WDRprint April 2019

Wenn man was Kritisches schreibt, kann es vorkommen, dass man zum Präsidialamt zitiert wird, wie es dem „Spiegel“- Kollegen passiert ist. Aber das war auch schon vor dem Putsch- versuch so. Die Lage wird immer angespannter. Normalerweise kommen die Pressekarten spätestens Ende Januar. Einige Kollegen warten aber noch immer. Nach der Gleichschaltung der türkischen Medien ist jetzt die ausländische Presse auf dem Schirm. PANNING: Offenbar verfolgt die türkische Regierung das Ziel, dass unliebsame Korrespondenten ausgetauscht werden. Das heißt: Die Akkreditierungen für dieMedien sollen verlängert werden, aber nicht für die Personen. SENDKER: Mir scheint, dass hier ein Exempel statuiert wer- den soll. Man will zeigen: Wir haben die Macht, das mit euch zu machen und schrecken auch nicht davor zurück. Sie beide haben für die Reportage „FreiheitfürAdilDemirci“koope- riert. Wie muss man sich diese Zusammenarbeit vorstellen? PANNING: Seit Ad i l Demircis Inhaftierung in der Türkei im April 2018 organi- siert sein Bruder Tamer eine wöchentliche Mahnwache in Köln, um auf Adils Schicksal aufmerksam zu machen. Ich habe über mehrere Monate sei- nen Protest begleitet. Abschlie- ßend bin ich mit einer deut- schen Delegation, der unter anderem Günter Wa llraf f angehörte, zum Prozess am 14. Februar nach Istanbul gereist. Ohne Arbeitserlaubnis wollte die Redaktion mich erst nicht reisen lassen. Der Studio- leiter in Istabul hat dann den Kontakt zu Marion vermittelt, die glücklicherweise in dieser Woche in Istanbul war. Sie hat das WDR-Mikro gehalten und vor Gericht und drinnen die Fragen gestellt. Ich bin im Hintergrund geblieben und habe später meine Eindrücke in die Reportage einfließen lassen. Wessen soll sich Adil Demici schuldig gemacht haben? SENDKER: Zunächst hat man ihm vorgeworfen, Mitglied einer terroristischen Vereinigung zu sein. Der Vorwurf wird nun wahrscheinlich abgemildert auf „Verbreitung von Propaganda“. Begründet wird das damit, dass er auf drei Beerdigungen von 37 36 Ausland Ausland Marion Sendker (28) und Jonas Panning (35) waren imFebruar für eine 1LIVE-Reportage beim Prozess gegen den Deutsch- Türken Adil Demirci in Istanbul. Christine Schilha sprach mit ihnen über die schwierigen Bedingungen, unter denen ausländische Journalisten in der Türkei arbeiten. HerrPanning,SiehabenfürIhreReportageüberDemircikeineArbeits- erlaubnis in der Türkei bekommen. Gab es eine Begründung dafür? JONAS PANNING: Ich habe vor zwei Jahren schon mal eine Reportage in der Türkei gemacht, da ging das noch so, ich brauchte nur meinen Pass. Diesmal war aufgrund der angespannten politi- schen Lage klar: Das geht nur mit einer Arbeitserlaubnis. Ich habe mich dreiWochen vorher umeine temporäreArbeitskarte bemüht; die giltmaximal dreiMonate. Das läuft über die türkische Botschaft in Berlin. Den Antrag habe ich im Konsulat in Köln-Hürth abge- geben. Es tat sich aber nichts. Auf Nachfrage erfuhr ich, dass die Führung der Presseabteilung imtürkischenPräsidialamt inAnkara ausgetauscht wurde. Diese Umstrukturierung soll dazu geführt haben, dass da viel liegengeblieben ist. Bis heute habe ich nichts mehr davon gehört. Ich bin dann als Tourist in die Türkei gereist. Wie läuft das normalerweise ab, wennman eine Reportage imAus- land machen möchte? PANNING: Wo Pressefreiheit herrscht, ist das kein Problem. Anders in der Türkei: Ich musste angeben, wann und wo ich mich in derTürkei aufhalteundwas genau ichdamachenwill. DaskenntmannurvontotalitärenStaatenwieRussland oderChina.WenneinBBC-JournalistausDeutschland berichtenwill, muss er sichnicht anmelden. MARIONSENDKER: Es kann höchstens sein, dass er eine Drehgenehmigung braucht. Finanzmi- nister Albayrak, der Schwiegersohn von Erdoğan, hat zwar behauptet, dass der Umgang der Türkei mit der ausländischen Presse nicht anders sei als beispielsweise in den USA. Laut „Reporter ohne Grenzen“ ähnelt er aber eher Ländern wie Libyen. Frau Sendker, Sie haben aber noch eine Arbeitser- laubnis in der Türkei? SENDKER: Ich bin seit Sommer 2017 immer wieder für das ARD-Hörfunkstudio in der Türkei tätig. Seitdemhabe ich temporäre Pressekarten. Die Karte wird vor allem dann wichtig, wenn man über brisante poli- tische Themen berichtet und auffällt. Im Präsidialamt sind mittlerweile Leute angestellt, die den ganzen Tag nichts anderes machen, als ausländische Artikel zu lesen oder Beiträge anzuhören und anzusehen. Es ist ein richtiger, vom Steuerzahler finanzierter Job, die ausländische Presse so gut es geht zu beobachten –mit demZiel der Kontrolle und der Selbst- zensur. Ich kenne Kollegen, bei denen das auch funktioniert. Die Türkei würde das natürlich niemals so zugeben. Mitgliedern der verbotenen Marxistisch-Leninistischen Kom- munistischen Partei war und für die linke Nachrichtenagentur ETHA geschrieben hat. PANNING: Dass er auf diesen Beerdigungen war, liegt aller- dings schon fünf, sechs Jahre zurück. Seitdemwar er immermalwie- der in der Türkei, verhaftet wurde er aber erst imvergangenen Jahr. Es braucht derzeit nicht viel, uman der türkischenGrenze verhaftet zu werden. Mit welchem Gefühl reist man da ein? PANNING: Schonmit einemmulmigen Gefühl. Sobaldman seine Daten angibt, ist man im Visier. In der ersten Nacht hatte sich die Rezeption meines Hotels in der Zimmernummer vertan und mich um vier Uhr morgens geweckt. Da dachte ich kurz: Jetzt holen sie mich. Und bei meiner letzten Flugbuchung wollte Turkish Airlines automatisch meine Adressdaten überneh- men, wofür ich über die App meine Smartphone-Standortbe- stimmung hätte freigebenmüs- sen. Da hätte dieses staatliche Unternehmen immer gewusst, wo ich bin. SENDKER: Es gibt auch eine Denunziations-App, mit dermanvonüberall auf derWelt der türkischen Polizei melden kann, wenn sich jemand kri- tisch über Erdoğan äußert. Ich habe allerdings weniger Angst verhaftet zu werden, sondern viel mehr davor, nicht mehr ins Land gelassen zu werden. Das ist aber Berufsrisiko. PANNING: Die Anspan- nung muss man aushalten … SENDKER: … sonst schaut keiner mehr kritisch hin. Planen Sie weitere gemeinsame Beiträge? PANNING: Wir haben uns vorgenommen, wieder zusammenzuarbeiten, wenn sich der gescheiterte Militär- putsch im Juli zum dritten Mal jährt. „DIE LAGEWIRD IMMERANGESPANNTER“ Das türkische Präsidialamt hat im neuen Jahr ausländischen Journalisten die Arbeits- und damit die Aufenthaltserlaubnis ohne Begründung verweigert. Prominenteste Beispiele: Thomas Seibert (Tagesspiegel) und Jörg Brase (ZDF). Brase durfte mittlerweile wieder in die Türkei zurückkehren. Andere warten noch auf ihre Akkreditierung. „Nach Gleichschaltung der türki- schenMedien ist jetzt die aus- ländische Presse auf dem Schirm. Ziel: Kontrolle und Selbstzensur.“ 1LIVE Reportage Freiheit für Adil Demirci Deutsche politische Gefangene in der Türkei WDR Audiothek www.wdr.de/k/freiheit-demirci Jonas Panning und Marion Sendker mit ihren temporären Pressekarten. Panning arbeitet vor allem für »1LIVE Infos«, Sendker für »WDR aktuell« . Foto: WDR/Fußwinkel 24. Juni 2018, Präsidentschaftswahl, vor dem Hauptquartier der linksgerich- teten HDP: Marion Sendker fotografiert Anhänger, die auf das Stimmergebnis warten. Foto: Feiland

RkJQdWJsaXNoZXIy NTQ3NzI=