WDRprint April 2019

35 34 Gesellschaft Gesellschaft Xanten am Niederrhein, Juni 1891. In einer Scheune wird die Leiche eines fünf- jährigen Jungen entdeckt. Als Tätermachen viele Xantener Bürger den Juden undMetz- ger Adolf Buschhoff aus. Das Motiv: Er habe das Kind rituell geschlachtet, weil er das Blut für die Zubereitung von Matzen brauchte. Wegen des angeblichen Ritual- mordes kommt es zum Prozess, der einer der bekanntesten Fälle vonAntisemitismus im deutschen Kaiserreich werden sollte. Der Mord an der Witwe Stern 47 Jahre später, im November 1938. Eberstadt, ein Städtchen imNorden Badens. Der 26 Jahre alte NSDAP-Ortsgruppenleiter HeinrichFrey tötet SusannaSterndurchzwei Schüsse in die Brust. Das Opfer ist 81 Jahre alt und Jüdin. „Frech und höhnisch“ sei die Witwe Stern gewesen, sagt der Täter hinter- her aus. DieGerichtsprotokolledesProzesses zeigen die Unsicherheit von Staatsanwalt- schaft und Polizei über ihr Vorgehen: Sollen sie denFallwie einkonventionellesTötungs- delikt behandelnoder nachder neuenPolitik der „Sonderbehandlung“ von Juden? Filme, Ausstellungen und Radiofeatures zu internationalen zeitgeschichtlichenFragen, unter anderem auch für denWDR. In einem zweiten Feature, das WDR 5 am 7. April sendet, setzt Brecher sich mit der grundsätzlichenFrage auseinander:Was ist antisemitisch – und was darf man über Juden sagenundwas nicht?DorotheaRunge erklärt den Ausgangspunkt des Stücks: „In Deutschland ist es kompliziert, über Juden und Israel zu sprechen. Daniel Cil Brecher erforscht dieses deutsche Dilemma aus Sicht der Wissenschaft. Er beschäftigt sich als Autor und Historiker schon lange mit diesen Fragen und weiß auch, was die jüdi- schen Gemeinden in Europa und den USA bewegt.“ Der Autor besuchteMenschen, die sich mit dem Thema praktisch auseinan- dersetzen:Wissenschaftler undMitarbeiter von jüdischen Organisationen, von Melde- stellen und Behörden. Er fragte sie, wie sie das Thema heute wahrnehmen und wie sie mit den praktischen Fragen von Abgren- zung, Quantifizierung und Einschätzung antisemitischer Vorfälle umgehen. Für Brecher ist Antisemitismus kein abstraktes Thema. „Mein Vater wurde von denNazis in ein Lager gesperrt, meineMut- ter musste sich verstecken. Als Autor und Vorsitzender einer jüdischen Gemeinde in den Niederlanden wurde ich beschimpft und erhielt Morddrohungen, sowohl von Muslimen als auch vonNeo-Nazis.“DieDis- kussion, die indenvergangenen Jahrenüber Antisemitismus inDeutschland aufkam, ist sehr wichtig, sagt er: „Sie kann aufklären, aber auch zum Gegenteil führen: zu noch mehr Angst, über Antisemitismus, Juden und Israel zu sprechen und nachzudenken. Denn in dieser Diskussion gibt es auch ein- schüchternde Töne.“ EB/kp wdr5.de Die vierteilige »Tiefenblick«-Reihe „Juden und Judentum“ von Daniel Cil Brecher ist als Podcast und Download verfügbar. Rassismus unterscheidet: „Juden werden als gefährlich angesehen, als Feinde, die es auf Nichtjuden abgesehen haben“, sagt Daniel Cil Brecher. „Gewalt gegen Juden wird zu Notwehr erklärt, wie etwa die im Feature rekonstruiertenPogrome von 1891 inXanten am Niederrhein und der Mord von 1938 im Odenwald. Die Nationalsozialisten schließ- lich machten sich auf zum ‚Präventivkrieg‘ gegen das Judentum und töteten sechs Mil- lionen nichtsahnende, unschuldige Bürger Europas.“ Das deutsche Dilemma Beide Verbrechen wirken nach bis in die Gegenwart. „Beispielsweise gab es in Xanten bis in die 1990er-Jahre antisemiti- sche Auswüchse“, weiß Dorothea Runge, die Redakteurin beider Features. „Als eine jüdische Besuchergruppe nachXantenkam, um hier Orte zu besuchen, an denen ihre Vorfahren lebten, fanden sich an Mauern antisemitische Schmierereien. Schüler nah- men sichdieser Ereignisse anund schrieben Entschuldigungsbriefe.“Das Feature berich- tet auch von Leuten, die sich mit diesem Erbe kritisch auseinandersetzen. Daniel Cil Brecher lebt inAmsterdam, wurde 1951 in Tel Aviv geboren und hat sich als Historiker auf die jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts und die Geschichte Israels spezialisiert. Er war unter anderem Direktor des Leo-Baeck-Instituts in Jerusa- lemund unterrichtete an denUniversitäten in Haifa und Jerusalem. Seit 2001 macht er Der Autor und Historiker Daniel Cil Brecher hat für beide Fälle die Gerichtsprotokolle durchgearbeitet, den Ablauf der Verhandlungen und die Aussa- gen rekonstruiert und in einem Radiofeature verarbeitet, das am 6. April inWDR 3 zu hören ist. Es gibt Einblick in die Untersuchun- gen, dieMotive der Beteiligten, die politischen Verhältnisse der Zeit, und es dokumentiert einen tief sitzenden Antisemitismus, der bis heute wirkt. „Mit der minuti- ösen Rekonstruktion zweier his- torischer Kriminalfälle lege ich die Mechanismen frei und zeige, dass es sich beimAntisemitismus umeine tödliche Ideologie handelt, die tiefe Wurzeln in der Kultur Europas hat und offenbar nicht so leicht zu überwinden ist“, erklärt der Autor. AmBeispiel der beidenMorde zeigt das WDR3-Kulturfeature,wiesichderarchaische Antijudaismus des 19. Jahrhunderts zum Antisemitismus entwickelte. Es zeigt auch, wasAntisemitismusvonanderenFormendes TÖDLICHE IDEOLOGIE Daniel Cil Brecher zeigt mit der Rekon- struktion historischer Mordfälle inseinem WDR 3-Radiofeature, dass es sich beim Antisemitismus um eine tödliche Ideo- logie handelt, die tiefe Wurzeln in der Kultur Europas hat. Was ist antisemitisch? Und was darf man über Juden sagen und was nicht? WDR 3 SA / 6. April / 12:04 SO / 7. April / 15:04 WDR 5 SO / 7. April / 11:04 MO / 8. April / 20:04 Das tote Kind von Xanten und der Mord an der Witwe Stern. Zwei antisemitische Kriminalfälle Ist das antisemitisch? Erkun- dungen eines deutschen Dilemmas Bild rechts: Blick auf die Scheune der Familie Küppers, in der das Kind ermordet wurde. Bildquelle: Hans Küppers Autor Daniel Cil Brecher ist Historiker. Foto: Peter Lataster Bild links: Die Witwe Susanna Stern um 1910 Bildquelle: Bezirksmuseum Buchen / Karl Weiß

RkJQdWJsaXNoZXIy NTQ3NzI=