WDRprint März 2019

45 44 Berufsbilder Familie Kronenberg hat es nicht sonderlich gemüt- lich in ihrer Dreizimmer- wohnung im Kölner Süden. Die Tapeten sind abgerissen, Hausrat und Kleidung sind in Umzugskartons verstaut; ein muffiger Geruch liegt in der Luft. Infolge mehrerer Wasserschäden imHaus war in allen Zimmern der Woh- nung immer wieder Schim- mel aufgetreten. In den vergangenen Jahren hat das Haus (Baujahr 1965) mehr- fach denBesitzer gewechselt, bis zuletzt die Wohnungen einzeln verkauft und ver- mietet wurden. Pech für die Kronenbergs: Auch ihr neuer Vermieter nahm sich des Problems nicht an. Mutter Alexandra Kronenberg (41) reichte es. Sie wandte sich anAnke Bruns. Deshalb dreht die „Sprechzeit“-Autorin heute bei der einigermaßen verzweifelten alleinerziehenden Mutter. Ton-MannMartin Radtki rüstet die Familie mit Mikrofonen aus, und Bruns interviewt die 18-jährige Tochter Lea: Die verbringt inzwischenmehrere Tage in derWoche bei ihrer Großmutter und traut sich nicht mehr, Freunde in dieWohnung einzuladen. Sohn Jannik (10) klagt über Kopfschmerzen und Übelkeit, wenn er sich in seinem verschimmelten Zimmer aufhält. Die gesundheitliche Belastung haben inzwischen verschiedene Ärzte dokumentiert. Konstruktiver Journalismus Ein Leben in einem solchen Dauerprovisorium ist für Anke Bruns schlicht unvorstellbar. Seit 2001 nimmt sie sich solcher Fälle sozusagen als Ombudsfrau an. Nachdem sie beimWDR volontiert und als fest angestellte Redakteurin gearbeitet hatte, begann sie, mit ihrem Job zu hadern. „Ich hatte genug davon, Probleme immer nur zu beschreiben undKonflikte einfach nur abzubilden“, erzählt sie. Sie kündigte und arbeitet seither als Freie. Konstruktiven Jour- nalismus wollte sie machen; einen Journalismus, der eine Lösung auf denWeg bringen will. In ihremFormat „Sprechzeit“ ist sie im On zu sehen und mischt sich ein. Seit zwölf Jahren arbeitet sie in einem festen Team, sodass sie bald schon eine eigene Handschrift etablieren konnte. Das war letztlich der Durchbruch: Die Leute riefen beimSender an und fragten nach „der großen blonden Frau“. „Ich bekomme manchmal so eine Wut, wenn ich sehe, was den Leuten widerfährt“, sagt Bruns. Es sei ein schmaler Grat, den sie als Journalistin meistern müsse: „Ich kann nicht richtig draufhauen – beimnächstenMal bleibt die Tür dann nämlich zu.“ Sie sei immer „mit offenem Visier“ angetreten: Interviews, bei denen der Gesprächspartner unvermittelt mit Fakten konfrontiert wird, von denen er zuvor nichts wusste, lehnt sie ab. Und der Vorwurf, dass ja doch nur die Fälle in der Sprechzeit behandelt würden, weil irgendwer irgendwen bei Fernsehen kennt? Nein, sagt Bruns. Der Fall sei entscheidend. Er müsse sie packen – und Ärger mit dem Vermieter? Unver- ständnis bei Verwaltungsent- scheidungen? Ratlosigkeit über Ratsbeschlüsse? Oft verzweifeln Bürger daran, dass sie sich nicht gehört fühlen. In der „Sprechzeit“ der »Lokalzeit Köln« hat sich Anke Bruns (52) schon etwa 500 solcher Fälle angenommen. wenn der Betroffene zufäl- lig ihr eigener Nachbar sei, dann müsse sie das eben transparent machen. Aufwändige Arbeit Der Dreh ist für eine kurze Kaffeepause unter- brochen. Sohn Jannik bie- tet allen imTeamPlätzchen an („Wir haben ja nicht jeden Tag das Fernsehen zu Hause.“). Bruns unterbricht routiniert, aber freundlich Alexandra Kronenberg: „Nein, erzählen Sie es mir noch nicht. Dann wissen wir gleich nicht mehr, ob wir das schon gedreht haben oder nicht.“ Die erfahrene Reporterin fürchtet, dass ihrer Protagonistin beimDreh ein „wie-ich-schon- sagte“ rausrutschen könnte. Kamerafrau Petra Domres dreht unterdessen Bilder von besonders schimmelbefallenen Stellen in Bad und Kinderzimmer. Die Kollegen sind so eingespielt, dass Domres genau weiß, was Bruns später im Schnitt brauchen wird. Acht Stunden arbeitet die Journalistin am Ende daran, um aus demDrehmaterial einen Fünf-Minuten-Film zu schneiden und zu texten. Unzählige Anfragen Die „Sprechzeit“ ist einrelativarbeitsintensivesFormat. „Es geht kaum eine Folge raus, an der ich nicht fünf Tage gearbeitet habe“, berichtet Bruns. Seit einiger Zeit steht ihr mit Elise Schirrmacher eine Rechercheurin zur Seite. Die sichtet die unzähligen Anfragen, die bei Bruns eingehen, und recherchiert vor. Letztlich entscheidet dieRedaktion, welcher Fall aufgegriffenwird. Denn: „Die habenden Überblick,welcheProbleme schon imProgrammbehandeltwurden.“ Bruns lässt sich vonKronenberg nochBriefwechsel und Fotos zeigen, die das Elend dokumentieren. Sie überlegt, wie sie nun weiter vorgehen wird. Als nächstes will sie den Vermieter, die Hausverwaltung und das Gesundheitsamt kontaktieren. Zwar könne es vorkommen, dass keine Lösung zustande kommt, sagt Bruns. Aber hier? „Das muss jetzt schon einen sehr deutlichen Schritt nach vorne gehen!“ „Wir sehen uns wieder“, verspricht sie zum Abschied. Ute Riechert Eine von uns: ANKE BRUNS Anke Bruns bei Dreharbeiten im Kölner Süden; im Hintergrund „verka- belt“ Tontechniker Martin Radtki die Mieterin Alexandra Kronenberg. Foto: WDR/Dahmen Die Sendungen in der WDR-Mediathek www.wdr.de/k/lokalzeit-sprechzeit WDR FERNSEHEN MO / 11. März / 19:30 (voraussichtlich) »Lokalzeit Köln« Sprechzeit – Schimmel in der Wohnung

RkJQdWJsaXNoZXIy NTQ3NzI=