WDRprint März 2019

Musik 33 32 Musik Finden Sie den Job anstrengend? Nein, wenn man gut vorbereitet da rein geht, dann macht das einfach Spaß. Da bist du dann vollkommen erstaunt, dass die Sendung schon wieder vorbei ist. Das ist so, wie wenn ich mit der Band spiele. Ich habe das Gefühl, wir hätten gerade erst angefangen, dann gucke ich auf die Setlist und sehe, wir sind schon kurz vor der Zugabe. Fiel das Moderieren Ihnen von Anfang an so leicht? Ja, ich bin ja mehr Geschichtenerzäh- ler alsMusiker. Ohne da jetzt tiefzustapeln: Ich kannmich selber auf der Gitarre beglei- ten, aber mich würde niemals jemand als Gitarrist im Studio anheuern. Ich kann dir Geschichten erzählen, teilweise aus- getüftelt, teilweise vorbereitet, teilweise spontan. Wenn wir Konzerte spielen, lege ich mir ja auch nicht großartig die Mode- rationen zurecht. Als die Anfrage von WDR 4 kam, haben Sie da direkt zugesagt, weil Bob Dylan schließ- lich auch eine Radioshow moderiert? Die habe ich natürlich alle zu Hause auf CD. Nein, es ist mir nicht leichtgefal- len. Die wollten jede Woche eine Sendung machen. Das schaffe ich einfach zeitlich nicht. Meine Frau hat aber mitgekriegt, wie gerne ich das machen wollte und gesagt: „Mach doch wenigstens eine im Monat.“ Ich bin sehr froh, dass sie mich dazu über- redet hat. Mir würde was fehlen, wenn das jetzt auf einmal nicht mehr wäre. Ist es nicht ein Traumjob für jeden Musik-Freak, einer breiteren Öffentlichkeit Lieder vorzuspielen? Ja, es ist ein Privileg. Und ich bin ja nicht formatgebunden und kannmich über das Kerngebiet vonWDR 4 hinausbewegen. So suche ich manchmal ganz alte Urversionen von Stücken raus und gehe dabei weit in der Zeit zurück. Ich spiele aber auch jüngere Kollegen wie Clueso oder Thees Uhlmann. Welche Kriterien muss ein Song erfüllen, um auf Ihre Playlist zu kommen? Da finden nur Stücke statt, bei denen der Text mich in irgend- einer Formverblüfft. Allerdings: Ausnahmen bestätigen die Regel. Wenn ich im März die Karnevalssendung mache, dann geht es nicht um Poesie, sondern um Stimmung. Aber ich lasse keine Karnevalslieder laufen. Nein, Sie spielen lauter Stücke, die Sie damals mit Ihrer Schüler- Combo bei Karnevalspartys gecovert haben. Ja. Damals gab es ja noch keine Bläck Fööss. Die jungen Menschen haben Karneval gefeiert mit Songs, die im Beat Club gelaufen sind. Aber: Kuriose Texte gibt es da auch. Zum Beispiel Frei nach den Rolling Stones: „Es ist nur Rock‘n‘Roll, doch er mag es“: Wenn BAP-Chef Wolfgang Niedecken bei den »Songpoeten« seine Musik spielt, legt er im Sitzen schon mal ein kleines Tänzchen hin. Christian Gottschalk traf den Sänger im WDR-Studio mit Domblick. „Moderieren ist so, wie wenn ich mit der Band spiele.“ „Da doo ron ron“ von den Crystals mit einemText imRefrain, der ursprünglich nur als Platzhalter gedacht war. Was sind gute Lyrics? Es gibt teilweise ganz einfache Lieder, die entwaffnend sind, da besteht die Kunst in der Reduktion. Die hauen einen vom Sockel, weil sie so präzise sind. „A change is gonna come“ von SamCooke beispielsweise. Das erste Album, das jemals eine Textbeilage hatte, war übrigens „Ser- geant Pepper‘s“. Davor hat man manch- mal gar nicht herausbekommen, was die da singen. Was wir uns da mit unseren Schüler-Bands teilweise zusammenge- sungen haben, da lache ich mich heute noch drüber tot. Wenn man wie Sie selber Songtexte schreibt, urteilt man über die Texte ande- rer milder oder härter? Ich bin da sehr streng. Wenn einer ankommt mit demReimlexikon und talk auf walk reimt ... Ich bin auch mit mei- nen eigenen Texten sehr sehr streng. Die kriegt keiner zu hören, nicht mal Famili- enmitglieder, bis ich denke: Das ist jetzt vorführbar. Die Sendung hat einen hohen Wortanteil. In der Februar-Sendung habe ichmir einen Wunsch erfüllt und den ganzen Text von „Telegraph Road“ von den Dire Straits übersetzt, vorgelesen und dann die Nummer gespielt. Das war der Hammer. Ich habe mir dann noch erlaubt, aus der Autobiografie von Eric Clapton die Passage über „Tears in Heaven“ vorzulesen. Das ist eine sehr berührende Stelle. Das war meine Lieblingssendung bisher. Wann und wie hören Sie Musik? Wenn ich arbeite, schreibe und nachdenkenmuss, kann ich keineMusik hören. BeimMalen oder Collagieren höre ich dagegen sehr gerneMusik. Und beimAutofahren. Aber die Autos haben gar keine CD-Player mehr, da musst du alles auf das Pad laden, wofür ich zu blöde bin. Dann muss ich meine Damen knechten: Stell mir das mal ein, dass ich das imAuto über Bluetooth hören kann. »Songpoeten« Mit Wolfgang Niedecken WDR 4 DI / 5. März / 21:00 Die Februar-Sendung ist bisher seine Lieblingssendung. Er hat sich einen Wunsch erfüllt: den Text von „Telegraph Road“ von den Dire Straits übersetzt und dann die Nummer gespielt. „Das war der Hammer!“ „Das macht einfach Spaß!“ Wolfgang Niedecken legt im WDR 4-Studio vor Begeisterung einen Twist sitzend hin. Foto: WDR/Fehlauer

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