WDRprint Mai 2019

Wie muss man sich Ihr Leben als Chefredakteurin momentan vor- stellen? Gehen Sie abends mit dem Brexit ins Bett und wachen morgens mit den neuesten Nachrichten aus GB wieder auf? Es gibt einfach keine gute Lösung mehr, um aus diesem Dilemma herauszukommen. Die Briten sind auseinandergedrif- tet, und es wird sehr viel Energie und Kraft kosten, dieses Land wieder zu versöhnen, egal, ob sie drin bleiben oder nicht. Nicht nur als Chefredakteurin treibt mich die Frage um: Wie stark ist das Europa, das wir für selbstverständlich halten und das nach demZweitenWeltkrieg gegründet wurde?Wie stark ist es, umden Tendenzen des „Jeder für sich selbst“ zu widerstehen? Welchen Stellenwert räumen Sie der Europawahl 2019 ein? Ich tue mich etwas schwer mit dem Begriff der „Schicksals- wahl“, den wir imMoment oft hören. Das hat sowas Alarmieren- des. Tatsächlich geht es darum, die neue Zusammensetzung des Europäischen Parlaments zu bestimmen, und nicht darum, ob die EU untergeht oder weiterlebt. Zum jetzigen Zeitpunkt jedenfalls nicht. Und ja, die entscheidende Frage wird sein: Wie stark schnei- den die nationalistischen Parteien ab, sollten sie es schaffen, sich zu einigen? Je nachdem, wie stark sie sich aufeinander zubewegen, können sie jedenfalls den parlamentarischenWeg nach derWahl sehr stark behindern. Im Moment eint sie vor allem eines: dass sie alle zuerst an ihre eigenen Nationen denken. In unserem Interview zu Beginn Ihrer Amtszeit imSeptember 2018 sagten Sie: „Unsere Aufgabe ist es, die Gesellschaft zusammenzu- halten.“ Würden Sie Ihren Job und den Ihres Programmbereichs auch so verstehen, als Journalisten daran mitzuwirken, die EU zusammenzuhalten? Natürlich gilt, was ich gesagt habe, auch für die Europäische Union. Auch in der EU haben wir es mit einer Polarisierung zu tun, die sich beispielsweise in Macrons Statement spiegelt: „Die Progressiven sind mit mir, die Populisten sind mit Orban.“ Ich bin kein Fan einer solchen Schwarz-Weiß-Malerei. Dra- matisierung und Zuspitzung helfen in der aktuellenDebatte nicht weiter. Im Gegenteil! Wir müssen verbal abrüsten, wir müssen sachlich bleiben und die Komplexität darstellen, in der wir uns oft bewegen. Das heißt: Wir müssen vor allemzwischen Schwarz und Weiß – Untergang oder Weiterleben der EU – die Grauschattie- rungen aufzeigen, weil dieWirklichkeit wesentlich komplexer ist, als sie manchmal dargestellt wird. Wir müssen dafür sorgen, dass die Zuschauer die gesamte Palette des Problems oder der Konstellation kennen, damit sie sich ihre eigene Meinung bilden können. Mit welcher Haltung sollte ein Journalist, der sich der Objektivität verpflichtet sieht, an die Berichter- stattung über das Thema EU heran- gehen? Wir haben in unserem Pro- grammbereich oft diskutiert, ob das Wort Haltung das richtige ist, das unser journalistisches Handwerk ausmacht. Ich finde es unglücklich und ziehe „journalistische Einord- nung und Wertung“ vor. Können wir objektiv darüber berichten? Jeder Mensch hat nun mal seinen subjektiven Blick auf die Dinge – auch wir Journalisten. Aber natürlich gibt es die Ver- pflichtung eines Journalisten, ein Thema umfassend und unvorein- genommen zu recherchieren, auf alle Anhaltspunkte zu blicken und dann eine journalistischeWertung vorzunehmen. Das ist unser Job. Der WDR hat in seinem Pro- grammauftrag mehrere Indizien, wie wir uns zu verhalten haben. Einerseits steht dort, dass wir mit unserem Programm dazu da sind, den Prozess der europäischen Integration zu befördern. Es steht dort aber auch, dass wir das umfassendeMeinungsbild derMenschen inNordrhein-Westfalen abzubilden haben. Beides ist kein Widerspruch. Wir nutzen der europäischen Integration nicht, wenn wir Teile des Meinungs- spektrums ausblenden. Die Redakteure Juliane Fliegenschmidt, Heri Roth, Torsten Beer- mann und Navina Lala sagen, dass die redaktionelle und journalis- tische Vorbereitung auf dieseWahl ein ganz neues Niveau erreicht. Was ist darunter zu verstehen? Die Wahl digital Ellen Ehni zu neuen Formaten für junge Wähler „Es ist ganz wichtig, dass wir mit dem Thema Europawahl auch die jüngeren Leute erreichen. Des- halb haben wir programmbereichsübergreifend mit verschiedenen Kolleginnen und Kollegen zusammen- gearbeitet. Das Ergebnis ist ein Digitalkonzept, das unterschiedliche Redaktionen zum ersten Mal für die Europawahl umsetzen. COSMO und das Auslandsressort schauen bei- spielsweise in »Club 28« gemeinsam auf die jungen Europäer, fragen, was die jungen Menschen bewegt und was sie konkret in ihrem Leben davon haben, dass es die EU gibt. Markus Preiß liefert aus Brüs- sel die #kurzerklärt-Ausgaben. Außerdem macht das »Europamagazin« einenKandidatencheck und sendet am Wahltag live aus dem Europäischen Parlament. Zudem gibt es #europaerklärt als kurzes zusätzliches Format, das wir gemeinsam mit dem »Weltspiegel« und der »Tagesschau« planen. Der Newsroom macht das Format #wahlwatch und vom »Morgenmagazin« kommt #IhrseidEuropa. In der Woche vor der Wahl gibt es zudem eine spezielle Europatour mit Markus Preiß für die »Tagesthemen«, die auch in kurzen Clips für Social Media verarbeitet wird.“ Bereits seit demHerbst beschäftigt sich ein großes Team in der Programmgruppe Zeitgeschehen, Europa und Ausland sehr intensiv mit den Inhalten – für diverse Sendeplätze vor der Wahl und natürlich den Wahlabend selbst. Wir haben zum Beispiel ein gemeinsames Projekt mit COSMO an den Start gebracht. Und wir haben mit vielen verschiedenen Redaktionen, auch programmbereichsübergreifend, Ideen vor allem fürs Digitale erarbeitet, um schon im Vorfeld der Wahl auf unseren digita- len Ausspielwegen Inhalte rund um die EU und die EU-Wahl anbieten zu können. Sie werden zusammen mit Jörg Schönenborn und Tina Hassel die Wahlsendung moderieren. Welchen Part übernehmen Sie? Ich verstehe mich als Europa- wahl-Host. Ich werde mit unseren Korrespondentenundmit Studiogäs- ten sprechen und die Reaktionen aus demNetz imBlick haben. Jörg Schö- nenborn wird selbstverständlich die Zahlen und entsprechenden Analy- sen präsentieren; Tina Hassel über- nimmt bundespolitische Interviews. Lassen Sie uns etwas hinter die Kulis- sen schauen: Wie beginnt für Sie der Wahlsonntag, der 26. Mai, wie berei- ten Sie sich auf die Sendung vor? Das Thema Europa beschäftigt uns ja ständig, in einem Wahljahr aber natürlich nochmal beson- ders. Schon seit Monaten sind wir inhaltlich und organisatorisch damit befasst. Für uns hat bereits vor einigenWochen die heiße Phase samt umfangreichen inhaltlichen Vorbereitungen begonnen. Am 7. Mai werdenmein Kollege, der NDR- Chefredakteur Andreas Cichowicz, und ich die ARD-Wahlarena mode- rieren. Der Höhepunkt ist sicher- lich dann die Woche auflaufend auf die Wahl. Am Donnerstag vor dem Wahlsonntag, also am23.Mai, findet in Berlin das Europaforum statt und die Verleihung der CIVIS-Preise. Das heißt: Schon am Donnerstag werde ich – und weitere Kollegen – umfangreiche Interviews mit Politikern zum Thema EU und Europa führen und hören. Ab Freitagnachmittag machen wir uns dannmit demStudio vertraut. Wir senden aus dem Foyer des Hauptstadtstudios in Berlin. Dabei haben wir eine offene Atmosphäre mit transpa- rentem Blick in die Arbeitsbereiche. Über das Inhaltliche hin- aus müssen wir auch diesen Raum erfassen. Wenn ich mich ein bisschen wie in meinem Wohnzimmer fühle, kann ich am sichersten moderieren. Mit Ellen Ehni sprach Maja Lendzian Fernseh-Chefredakteurin Ellen Ehni über die WDR-Bericht- erstattung zur Europawahl Keine Schwarz- Weiß- Malerei Ellen Ehni ist seit dem 1. September 2018 Chefredakteurin Fern- sehen im WDR. Foto: WDR/Fußwinkel Titelthema 15 14 Titelthema

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