WDRprint März 2019

29 28 Des Tierfilmers Dilemma – oder die Rettung der Pinguine Neun Monate be­ gleitet das Kamera- team die Brut und Jungenaufzucht der Kaiserpinguine in der Antarktis. Kälte und heftige Stürme sind eine gewaltige Herausforderung. Foto: WDR/BBC/Christmann „Sebastian Koch ist kein Sprecher, er ist ein Erzähler“, sagt WDR-Redakteur Klaus Kunde-Neimöth, „es war herr- lich, ihm im Studio zuzusehen, wie er sich in die Filme regelrecht ,reingelebt‘ hat.“SebastianKocharbeitetemitHolly- wood-GrößenwieBruceWillisoderSte- venSpielberg. FürseineDarstellungdes Klaus Mann in Heinrich Breloers „Die Manns–EinJahrhundertroman“wurde eru.a.mitdemAdolf-Grimme-Preisaus- gezeichnet.Kochwirkte inFlorianHenckel vonDonnersmarcks Oscar-prämiertem Drama „Das Leben der Anderen“ mit. Sein zweiter Filmmit diesemRegisseur, „Werk ohne Autor“, wurde gerade zweifach für den Oscar nominiert. Christine Schilha befragtedenSchauspielerzuseinerArbeitan„WildeDynastien“. Herr Koch, was hat Sie gereizt, als Erzähler an einer Tier-Doku mitzuwirken? Ich habe schon immer eine starke Verbindung zur Natur empfunden. Ich bin fasziniert von der Vielfalt der Arten und gleichzeitig davon, wie sehr sie in ihrem Sozialverhalten dem Menschenähneln. Fürsorge, Konkurrenzkampf, sozialeVerbun- denheit, all dies findet sich auch inunsererGesellschaftwieder – zumTeil in erschreckender Ähnlichkeit, wenn es beispielsweise umMachtkämpfe geht. Zwar steht bei uns glücklicherweise in den seltensten Fällen das Leben auf dem Spiel, aber die Struk- turen finden sich in erstaunlich ähnlicher Weise wieder. Sie sprechen auchHörbücher ein. Lässt sich die Arbeit an „Wilde Dynastien“ damit vergleichen? Die Aufnahmen bei einem Hörbuch haben einen ande- ren Rhythmus. Die Geschichte wird in chronologischemFluss eingelesen. Im Dokumentarfilm wirken die Bilder, und das Gesprochene liefert vorrangig die faktische Ergänzung zu dem, was der Zuschauer sieht. Mein Anspruch ist es dennoch, mit meiner Intonation einer für mich stimmigen Dramaturgie zu folgen und über die Sprache die Spannung, die allein schon durch die Bilder entsteht, zu verstärken. Welche der fünf Geschichten hat Sie ammeisten beeindruckt? Die der Wildhunde. Eine vom Aussterben bedrohte Art, die ich bisher überhaupt nicht kannte. Für mich vermutlich der spannendste der fünf Teile. Haben Sie tierische Lieblingscharaktere bei „Wilde Dynastien“? Die LöwinnenCharmund Sienna. Es ist erstaunlichwie sie es schaffen, unter widrigsten Bedingungen ihre Jungen gegen Feinde zu verteidigen, komplett auf sich gestellt. Ihre Stärke und Entschlossenheit hat mich sehr fasziniert. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz: Tierfilmer beobachten nur, sie greifen niemals in die Natur ein. Außergewöhnliche Umstände veranlassten jedoch das Filmteam, das für „Wilde Dynastien“ in der Antarktis drehte, dieses Gesetz zu brechen. In einem berührenden Bericht auf der Website von BBC ONE erklärt Regisseur Will Lawson, wie es dazu kam. Ein Schnee- sturmhatte etwa 50 Kaiserpinguine, die ihre frisch geschlüpf- ten Küken zwischen ihren Beinen wärmten, in einen Eiskrater getrieben. Die erwachsenen Tiere schafften esmit ihren Jungen nicht wieder heraus und standen vor der Wahl: gemeinsam sterben oder das eigene Junge zurücklassen. Der Boden des Kraters war bereits mit toten Küken übersät. Publikum zu Tränen gerührt „Wir waren da, umdie Ereignisse zu dokumentieren, ob sie nun gut oder schlecht für die Pinguine verliefen“, erzählt Law- son. Zurück in der Basisstation, konnte das Team jedoch über nichts anderes nachdenken und stellte sich die unausweich- liche Frage: „Sollen wir helfen?“ Nach zwei Tagen fällten sie eine einstimmige Entscheidung: Sie grubenmit einer Schaufel ein paar Stufen ins Eis. Der Regisseur: „Es würde dann an den Vögeln liegen, ob sie denWeg finden und nutzen.“ Überglück- lich sahen die Filmemacher, wie die Pinguine kurz darauf mit ihren Jungen aus dem Krater kletterten. „Ich habe nicht den geringsten Zweifel, dass wir das Richtige taten“, schließt Lawson. Und auch Producer Michael Gunton sowie BBC-Tierfilm-Legende Sir David Attenborough verteidigen das Verhalten der Crew. Weder das ökologische Gleichgewicht sei gestört worden, noch habe sich das Team durch sein Eingreifen inGefahr gebracht. Die Ausstrahlung der Episode sowie des „Making of“ löste eineWelle der Emotionen in den sozialen Netzwerken mit mehr als 100.000 Kommenta- ren aus. Zahlreiche Zuschauerinnen und Zuschauer bekunde- ten, dass sie vor dem Fernseher geweint hätten. Gunton betont jedoch, dass das Eingreifen eine Ausnahme bleibenmüsse: „Es gibt so viele Situationen, in denenman das nicht könnte, sollte und würde.“ Christine Schilha Foto: WDR/Ziebe „DieWildhunde habenmich ammeisten beeindruckt.“ Starke Verbindung zur Natur: Sebastian Koch Allein der Vater brütet das Ei aus, aus dem nach zwei Monaten das Junge schlüpft. Beim Nachbarn ist es schon soweit. Foto: WDR/BBC/Christmann

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