WDRprint Mai 2019

35 34 Produktion Produktion Taschengeld bei Dreharbeiten dazuzu- verdienen. Diese Film- und Theaterleute haben mich ernst genommen, die waren spielerisch unterwegs, leidenschaftlich und a bisserl verrückt. Meine Faszination für das „Bild“ entwickelte sich erst durch die Lehrjahre bei meinen Meistern Xaver Schwarzenberger und Robby Müller. Mit Dominik Graf haben Sie zwischen 1992 und 2005 acht Filme gedreht. Wie hat sich die Zusammenarbeit ergeben? Dominik gab ein Regie-Seminar an der Deutschen Film- und Fernsehakade- mie Berlin. Eigentlich war ich als Regie- Student angemeldet, da jedoch sein DOP ausfiel, zeigten alle auf mich, und ich über- nahm notgedrungen die Kamera-Arbeit. 14 Tage später rief Graf an: „Willst du mit mir einen Filmdrehen, deutsch-italienisch- französische Produktion mit Götz George in der Hauptrolle?“ Ich bin natürlich ausge- flippt vor Freude. Das habe ich später noch einmal mit Wim Wenders erlebt, als ich mit Robby Müller „Bis ans Ende der Welt“ drehen durfte. Bei Graf drehten wir immer „auf Schnitt“. Keine Szene durchspielen und aus verschiedenen Winkeln fotogra- fieren, sondern die Szene, den Text auftei- len und wie in einer Küche die Gewürze zum richtigen Zeitpunkt verwenden. Eine Erzählrezeptur. Das war eine super Zeit mit einem super Regisseur! Davon profitiere ich noch heute. „Der Felsen“ hat unter anderemwegen Ihres Umgangsmit der Digitaltechnik für viel Auf- sehen gesorgt. Auch „Homevideo“wurde für die innovative Kamera-Arbeit hoch gelobt. Inwieweit treibt SiederWille zur Innovation? „Der Felsen“ ist mein persönliches Masterpiece, aber ichnehmemir Innovation nicht vor. Erfundenhabe ichnochnie etwas! Es geht um das Hinterfragen von gesetzten KonstantenbeiderWahrnehmungvonfilmi- schen Mitteln. Und um die Aneinanderrei- hung vonEinzelbildernundderenWirkung. Das impliziert die Montage und damit die Dramaturgie eines Films. Wie stehen Sie zu den gestalterischen Mög- lichkeiten, die die Technikmittlerweile bie- tet –zumBeispiel computergenerierteBilder? Die Möglichkeit, vorhandene Archi- tekturen zu verändern, Räume hinzuzufü- gen, Geometrien und Winkel zu modulie- ren, Perspektiven aufzubrechen – das kann eine große optische Lust beim Betrachter auslösen. Wir bauen uns unsere eigenen Welten. Faszinierend. Natürlich sieht dann das Arbeitsverhältnis zwischen Szenenbild, Visual Effects und DOP anders aus. Alle Bil- der sind Kompositionen, bestehen aus ver- schiedenen Layern. Nur wenn der DOP der CEOdes Bildes bleibt, ist diese künstlerische Kette nicht perforiert. Sie haben unlängst für „Patient Zero“ in den USA gedreht. Wie arbeitet es sich dort im Gegensatz zu Deutschland? Ich hatte einen Vertrag, der galt von Montag bis Freitag, dann kam der Produ- zent, zeigtedenDaumenhochund ichdurfte weitermachen. Hire andfire! Samstags habe ich die neuen Studiosets vorgeleuchtet und michmit demRegisseur abgesprochen. Das Arbeiten im „continuous day“, also zehn Stunden ohne Pause, mit flying lunch ist auch anspruchsvoll. Zwar dreht man dann Vier WDR-Produktionen ge- hen ins Rennen um den re- nommiertesten Preis für Bild- gestaltung im deutschspra- chigen Raum. Die Filmeditorin Monika Willi überzeugte die Jury mit ihrer Arbeit für Wolfgang Fischers „Styx“ (WDR/ARTE). In dem Kinofilm wird Not- ärztin Rike (Susanne Wolff) bei einem Segeltörn zur Zeu- gin des Schiff bruchs eines Flüchtlingsbootes. Für den Schnitt von „The War On My Phone“ (WDR/DW) ist Janine Dauterich nominiert. Der Dokumentarfilm portraitiert syrische Geflüchtete, die über ihre Handys mit ihren Freun- den und Verwandten in den IS-Kriegsgebieten verbunden sind. Der Kameramann Bern- hard Keller sowie der Filme- ditor Stefan Stabenow dürfen sich für ihre Arbeit an „Unser Kind“ (WDR) Hoffnungen auf einen Preis machen. In dem Fernsehfilm kämpft eine Frau nach demUnfalltod ihrer Lebensgefährtin um das Sor- gerecht ihres Kindes. Für die Kamera bei „Donya – Unter- wegs im Westen: Sex gegen Geld“ (WDR) könnte Max vonMatthiessen den Preis mit nach Hause nehmen. Die Verleihung des 29. Deutschen Kamerapreises fin- det am 10. Mai imKölner Tanz- brunnenstatt.DurchdenAbend führt Marco Schreyl. EB Die WDR- Nominierten für den Deutschen Kamerapreis „Provozierend, emo- tional, stilbildend“, urteilt die Jury des Deutschen Kamera- preises über seine Bildsprache. Ein Interview mit dem Ehrenpreisträger Benedict Neuenfels. „Ich habe in all meinen Filmen eine Auto- renschaft übernom- men, wie alle meiner Zunft.“ DEN ZUSCHAUER VERFÜHREN Benedict Neuenfels Der Sohn des Regisseurs Hans Neuenfels und der Schauspielerin Elisabeth Trissenaar absolvierte seine Lehrjahre bei den Kameralegenden Xaver Schwarzenberger und Robby Müller. Der 53-Jäh- rige arbeitete mit nam- haften Regisseur*innen wie Wim Wenders, Stefan Ruzowitzky, Nina Grosse, Maria Schrader und Dominik Graf. Der von ihm bildnerisch gestaltete Film „Die Fälscher“ wurde 2008 mit dem Oscar ausgezeich- net. Zuletzt arbeitete er an dem weltweit beachteten Flüchtlingsdrama „Styx“. Foto: WDR/Görgen WDR FERNSEHEN MO / 13. Mai / 22:40 - 0:15 29. Deutscher Kamerapreis wirklich nur zehn Stunden, aber für diese Zeit muss alles vorbereitet sein. Bei meh- reren Kameras, VFX und viel Studiolicht im Einsatz ist das aufwändig. Andererseits genießen DOPs eine große Wertschätzung, mein Etat ist um ein Vielfaches höher als in Deutschland. Meine „Effizienz“, die ich aus Deutschland mitbrachte, erfuhr hingegen wenigerWertschätzung,weil danndieAngst herrscht: Er spart am Bild. Interessant! Wie haben sich die Anforderungen an Bild- gestalter in den letzten 20 Jahren verändert? Unter dem Aspekt „Produktion“ ist es offensichtlich und nicht überraschend: mehr Content in weniger Zeit. Was die vorhandenen Technolo- gien angeht, wirkt es wie ein Paradies. Ich kann auf Filmmaterial von acht bis 65 Millimeter drehen, auf Highend-Digitalkameras mit hohen Auflösungen, Smartphones, Fotokame- ras, 3 D, das alles ist mög- lich. In einer globalen Welt müssen wir uns an Milliarden Bildererzäh- ler gewöhnen. „Zauberer“ sind wir keine mehr, das ist und bleibt einzig der Schneideraum. Was möchten Sie der jun- gen „Generation Smart- phone“ mitgeben? Dass der Satz „What you see is what you get” ungültig sein muss. Filmische Geschichten sind wunderbare Illusionen, die Zeit anders erzählen, als wir sie imAll- tagwahrnehmen. Stellt das Offensichtliche in Frage und schaut hinter das Bild, ohne Regeln oder Grenzen. Es geht umdie Frage: Wie kann ich den Zuschauer verführen? Mit Benedict Neuenfels sprach Ulrike Toprak SiewehrensichgegendieBerufsbezeichnung des Kameramanns. Wo verorten Sie sich? Bildgestalter ist ja auch ein unglück- licher Begriff, formuliert aber zumindest den Gestaltungsaspekt. In Deutschland wird Kameramann primär als technischer Beruf verstanden, nicht als künstlerischer, in dem eine Autorenschaft übernommen wird. Film ist Teamarbeit, undwir sind ver- antwortlich für alle Elemente, aus denen eineBildzusammengesetztwird. Überhaupt ist die Lichtsetzung, damit dieAtmosphäre, das Raumgefühl, Nähe, Entfernung dieser gestalteten Welt ausschließlich das Werk der DOPs. Haben Sie schonmal, nur in Ihrer Vorstellung, einenRaumausgeleuchtet?Wir DOPs tun das! In den meisten Ländern der Erdewird unser Beruf mit der Bezeichnung Regisseur verknüpft: directeur de la photo- graphie, direttore de la fotografia oder – und das ist für mich die richtige Bezeichnung – Director of Photography. Sie kommen aus einer berühmtenTheaterfa- milie. Was hat Sie zum Film gebracht? Meine Mutter drehte viele Filme, vor allem mit Rainer Werner Fassbinder. Bei uns gingen die Filmleute ein und aus. Da lag es nahe, als Statist oder „helping hand“

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