WDRprint April 2019

39 38 Medienmenschen „Migration ist ein Menschheits- thema“, sagt die WDR-Journalistin Isabel Schayani. In ihren »Weltspiegel«-Modera- tionen, »Tagesthemen«-Kommentaren und »WDRforyou«-Beiträgensetzt sie sich immer wieder fundiert mit diesem Thema ausein- ander. „Sie eröffnet ihren Zuschauerinnen undZuschauerndieMöglichkeit, sich selbst ein Urteil zu bilden“, findet die Jury des Grimme-Preises 2019 und ehrt sie für diese „besondere journalistische Leistung“. Ein afghanisches Mädchen geht Isa- bel Schayani nicht aus demKopf. Während eines viertägigen Aufenthalts auf Samos twittert sie: „10 Jahre ist Soraya alt.War noch nie in der Schule. Wartet auf einen Anruf, dass sie auf der Insel zur Schule gehen darf. Wird nicht kommen. Frage: Was spielt ihr hier imLager? Antwort: Schule.Wasmöch- test du werden? Lehrerin.“ Rund 5000 Geflüchtete leben auf der griechischen Insel, fast so viele wie Einhei- mische. Imoffiziellen Lager gibt es Platz für 700 Menschen. Die Versorgungslage, die hygienischen Bedingungen und die medi- zinische Versorgung sind katastrophal. Mit ihren Kollegen Salama Abdo, Falah Elias und Bamdad Esmaili reist Schayani im März nach Griechenland, um sich ein Bild von der dortigen Lage zu machen. Für »WDRforyou«, die Anfang 2016 mit Sun- HieKunert und anderen ins Leben gerufene Online-Plattformfür Geflüchtete, streamen sie live aus demumdas Camp entstandenen illegalen „Jungle“. Oder von einemBoot der griechischen Küstenwache auf der Suche nach Flüchtlingsbooten. »Monitor«, »Welt- spiegel« und »Tagesschau« übernehmen ebenfalls Live-Streams auf Facebook, You- tube und Twitter. Zwei Welten kommen zusammen Wieder zurückgekehrt, produziert Schayani einen Beitrag für die »Aktuelle Stunde«. Für unser Gespräch hat sie den Schnitt unterbrochen. Wir sitzen in der Redaktion von »WDRforyou«, das zur sel- benProgrammgruppewie die »Tagesschau« gehört und sich in unmittelbarer Nachbar- schaft befindet. Es gebe viel Austausch, gegenseitiges Feedback undUnterstützung. „Sokommendie beidenWeltenzusammen“, sagt Schayani. Das versteht sie als Auftrag der Öffentlich-Rechtlichen, und auch ihren persönlichen. Es sind Einsätzewie der auf Samos, die der Journalistinnun denGrimme-Preis ein- gebracht haben. „Isabel Schayanimüsste sich das nicht antun“, heißt es inder Begründung der Jury über eine Szene inChemnitz imver- gangenenSommer, wo sie alsReporterinvon einer rechten Kundgebung berichtete. „Sie kommen selber aus dem Islam, für Sie ist das doch schön. Sie haben IhreHeimat bald hier“, sagt ein aufgebrachter älterer Herr zu ihr. „Mein Vater kommt aus dem Iran, aber ich bin kein Moslem“, antwortet sie ruhig. „WarumsindSie dennhierher gekommen?“, will er vonder gebürtigenEssenerinwissen. Undobwohl er überzeugt ist, dassMenschen wie Schayani Schuld am „Untergang Euro- pas“ sind, halten die beiden bis heute über Whatsapp Kontakt. „Mich interessiert die Meinung von Leuten, die nicht aus meiner Bubble sind“, sagt die 52-Jährige. Die viersprachige Plattform »WDRfor- you« macht mittlerweile einen großen Teil der journalistischen Arbeit Schayanis aus. Das im Zuge der Willkommenskultur ent- standene Portal hat sich zu einemder wich- tigsten Foren für Zugewanderte inDeutsch- land entwickelt. Neben Farsi, der Sprache ihres Vaters, spricht die studierte Islam- wissenschaftlerin auch Arabisch. Durch »WDRforyou« kennt diemigrantischeCom- munity Schayanis Gesicht. Manchmal wird sie angesprochenundumRat oder ein Selfie gebeten. DemFernsehpublikumist Schayani vor allem durch den »Weltspiegel« bekannt, zu dessenModeratorenteamsieseit 2016gehört. Alle vier Wochen wirft sie imWechsel mit ihrenARD-Kolleginnenund -Kollegeneinen Blick in die Welt. „Einer möglichen Verun- sicherung vor Globalisierung, vor Entfrem- dung, vor Populismus setzen wir Fakten und Reportagen entgegen“, sagt sie, „die Arbeit des Redaktionsteams Petra Schmitt- Wilting und Heribert Roth ist da absolut essenziell.“Manchmalmacht Schayani auch »Weltspiegel«-Außendienst, besuchte etwa eines der größten Flüchtlingslager der Welt im Norden Kenias und begleitete dort eine 23 JahrealteMutter vonvierkleinenKindern. So werden aus anonymen Zahlen Gesichter und Geschichten, lobt die Grimme-Jury. Darüber hinaus steht Schayani auf der »Tagesthemen«-Kommentatoren-Liste des WDR. Im vergangenen Juni sprach sie zweimal zur aufgeheizten Flüchtlingsde- batte. Diesemüsse sachlicher werden, sagte sie, sonst werde sie menschenfeindlich. Sie lasse „die Zuschauer teilhaben an eigenen Unsicherheiten und Zweifeln“, hebt die Grimme-Jury hervor. „Die Dinge sind eben nicht schwarz und weiß. Wir können nicht immer so tun, als wüssten wir alles“, meint sie selbst dazu. Schayani denkt schnell und spricht schnell. Gefragt, warum sie Journalistin geworden ist, überlegt sie ungewöhnlich lange und antwortet schließlich: „Viel- leicht, weil man Leuten Fragen stellen darf, die man sonst nicht stellen würde.“ Bereits als Schülerinmacht sie Beiträge fürsWDR- Jugendradio „Riff“. Als sie ihren Vater auf eine Geschäftsreise nach Indien begleitet, Grimme-Preise 2019 für den WDR Neben Isabel Schayani wurde auch das Team von »docupy« für den Dreitei- ler „Die Story: Ungleichland – Reichtum, Chancen,Macht“ und „das dazugehörige zukunftsweisendeOnline-Konzept“ aus- gezeichnet. Laut Jury „Analyse und Auf- klärung imbestenSinn“. „docupy“besetzt dokumentarisch gesellschaftspolitische Themen über mehrere Monate und ver- öffentlicht reichweitenstarke Clips auf Twitter, Facebook und Instagram. Seit Februar 2019 gibt es auch einen eigenen »docupy«-Youtubekanal. Nachdem die erste Staffel das Thema Ungleichheit behandelt hat, steht seit September #Hei- matland im Fokus. Redaktion: Nicole Kohnert und Nicole Ripperda. Nach dem Prix Europa und zahl- reichen anderen Auszeichnungen hat er nun auch den Publikumspreis der „Mar- ler Gruppe“ gewonnen: der Dokumen- tarfilm „Im Schatten der Netzwelt – The Cleaners“ von Moritz Riesewieck und Hans Block (gebrueder beetz filmpro- duktion/Grifa Filmes für WDR/NDR/ RBBund inZusammenarbeitmit ARTE). Der Film deckt eine gigantische Schat- tenindustrie digitaler Zensur in Manila auf, wo ZehntausendeMenschen imAuf- trag der großen Silicon-Valley-Konzerne Fotos und Videos von Facebook, You- Tube, Twitter & Co. löschen. Das Urteil der Jury: „Wir erhalten einen Einblick in Strukturen, auf diewir Einfluss nehmen müssen, wennMeinungs- und Informati- onsfreiheit und demokratische Systeme eine Zukunft haben sollen.“ Redaktion: Jutta Krug und Christiane Hinz. CSh »Tagesschau« www.wdr.de/k/tagesschau- fluechtlingscamp-samos »Monitor« www.wdr.de/k/monitor-fluechtlingscamp- samos WDRforyou www.wdr.de/k/wdrforyou-fluechtlings- camp-samos Isabel Schayanis Berichte von Samos recherchiert sie für einen Beitrag über Kin- derhochzeiten – die nicht ganz einfachen Themen interessieren sie schon damals. Nach einem WDR-Volontariat wird sie Redakteurin beim »ARDMorgenmagazin« und moderiert bei Funkhaus Europa. Spä- ter gehört sie zur Redaktion von »COSMO- TV« und »Monitor«. VonSeptember 2014 bis Oktober 2015 berichtet Schayani als ARD- Korrespondentin aus New York. Dort sieht sie die Bilder der in Deutschland ankom- menden Flüchtlings-Tracks und fragt sich: Was mache ich eigentlich hier? 2015 Rückkehr in ein „anderes Land“ Schayani kehrte heim in ein „anderes Land“, wie sie ihren New Yorker Kollegen in einemoffenenBrief aus Köln schrieb. Die Themen Flucht und Migration stehen seit- demimFokus ihrerArbeit.Dabei bemühe sie sich stets, den Menschen „auf Augenhöhe“ zubegegnen, egal obGeflüchteter oder AfD- Wähler. Das sei nicht immer einfach und gehe auch manchmal daneben. Die Ehrung durch die Grimme-Jury empfindet sie als Bestätigung: „Ich zweifle oft, ob das, was ichmache, richtig ist.“ »WDRforyou«, davon ist sie überzeugt, wird auch in Zukunft eine wichtige Aufgabe erfüllen. „Integration ist nichts, wasmannachdrei Jahren zuklappen kann wie eine hübsche Broschüre“, sagt sie und eilt zurück in den Schneideraum. Christine Schilha WDR-Redakteurin Isabel Schayani zählt zu den Gewinnern, wenn am 5. April in Marl die Grimme-Preise verliehen werden. Sie wird geehrt für ihre besonderen journalistischen Leistungen. „Mich interessiert die Meinung der Leute, die nicht aus meiner Bubble sind.“ Isabel Schayani Foto: WDR/Fußwinkel „Die Dinge sind nicht schwarz undweiß“ Elend im Flüchtlingscamp auf Samos »Aktuelle Stunde« www.wdr.de/k/fluechtlingscamp-samos Das »docupy«-Team: Fabienne Hurst, Andreas Spinrath, Julia Friedrichs, Michael Schmitt, Schiwa Schlei, Nicole Kohnert (obere Reihe v. l.), Eva Müller, Nora Nagel, Sara Lienemann, Leonie Heling, Nicole Ripperda (untere Reihe v. l.) Foto: Christian v. Polentz/transitfoto.de

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