WDRprint März 2019

43 42 Hörspiel Hörspiel Gestorben wird immer. Aber imWie- ner Altenheim „Sonne“ scheint jemandem das Sterben nicht schnell genug zu gehen. Die Todesfälle häufen sich und müssen aufgeklärt werden. Ein Ermittler ist prak- tischerweise schon vor Ort, wenn auch unabsichtlich: Sein Name ist Suchanek, und er wurde von einem Gericht dazu verurteilt, Sozialstunden im Altenheim abzuleisten. Schuld daran ist seine Vor- liebe für Marihuana. Allerdings will der notorische Grantler Suchanek gar nicht ermitteln. Aber er muss schließlich doch, denn er hat Angst, dass er selbst unter Ver- dacht geraten könnte. ImKrimi „Altenteil“ zwingt der österreichische Schriftsteller Rainer Nikowitz zum dritten Mal seinen Antihelden Suchanek dazu, sich auf die Spur rätselhafter Mordfälle zu begeben. Nach „Volksfest“ und „Nachtmahl“ hat der WDR nun auch diesen dritten Fall als Hörspiel produziert. Ungewöhnliche Charaktere Für Redakteurin Christina Hänsel ist „Altenteil“ aufgrund der ungewöhnlichen Charaktere ihr Hörspiel des Monats März: „Suchanek ist alles andere als ein typischer Ermittler. Er sieht eigentlich am liebsten denDingen beimGeschehen zu – undmuss nun aber doch aktiv werden.“ Und dann ist da nochRenner, mit dem Suchanek seine Ermittlungen bespricht. Renner wohnt im Altenheim und ist ans Bett gefesselt, bekommt nie Besuch und hasst alteMenschen. „Renners Ausweg aus der Tristesse des Heims ist Sarkasmus – ein wacher Geist mit schwarzemHumor“, sagt Christina Hänsel. „Ein spannender Krimi, bei dem es Spaß macht mit zu kombinie- ren.“ Anschaulich wird die Altenheim- Atmosphäre aufgebaut, werden die Skur- rilitäten des Heimalltags geschildert. So muss Suchanek eine demente Bewohnerin einsammeln, die immer wieder aus dem Altenheim abhaut, oder beimTanztee mit- machen und die alten Damen zum Tänz- chen auffordern. Die Aufnahmen zu „Altenteil“ wur- den fernab der WDR-Hörspielstudios gemacht: Regisseur Martin Zylka reiste mit seiner Assistentin nach Österreich, wo die Sprachaufnahmen mit österreichi- schen Schauspielern entstanden, darunter auch der Erzähler, gesprochen von Peter Simonischek (u.a. bekannt aus dem Film „Toni Erdmann“). Die Geräusche und klei- nen Dialoge, die eine authentische Heim- Atmosphäre ausmachen, fingMartin Zylka in einemWiener Seniorenheim ein. kp Das Hörspiel „Altenteil“ nach dem satirisch-mor- biden Krimi von Rainer Nikowitz entstand unter anderem in einem Wiener Seniorenheim. Der Schauspieler Peter Simonischek erzählt eine weitere Episode mit dem Antihelden Suchanek. Mord imWiener Seniorenheim Hörspieltipp März Peter Simonischek spricht den Erzähler in diesem spannenden Krimi, der die Skurrilitäten des Heimalltags aufgreift. Foto: NDR/ORF/Schimmer Redakteurin Christina Hänsel Foto: WDR/Sachs WDR 3 FR / 29. März / 19:04, Teil 1 FR / 5. April / 19:04, Teil 2 WDR 5 SA / 30. März / 17:04, Teil 1 SA / 6. April / 17:04, Teil 2 Altenteil Nachruf Da war er, der unbe- schäftigte Zufall, den schon Rilke so fürch- tete. Zufällig bockte der Fahrstuhl. 112 Treppen bis zum Dach – mindes- tens 30 Grad im Vor- führraum neben der Lucerna Passage. Dazu ein Winterfilm. Im Som- mer 1973 in Prag. Der Tag mit viel Tschechisch um die Ohren - anstrengend genug. Aber hatte der Zufall den Lift umsonst stillgelegt? Der WDR traf dennochVorlicek. Na, 112 mal gut. Die S/W-Arbeitsko- pie nur lausig. Kaum zu entziffern. Aber lustige Dialoge. Alles sah dann auchauswie einAbenteu- erfilm – und dazu Libuse Safrankova als Aschen- puttel. DieTschechen ver- ließen das Hofzeremoni- ell. EinSchelm, wer Böses denkt. Die DEFA stellte bei Dresden das Barock- schloss Moritzburg als feudale Kulisse. Karel Gott sang dies- mal nicht Regie: Vorlicek. Das sah schon mal gut aus. Selbst halbfertig. Der Filmwurde gekauft wie besichtigt. Natür- lich bat sich der WDR Farbe aus. „Drei Haselnüsse ...“ kamen mit Musik. Karel Svoboda komponierte ein Meisterstück. Sein Nachbar aus der Vil- lenzone von Prag sang. Karel Gott. Diese nachbarschaftliche Beziehung störte der WDR. Sollte Gott, alias ZDF-Biene Maja, nun alles besingen! Ne – tschechischNein! Aber der Film kam gut an. Nur der Katholische Filmdienst zickte herum. Kitsch und nix Besonderes. Die WDR- Redaktion ging zumTagesgeschäft zurück. Das Publikum nicht. Der Film breitete sich im viralen Ansteckungstempo aus. Obwohl, unter uns, ich fand Libuse als Wassermädchen in der Komödie „Wie ertränkt man Dr. Mrazek“ besser. Regie: Vorlicek. Schon wieder Vorlicek. Moment mal! Da hatten wir doch schon „Saxana – das Mädchen auf dem Besenstiel“. Dieser Regisseur brachte ja nun jeden zumLachen – oder zum Träumen. Und so kam Vaclav gegenmanchenWiderstandüber denWDR in Köln zum Prager Fernsehen. Tschechen konnten seine Filme lesen Dort betrieb er mit Erfolg seine Kino- regie imTV-Format. Nun ist Zeit, vonMilos Macourek zu sprechen. Er schrieb – und war nie zufrieden. Bücher mussteman ihm stehlen. „Da kommt noch eine Fassung.“ Gert K. Müntefering (83) baute das WDR- Kinderfernsehen auf, erfand »Die Sendung mit der Maus« und lei- tete von 1981 bis 1999 das Familienprogramm des WDR. Foto: WDR/Winkler Ein Fixstern des Prager Frühlings Umesmal gleich als Aus- nahme im Filmgeschäft zu erwähnen. Milos hielt „Die Märchenbraut“ für so missglückt, dass er drei Tage das Haus nicht verließ. Heimlich schlich er zum Bäcker. Nanu – da klatschten die Leute: „Bravo Milos.“ Vaclav Vorlicek, wie alle Humoristen, war nicht lustig. Die Arbeit mit ihm war detailge- nau – und das dreimal an derselben Textstelle. Aber viele seiner Filme leuchtetenmit Spaß, derb zuweilen, und Erkennt- nis manche Ecken der Gesellschaft aus. Es war kein Eskapismus. Die Tschechenkonnten seine Filme lesen. Neben „Pan Tau“ (Polak/Hofman) waren sie die Fixsterne jener Jahre, die deutlich zum „Prager Frühling“ gehörten. In den letzten Jah- ren liefen bei Vaclav Vorlicek aus aller Welt die Lizenzgelder ein. Der Staat nahm ihm nicht mehr 90 Prozent weg. Er traf sein neues junges Publikumund hatte gute Tage. Sein Tod steht für das Ende einer Epoche – aber vielleicht auch für die Besinnung auf die poetische und erzählerische Kraft von Prag. 2011, knapp 40 Jahre nach den Dreharbeiten, eröffnete Regisseur Vaclav Vorlicek eine Ausstellung zu seinem Kultfilm „Drei Nüsse für Aschenbrödel“, am Drehort in Schloss Moritzburg bei Dresden. Foto: imago/CTK Der tschechische Regisseur VaclavVorlicek, der Anfang Februar 89-jährig starb, hat dem WDR und seinem Publikum ein zauberhaftes Erbe hin- terlassen. Dazu zählt auch das Märchen „Drei Nüsse für Aschenbrödel“, das seit Jahren Weihnachten gesendet wird. Ein Nachruf von Gert K. Müntefering, der das Kultstück 1973 in Prag entdeckte.

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