WDRprint Februar 2019

39 38 Berufsbilder News, wo auch immer man hinschaut: An denWänden hän- gen riesige Bildschirme mit den Schlagzeilen diverser Zeitungen, vor FelixWessel stehen dreiMonitoremit Agenturmeldungen und anderen Anwendungen, und um ihn herum arbeiten Hörfunk- und Online-Kollegen. Amnächsten Tag kommen auch die ersten Kollegen der Programmgruppe Aktuelles an Bord. Wir befinden uns im „digitalen Vorläufer des Interims-Newsrooms“. Wessel ist seit vier Uhr morgens hier. Die Nachrichtenlage scheint übersichtlich zu sein an diesemSonntagmorgen: Schnee- chaos in Bayern undÖsterreich, eine Großrazzia gegen kriminelle Clans imRuhrgebiet. Das hat Wessel schon bei der Übergabe von der Kollegin der Spätschicht erfahren. Die hatte bereits einen Tweet der Polizei Essen mit eigenem Kommentar gepostet. „Das war mein Startpunkt für die Tagesübersicht mit den drei wichtigs- tenMeldungen, die wir um acht Uhr überWhatsApp aussenden“, erläutert Wessel. Seit Dienstbeginn hat er die Entwicklung imRuhrgebiet bei Agenturen und anderen Online-Portalen verfolgt. Wo und gegen wen wird ermittelt? Wie viele Einsatzkräfte sind dabei? Er sucht Bis in vier bis fünf Jahren das „Haus der Aktualität“ im einstigen Filmhaus fertig ist, hat der WDR in den WDR Arkaden einen vorläufigen Newsroom für alle nachricht- lichen Gewerke eingerichtet. Felix Wessel (34) arbeitet dort als freier Social-Media-Autor. nach Fotos aus der Nacht, kann auch auf Reporter-Material vor Ort zurückgreifen. Gegen sieben Uhr schließlich kann Wessel eine Facebook-Story zum Thema Großrazzia absetzen. Unterschiedliche Strategien Die Social-Media-Experten im Newsroom bedienen bislang Facebook, Twitter und WhatsApp. „Für jedes Medium haben wir eine eigene Strategie“, erklärtWessel. Und die bestimmt, wannwas wo kommuniziert wird: ÜberWhatsAppwird zweimal täglich eine Nachrichtenübersicht verbreitet, währendTwitterwie einLiveticker eingesetzt wird. „Wir twittern selbst in ruhigenZeiten alle 45Minu- ten“, soWessel.DieKunst: Beimaximal 280Zeichen(Twittervorgabe) muss er dieKomplexität reduzieren, aber gleichzeitigpräzisebleiben. Bei Facebook dagegen geht es eher um die vertiefende Diskussion gesprächswertiger Inhalte. Wessel arbeitet hier häufigmit Grafiken undmuss verschiedene technischeAnforderungenberücksichtigen: FunktionierenVideos noch, wenn sie ohneTon ausgespieltwerden? Sind die Bildausschnitte so, dass er Text darüberlegen kann? Wie werde ich Social-Media-Autor? Social Media ist ein recht neues Arbeitsfeld. Viele hier haben eine klassische journalistische Ausbildung und sich dann in Eigeninitiative weiterentwickelt. Einschlägige Volontariate sind noch die Ausnahme. Neben spezifischen Kenntnissen zu den einzelnen Plattformen und diversen Digital-Formaten sind Schnelligkeit, Kreativität, Umsicht, Analyse und Empathie gefragt, je nach Einsatzgebiet. Ein klares Urteilsvermögen und die Fähigkeit, Diskussionen zu moderieren, sind wichtig. Klassisch journalistisch Sozialisierte können unterschiedliche Kompetenzen einbringen, die für Social Media wichtig sind: in Kom- mentarspalten von Webseiten die Erfahrungen im Community-Management, aus demRadio die schnelle Reaktion auf Ereignisse, aus dem Fernsehen die Fähigkeit, Geschichten auch im Bild zu erzählen. Die Erfolgsanalyse mit genauem Blick auf Nutzer und ihre Bedürfnisse kann man lernen. Grundlage ist immer gutes Texten – und das haben alle mal gelernt. Stefan Brandenburg, Leiter der Taskforce Newsroom Foto: WDR/Fußwinkel Im Newsroom gilt: „digital first“. Social-Media- Autor Felix Wessel Foto: WDR/Dahmen Damit dem Newsroom keine Nachricht entgeht, bedient sich der Social-Media-Experte verschiedener Tools: Über „Crowdtangle“ beispielsweise hat Wessel Zugriff auf alle NRW- Medien, die imNetz präsent sind. „Sobald besonders viele Leute kommentieren, teilen oder liken, sehen wir das!“ Sämtliche Kommentare der eigenen Ausspielwege werden gelesen, damit Wessel notfalls nachrecherchieren oder im Falle von Hetzkom- mentaren strafrechtlich Relevantes an die zuständigen Stellen im Haus weiterleiten kann. Ein zweites Tool ist „Tweetdeck“, das abbildet, was gerade bei Twitter los ist. In dieser Anwendung kann der Social-Media-Autor nach Personen oder Stichworten suchen oder Tweets von Verbänden, Ministerien oder Behörden beobachten. Einheitliche Nachrichtengebung Wessel betont, dass im Newsroom „digital first“ gilt: Der Tweet geht raus, auch wenn noch nicht alle Details bekannt sind oder die Radionachrichten erst in 40Minuten anstehen. Genauso wichtig wie Schnelligkeit ist im Newsroom die kontinuierliche Beobachtung der Nachrichtenlage. Davon profitieren alle, auch die Hörfunk- und ab Herbst die Fernsehkollegen, denn es geht zudem um die einheitliche Nachrichtengebung des WDR. Den sozialen Medien kommt eine Art Frühwarnfunktion zu, weil sich im Netz Themen früher abzeichnen, als sie in den tradi- tionellen Medien dargestellt werden können. „Wenn ich ein Thema entdeckt habe, informiere ich die Kollegen sofort auf Zuruf“, sagt Wessel. Wie aufs Stichwort ruft ein Kollege: „Was ist mit der PK im Innenministerium?“ Felix Wessel wendet sich wieder seiner Arbeit zu: „Es gibt keinen Tag, an demwir hier Däumchen drehen.“ Ute Riechert Einer von uns: FELIX WESSEL

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