WDRprint März 2019

21 20 Fernsehfilm JANGEORGSCHÜTTE IMGESPRÄCH Wann haben Sie zuletzt ein Klassentreffen besucht? Ich gebe zu, ichwar nochnie auf einem. Das hat damit zu tun, dass ich die Schulzeit innicht soguterErinnerunghabe.Alsonicht, weildieLeutesoblödwarenoderdieSchuleso schlimm. Eswar fürmich einfach eine doofe Zeit.IchwaralsMenschüberhauptnochnicht entwickelt,wusstenicht,wo ichhinwill, und habe echt nur gelitten. Und daran will ich nicht so gern erinnert werden. Und warum dann ein Film über ein Klassentreffen? Das Setting hat sich einfach total angeboten. Es gab mir die Möglich- keit, einen Gesellschaftsquerschnitt zu machen und dadurch auch mal ein bisschenpolitischer zuwerden. Natür- lichwaren die Figuren alle auf ein und derselben Schulform, aber sie haben ganz verschiedene Lebensentwürfe. Vom Total-Loser bis zum Super-Win- ner hat man alles in einem Raum, das warmirwichtig. Außerdemwurdemir berichtet, dass bei so einem Klassen- treffen alle noch mal auf null zurück- gespult würden. Egal, ob man mittlerweile durch die Gegend jettet: Wennman damals der picklige Loser war, dann nützt einem der Jet jetzt auch nichts. Man ist wieder der picklige Loser. Das fand ich total spannend. Sie schreiben kein Drehbuch mit Dialogen, entwerfenaber – inZusammenarbeitmit den Schauspielern – für jede einzelne Figur Bio- grafien. Wie mühsam ist das? Gar nicht mühsam. Mich mit den Schauspielernzusammenzuhockenundmit ihnenherumzufantasieren, das liebe ich.Das ist derKernmeinerArbeit undvielleicht auch der Grund für den Erfolg. Was wussten die Schauspieler von den Figu- ren ihrer Mitspieler? glücklich. Und einiges von dem, was nicht mehr in den Film gepasst hat, konnten wir für die Serie verwenden. Für die haben wir sechsFigurenausgewählt,darunterauchHer- gen, der vonMarekHarloffgespieltwird, und Ali, denKidaKhodrRamadanspielt.Dassdie beiden sich gefunden haben, war überhaupt nicht geplant. Das war Kidas Initiative, so nach demMotto: Ich suchemir jetzt einfach mal den schwächsten Typen raus und haue auf ihndrauf.Diebeidenhabensichsehrklug eine eigene kleine Geschichte gebastelt. Die Szenedraußen,woAliHergenzurRedestellt, das ist einSchreier, einMusterbeispiel für die Kunst, offen für denAugenblick zu sein und aus demMoment heraus Dialoge und Situa- tionen zu entwickeln. Sie waren also selbst überrascht von dem, was Sie da im Schnittraum so alles zu sehen bekamen. Sehr. Das ist stets ein großes Fest beim Schnitt. Sicher gibt es immer auch ein paar Szenen, bei denen man denkt: Schade, das gingjetztnichtsoauf,aberdafürhabenandere Sachen ganz hervorragend funktioniert. Zum Beispiel? Zum Beispiel die wunderbare Begeg- nung von Stefan und Andi, die beide in Marion verliebt waren. Diese kleine Begeg- nung inderBarhatmichtotal überraschtund erfreut. Das hätte ich sonicht schreibenund auch nicht inszenieren können. Das ist so wahrhaftig, komisch, traurig, alles zugleich. Oder wie Anja Kling in die Begegnung mit Charly Hübner gegangen ist – so ruhig und bescheiden, so klar und mit offenem Visier, das fand ich total schön. Wie bekommenSie heraus, ob einSchauspie- ler Talent zum Improvisieren hat? So richtig herausfinden kann man das nicht. Ichmache ja auchkeineCastings. Und die Demos ... Im Vorfeld gucke ich mir von denSchauspielern sehr viel lieber Talkshow- Auftritte und Interviews an. Das sind Situa- tionen, indenenmanamehestenmerkt, wie spontan sie sind. Sieerwähntenvorhin, dass IhnendieKonstel- lation Klassentreffen erlaubt hat, politischer zu werden als bisher. Ein großer politischer Moment ist für mich der Umgang mit der Figur Krischi, die CharlyHübner spielt. Für unswar ganz klar: Wirwollenkeinen tumbenNazi zeigen. Das finden wir langweilig. Aber kaum äußert Krischi in der Improvisation seine deutsch- nationalenAnsichten, wirder sofort vonden anderenFigurenalsNazi betitelt. Unddas ist für mich sehr typisch, wie wir im Moment inDeutschlandmit diesenRechtsnationalen umgehen. Eswird fürmichviel zuschnell die Nazi-Karte gezogen und dadurch jede Dis- kussion abgewürgt. Um hier keine Mißver- ständnisse aufkommen zu lassen: Ich finde Meinungen, wie Krischi sie vertritt und die Soviel,wie ihreFigurweiß.Wenndiese vor 25 JahrendenKontaktmit dem- oder der- jenigenverlorenhatte, dannwussten sie von dieser Figur nur den Stand von damals. Auf das, was dann beim Dreh zwischen den Schauspielern beziehungsweise zwischen den Figuren entsteht, haben Sie keinen Ein- fluss mehr. Das heißt, Sie müssen loslassen können. Ja. Sobald gedrehtwird, nimmt dieNer- vosität auch ab, dann gibt es kein Zurück mehr. Und dann spüre ich auf einmal eine Ausschüttung von Glückshormonen. Die Tage und Stunden davor sind aller- dings wirklich grauenvoll. Ich hatte mir eine Meditations-App heruntergeladen, um runterzukommen. Das hat auch ganz gut geklappt. Aber als mich die Stimme am MorgendesDrehs nachmeinenStresspunk- ten gefragt hat und mich aufforderte, doch einfach mal loszulassen, habe ich nur noch getobt: „Hey, Alter, wenn ich das alles los- lassen soll ...!“ Was war die größte Herausforderung bei diesem Projekt? Die Masse. Bei „Klassentreffen“ gibt es noch mehr Figuren als bei den anderen Fil- men, und beim Schnitt zu entscheiden, auf wenwirdasHauptaugenmerklegen,wareine „Die Tage und Stunden vor Drehbeginn sind schrecklich.“ extremeHerausforderung. Das hat nicht nur damit zu tun, wer am besten war, sondern auch mit der Frage: Wo will die Geschichte hin? Es wurden keine einzelnen Szenen gedreht, sonderndas „Klassentreffen“ alsGanzes und inEchtzeit. Haben Sie schon beimDreh erah- nen können, was da gerade so zwischen den Figuren passiert? In diesem Fall habe ich extrem wenig mitbekommen, weil es so viele Leutewaren, weil bis zu fünf Räume gleichzeitig bespielt wurdenund ichmichinderRolledes Wirts nur sehr bedingt dazustellen konnte. Wir hatten einen riesigen Kontrollraummit 20Monitoren, da bin ich ab und zu hin, aber bei dem Tonkauderwelsch, das da herrschte, konnte ich nicht viel verstehen. Also habe ich mich vor allem damit beschäftigt, Schadensbegrenzungzu betreiben. Schadensbegrenzung? Zum Beispiel, jemandem ein Bier zu bringen und ihm zu sagen: Stell dich mal ein bisschen weiter nach rechts, dann verdeckst du den anderen nicht. Wie viele Kameras hatten Sie? Wie hatten diesesMal 24 Kameras mit Operator. Das waren noch mal zehn mehr als bei „Wellness für Paare“, und da haben schon alle gesagt, das sei ja fürchterlich viel. Die Kameras waren auf die fünf Räume ver- teilt, und mit jeder haben wir vier Stunden Material gedreht. Insgesamtmusstenwir also 120 StundenMaterial sichten und sortieren. Das hat bestimmt ein Vierteljahr gedauert. Es war doch sicher hart, sich zwangsläufig von viel Material zu verabschieden. Ja, wir mussten schon viele, viele Dar- lings killen.Mit den90Minuten, die schließ- lich übrig geblieben sind, bin ich aber richtig AfD, extremst schädigend für Deutschland. Nicht nur moralisch, auch wirtschaftlich. Aber diesen Gefahren können wir uns nur entgegenstellen, wenn wir uns mit diesen Leuten, die teilweise sehr intelligent sind, sehr genau auseinandersetzen. Und das passiert bei Krischi nicht. Ich hatte gehofft, dass es mehr geschieht, aber es wäre wohl auch nicht authentisch für einKlassentreffen gewesen. Ich sehe das Politische in diesem Film aber noch sehr viel weiter gefasst. Politisch ist auch die Figur von Andi, der aus der Gesell- schaft rausgefallen ist, und die vonSven, der so steil Karriere gemacht hat. Oder Marion, die in den Wahnsinn geglitten ist, aber so viel freier ist als manche andere Figur. Und dasmeine ichnicht inBezugauf Liebesdinge, sondern in Bezug auf ihr Leben. Mit Jan Georg Schütte sprach Marcus Bäcker „Wir mussten 120 Stunden Material sich- ten. Das hat bestimmt ein Vierteljahr gedauert.“ Gruppenfoto in einem leerste- henden Gasthof in Köln-Hürth: 24 Kameraleute arbeiteten in fünf Räumen. Zum Einsatz kamen 32 Kameras, noch einmal zehn mehr als bei „Wellness für Paare“. Fotos: WDR/Ennenbach Jan Georg Schütte, der Meister der geplanten Improvisation Das Erste MI / 6. März / 20:15 Klassentreffen – Der Film ONE FR / 8. März / 21:00 Klassentreffen – Die Serie

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