WDRprint Mai 2019

Ich kannte Peter Boehringer bis vor Kurzemnicht. Dabei hat er imBun- destag einwichtiges Amt inne: Er ist Vorsitzender desHaushaltsausschusses, und der kontrolliert die Finanzpolitik der Regierung. Grund genug, Peter Boehringer zum Interview über die neuen Pläne des Finanzministers ein- zuladen, fandenwir imARD-Morgenmagazin. Allerdings: Der Mann gehört zur AfD. Missbraucht er vielleicht unsere Sendezeit für fremdenfeindliche Aussagen? Oder macht er brav und bieder ganz vergessen, wie sehr seine Parteifreunde Gauland undHöcke das Klima imLand vergiften?Wir haben das diskutiert und Peter Boehringer dann eingeladen. Wir wollten wissen, wie sich der AfD-Mann die Finanzierung der Zukunftsaufgaben vorstellt, ob seine Partei nicht nur Alternative heißt, sondern auch eine anbietet, wie überzeugend ihr wichtigster Haushaltspolitiker argumentiert. Unsere Zuschauer sollten sich auch darüber ein Bildmachen können, nicht nur über die Forderungen der AfD in der Flüchtlingspolitik. Habenwir deshalb keine klare „Haltung“ gegenüber der AfD? Immerhin ignorieren deren Vertreter zum Teil in eklatanter Weise Werte, denen der WDR verpflichtet ist. Das WDR-Gesetz verlangt von uns ausdrücklich die Förderung der europäischen Integration – die stellt die AfD aber in Frage. Auch das „diskriminierungs- freie Miteinander“, das wir befördern sollen, ist mit Äußerungen wie denen über „Kopftuchmädchen und alimentierteMessermänner“ von AfD-Chefin AliceWeidel schwer vereinbar. Und doch ist diese Partei in demokratischen Wahlen zur stärksten Oppositionskraft im Bundestag geworden. Sie stellt auch einenVertreter imWDR-Rundfunkrat.Wir können sie nicht ignorieren. Da, wo vorschnell Meinung gemacht wird, sollten wir zweifeln. Wir haben uns in den letzten Monaten in unserem Programmbereich intensiv mit der Frage befasst, was wir unter journalistischer „Haltung“ in Zeiten des wachsenden Populismus und der grassierenden Lügenpropa- ganda verstehen. Wir haben die Forderung nach einem „werteorientierten Journalismus“ genauso diskutiert wie den Ruf nach mehr „Neutralität“. Wir haben uns Beispiele für den Umgang mit populistischen Parteien und Politikern in unserem Programm angesehen und noch einmal hinterfragt. Undmit demORF-Kollegen ArminWolf hattenwir einen beeindruckenden Gast. Wolf gab uns Einblicke in den Journalistenalltag eines Anchormans, der sich täglich mit einer populistischen Partei in der Regierung ausein- andersetzen muss. Seine Interviews mit Vertretern der FPÖ sind zum Teil Hits auf Youtube: Nicht, weil er die Partei verteufelt oder ihre Anhänger verunglimpft. Er fragt. Neugierig, hartnäckig, gut vorbereitet. Die FPÖ, sagt er, sei für ihn grundsätzlich eine Partei wie andere auch. Nur neigten ihre Vertreter stärker zu unwahren Behauptungen – das erfordere eine besonders gründliche Vorbereitung. Es sei nicht sein Ziel, Menschen von derWahl der FPÖ, abzuhalten. Er wolle einfach gutes journalistisches Handwerk liefern. Aber dieses journalistische Handwerk wird schwieriger in einer Zeit, in der Zusammenhänge komplexer und Rufe nach simplen Erklärungen lauter werden. Da hilft es uns nur bedingt, in einemwerteorientiertenUnternehmen zu arbeiten. Denn das WDR-Gesetz sagt uns nicht, dass wir eine bestimmte Art der Flüchtlingspolitik gutheißen müssen. Auch nicht, dass wir Bioge- müse toll und Atomraketen schlimm finden sollen. Wie wir unserem Auf- trag gerecht werden, müssen wir jeden Tag neu entscheiden und dabei auch in Kauf nehmen, Wahrheiten von gestern im Licht einer neuen Zeit noch einmal zu hinterfragen. Wohlgemerkt: imLicht einer neuen Zeit, nicht eines neuen Zeitgeistes. Denn der wird allzu oft von Meinungsfabriken befeuert – PR-Agenturen, Social-Media-„Influencern“, Selfmade-Youtubern. Da, wo vorschnell Meinung gemacht wird, sollten wir zweifeln, und die Gründe für dieZweifelmit unseremPublikumgut recherchiert undnachvollziehbar teilen. Wir müssen nicht vorgaukelnmehr zu wissen, als wir wirklich wissen. Aber wir sollten diejenigen besser verstehen lernen, denen die großen Ungewiss- heiten unserer Zeit mehr zu schaffen machen als uns selbst. Populismus: VortäuschungeinfacherAntwortenauf komplizierteFragen. Wenn ich an Europa denke, denke ich an grenzenlose Reisen und die Chance, in unseren Nachbarländern zu studieren und zu arbeiten. Ich habe kürzlich für das »Morgenmagazin« mit einem Binnenschiffer über Europa gesprochen. Der dachte andie vielenFlüchtlinge, undobwir das alles stemmen könnten. Und an die Umweltvorschriften, die ihn sein Schiff kostenwürden, sollte er dieMotornachrüstung nicht mehr bezahlen können. Der Mann war weder Rechtspopulist noch Antieuropäer. Er war nur verunsichert. Manchmal bin ich das auch. Ich habemir vor ein paar Jahren imGlauben an seine angeblich guten CO2-Werte einen Euro 5 Diesel gekauft. Dessen Wert kann ich jetzt komplett abschreiben und darf vielleicht demnächst nicht mehr in die Kölner Innenstadt fahren. Der Unterschied zum Binnen- schiffer: Bei mir ist das Problem ärgerlich, bei ihm existenzbedrohend. Ich bin trotzdem der Überzeugung, dass strengere Umweltnormen zur Klima- rettung nötig sind, aber wir müssen auch begreifen, dass sie unser Publikum sehr unterschiedlich treffen können. Sonst glauben zu viele bereitwillig denen, die den Klimawandel als eine Erfindung selbstgerechter grün-linker Ideologen darstellen. Populismus ist nicht per se rechts oder links. Er ist die Vortäuschung ein- facher Antworten auf komplizierte Fragen und Sachverhalte. Es ist zu wenig, ihm mit „Haltung“ zu begegnen. Wir müssen vielmehr fragen, nachfragen, hinterfragen– undoffenlegen, was offenbleibt. Damit zurück zumAnfangund zur AfD. Das Interview mit Peter Boehringer war unspektakulär. Ob er sich als fähiger Finanzpolitiker gezeigt hat, sollen die Zuschauer entscheiden. Aber vielleicht haben wir zum Auf- stieg seiner Partei – ohne es zu wollen – sogar etwas beigetra- gen, alswirwährendder Flücht- lingskrise amviel zitierten „wir schaffen das“ nicht genug qua- lifizierte Zweifel zugelassen haben. Wir sollten die Sorgen unserer Zuschauer, Hörer und User ernst nehmen – und uns nicht über sie erheben. „Wir müssen fragen, nach fragen, hinterfragen.“ Was ist unter journalistischer „Haltung“ in Zeiten des Populismus zu verstehen? Ein Essay von Michael Strempel Foto: WDR/Fußwinkel Michael Strempel (53) war als Korrespondent für den WDR in Berlin, Brüssel und Paris. Er leitete von 2012 bis 2016 die Programm- gruppe Europa und Ausland und arbeitet jetzt für das »ARD Morgenmagazin«. Zum Thema „Haltung im Journalismus“ hat er mit Isabel Schayani eine Diskussionsreihe initiiert. stock.adobe.com 37 36 Essay Essay

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