, tauchen auch regelrechte Hetz-Artikel auf, in denen Sie bezichtigt werden, Fake-News zu verbrei- ten. Wer steckt dahinter? SeiteinpaarJahrenwerdenwirRussland- Korrespondenten regelmäßig beschimpft. Dies geschieht zumeist von Trollen, deren Aufgabe es ist, unsere Berichterstattung zu diskreditieren. Ein Beitrag von mir wurde auf der »Tagesschau«-Seite veröffentlicht, der Redakteur in Hamburg schrieb darüber: „Putin räumt auf“. Es ging in meinem Text darum, dass Putin alte Gouverneure durch neue ersetzte. Mein Beitrag war sachlich und schilderte lediglich das Vorgehen des Kreml. DieÜberschrift aber führte dazu, dass eine Programm-Beschwerde einging. Damit mussten sich dannChefredaktion, Hörfunk- direktion, Intendanz und der Rundfunkrat beschäftigen. So etwaswiederholt sich immer wieder. Vor kurzem wurde mir von einem Hörer aus Bayern vorgeworfen, ichwürde für den russischen Geheimdienst arbeiten. Und nicht nur ich, sondernder gesamteBayerische Rundfunk. Mit der Kritikmussman leben, oftmals aber ist sie alles andere als sachlich. So hatmanmich auch schon als „Kriegstreiber“ bezeichnet. Die einen werfen uns vor, Putin zu sehr zu kritisieren, die anderen sagen, wir würden ihm zu Füßen liegen. Ich habe in meiner Berichterstattung immer versucht, beide Seiten zu Wort kommen zu lassen. Ihr Alltag in Moskau hat sich sicherlich auch sehr verändert. Gibt es Natascha mit ihrem Kiosk noch? Aus dem Haus, in dem einst Breschnew wohnte, bin ich ausgezogen, da der Ver- mieter meinte, die Miete noch weiter erhöhen zumüssen. Und Natascha, die einen Kiosk hatte, habe ich aus den Augen verloren. Der jetzige Bürgermeister Moskaus war der Meinung, alle Kioske müssten verschwinden, deshalb wurden alle abgerissen. Entschä- digungen gab es keine. Nun zum Positiven: Moskau hat sich in den letzten Jahren unglaublich verändert. Viele alte Gebäude sind renoviert worden, die Stadt ist voller Glanz und Pracht. Geht man im Zentrum spa- zieren, stockt einem der Atem. Moskau ist eine Stadt, in der man immer leicht etwas unternehmen kann. Theater, Konzerte, Opern, Ballett, Jazz oder Blues, Ausstellungen, Vernissagen, neue Gale- rien – die Stadt ist voller Überraschungen. Und die Russen laden gerne ein. Einer der vielen Freunde hat ein Ticket oder auch zwei, man geht gerne zusammen aus und genießt den Abend. Moskau ist eine Weltstadt, Moskau ist hektisch, laut und aggressiv, aber auch gemütlich, freundlich, an manchen Stellen dörflich. Gegen Moskau sind fast alle anderen Städte langweilig. Die Russen sind unglaublich deutschlandfreundlich. Der eine war schonmal hier, der andere hat Verwandte in Berlin oder Stuttgart, der Dritte möchte auswandern. Hinzu kommt das Völ- kergemisch aus Armeniern, Aserbaidschanern oder Usbeken, die in Moskau arbeiten. Und dann sind da noch die vielen Restau- rantsmit kaukasischer Küche und exotischen Speisen. Allerdings: Russisch zu sprechen, das ist ein absolutes Muss, ansonsten entgeht einemdie Kultur dieses Landes. Als Leiter der Repräsentanz des Volksbundes Deutscher Kriegs- gräberfürsorge werden Sie in Moskau bleiben. Was hält Sie darüber hinaus in Russland? Ich möchte erreichen, dass die Arbeit des Volksbundes mit dem Petersburger Dialog in einem Atemzug genannt wird. Denn die Kriegsgräberfürsorge ist Mahnung und Aufforderung zugleich, dass Russen und Deutsche wieder zu einer normalen Partner- schaft zurückfinden. Dass ich in meiner neuen Funktion dazu beitragen kann, ist für mich Ziel und eine Herzensangelegenheit zugleich. Zudemhoffe ich, dass ich nach 40 JahrenWDR auch hin und wieder noch eine Sendung machen darf. Die Fragen stellte Maja Lendzian Nataschas Kiosk: Hermann Krause war dort „Stammkunde“, bis der Bürgermeister die kleinen Kommuni- kationsbörsen abreißen ließ. Fotos: WDR/Kostjia Hermann Krause bleibt in Russland: „Gegen Moskau sind fast alle anderen Städte langweilig.“ Korrespondentin Christina Nagel (46) leitet ab März zum zweiten Mal das ARD-Hörfunkstudio in Moskau. Schon von 2007 bis 2013 arbeitete sie am Kutusowskij-Prospekt, davon zwei Jahre als Leiterin. Die erste große Aufgabe wird die Präsidentschaftswahl Ende März in der Ukraine sein. „Dafür wird unser Team durchs ganze Land reisen, Hin- tergründe beleuchten undmit denMen- schen sprechen.“ Ebenfalls oben auf Christina Nagels Agenda: Hörfunk und Fernsehen im Moskauer ARD-Studio stärker zu verzahnen. Auch räumlich sollen beide Redaktionen enger zusammenrücken. „Derzeit liegen noch zehn Etagen und ein Lift, der gern stecken bleibt, zwischen den beiden Teams“, erklärt die Radiojournalistin. Die neue Studioleiterinwill zusammenmit ihrenKollegendie Social-Media-Aktivitäten verstärken. In Instagram-Stories sollen beispielsweisemehr Alltagsgeschichten erzählt werden, für die im Zum zweiten Mal Studiochefin in Moskau Programm oft kein Platz ist. Nagel: „Die können sich zum Beispiel in einemrussischen Supermarkt abspie- len. Dann heißt es: Handy zücken und einen kurzenFilmdrehen.“ Auch Podcasts zu Themen, „die Russenwie Deutschen auf denNägeln brennen“, werde dieMoskauer ARD-Redaktion verstärkt produzieren. Das reiche von explodierenden Mieten in Ballungs- räumen beider Länder bis hin zum Ukraine-Konflikt. Die journalistisch spannendste Frage für Christina Nagel lautet: „Was kommt nach Putins letzter Amtszeit? Wie wird der Übergang geregelt? Welche Testballons werden gestartet?“ Ihre eigene Russland-Testphase hat die gebürtige Ostwestfä- lin, die unter anderem in Sankt Petersburg Politikwissenschaften, Publizistik und Slawistik studierte, längst hinter sich. Nach ihren ersten sechs Jahren im ARD-Studio Moskau werde sich der Neu- start ab März „wie nach Hause kommen“ anfühlen. hei VonMoskau nach Berlin Nach fünf Jahren im ARD-Studio Moskau wird Markus Sambale Hörfunk-Korrespondent (43) im Hauptstadt­ studio Berlin. „Aus Reporter- sicht hätten die fünf Jahre kaum intensi- ver beginnen können: die Proteste in Kiew, die Krim-Annexion, der Krieg in der Ost- Ukraine“, erinnert sich Markus Sambale. Zum Glück sei aber auch Zeit für andere Themen geblieben: eine Begegnung mit Michail Gorbatschow, die Fußball-WM in Russland, Alexander Gersts Raketenstart in Baikonur. InBerlinwird dieAußenpolitik zu den Schwerpunkten des gebürtigen Oberhauseners zählen. Ganz oben auf der Agenda stehen ab 1. März der Brexit und die Europa-Wahlen. Als neues Zuhause wählte Sambale das Zentrum Berlins: „Da werde ich mir öfter die Moskauer U-Bahn mit ihrem 90-Sekunden-Takt herbeiwünschen. Gleichzeitig freue ich mich, über Dinge zu berichten, die die Hörer unmittelbar in ihrem Alltag betreffen – häufiger, als das bei Themen aus Moskau vielleicht auf den ersten Blick der Fall war.“ hei Von Köln nach Moskau MarthaWilczynski (34)wechselt zum1. Februar vonWDR 5 inKöln insARD-StudioMoskau.AlsHörfunk-Korresponden- tin löst sie ihrenWDR-KollegenMarkus Sambale ab. Die Historikerin und Med ienwissenscha f t ler in volontierte 2012/2013 beim WDR. Anschließend arbeitete Martha Wilczynski für Funk- haus Europa (heute COSMO). Nach zweieinhalb Jahren als Redakteurin beim WDR 5- »Morgenecho« führt der Weg der in Polen geborenen Jour- nalistin jetzt ins ARD-Studio Moskau. „Ich habe in Moskau bereits viermal Kollegen ver- treten, mehrere Russisch-Kurse besucht, einen in Sankt Peters- burg“, berichtet die 34-Jährige. „Mit der Sprache wird es im rus- sischenAlltag keine Probleme geben. Bei den ersten Interviews werden aber Dolmetscher an meiner Seite sein.“ Eines der Ziele der neuen Hörfunk-Korrespondentin: „Moskaus coole Seiten präsentieren, beispielsweise entlang der spannenden Club- und Kulturszene. Denn Russland ist viel mehr als Putin und politische Krisen.“ hei Christina Nagel leitet erneut das Hörfunkstudio in Moskau. Foto: WDR/Fußwinkel Markus Sambale setzt seine Reportage aus Baikonur ab. Foto: Guenther Martha Wilczynski Foto: WDR/Fußwinkel

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