WDRprint Juni 2019

Sport 27 26 Sport Wenndie deutschenFußballfrauen am8. Juni zumAuftakt der Weltmeisterschaft auf China treffen, feiert das „Dream-Team“ derARDeinkleines Jubiläum: Seit zehn JahrenmoderiertWDR- ReporterClausLufenmit der ehemaligenNationalspielerinNia Künzer als Expertin dieAuftritte der Frauenfußball-National- mannschaft bei Europa- undWeltmeisterschaften. Am25. Juli 2009 begrüßten sie erstmals gemeinsamdie Fußballfans zum Länderspiel Deutschland gegen die Niederlande. Christian Schyma sprach mit dem Duo, das die WM im »Sportschau«- Studio des WDR in Köln moderiert. Wie würden Sie Ihren Umgang miteinander beschreiben, was schätzen Sie besonders an ihren Moderationskollegen? NIAKÜNZER: Wir kennen uns schon so lange, das macht es natürlich sehr angenehm. Claus ist Profi durch und durch, seine journalistische Arbeit bewundere ich. Er präsentiert viele Themen hinter den Fakten, arbeitet sehr professionell. In jeder Situation bleibt er ruhig, auch wenn‘s mal hektisch wird – das merkt auch der Zuschauer. Claus ist mei- nungsstark, kann aber auch mal schweigen. CLAUS LUFEN: Wir haben einen sehr freund- schaftlichen Umgang mit- einander, für uns sind die Moderationen mehr als nur Arbeit. Man kann Nia alles fragen, sie will und kann zu allem etwas sagen. Sie hat eine klare Meinung, die auch mal kritisch sein kann – ohne Spielerinnen oder Trainerin- nen persönlich zu beleidigen. Das ist eine wichtige Gabe. Wer ist denn von Ihnen nervöser vor einer Sendung undwie äußert sich das? Sind Sie da eher locker oder hoch konzentriert? NIA KÜNZER: Na ja, angespannt bin schon eher ich. Für mich sind die Moderationen auch nicht alltäglich. Wir lachen viel, das lockert auf. Claus hat immer die Fäden in der Hand, da bekomme ich nie das Gefühl, etwas könnte schiefgehen. Vor dem Spiel ist dieModeration am ehesten planbar, in der Halbzeit muss man flexibel sein, und nach der Partie ist oft Freestyle das Motto. Also ist auch die Konzentration unterschiedlich. Uns verbindet die Leidenschaft für den Fußball. CLAUS LUFEN: Natürlich versuche ich, Nia die Nervosität zu nehmen. Oft hilft es, etwas Lockerheit in das Gespräch zu bringen. Da können wir uns auf den anderen verlassen. Wie bereiten Sie sich auf ein Event wie die Weltmeisterschaft vor? NIA KÜNZER: Ich lese viel, schaue mir Streams an. Die gro- ßen Fußballnationen kennt man, bei Teams wie China wird die Recherche schon schwieriger. Über die Top-Spielerinnen weiß man Bescheid, daneben gibt es auchDatenbanken. Wenn dieWM dann läuft, kriegt man ein Gespür für die Teams. Und mit dem Turnier wächst auch das Wissen. Das Dream-Team der ARD CLAUS LUFEN: Anders als bei denMännern gibt es deutlich weniger Informationen. Man muss sich alles selbst aneignen. Einen Teil findet man in Datenpapieren und Statistiken. Seit eini- gen Wochen sammele ich in einem Ordner alle Presseberichte, da kommen rund 100 Zeitungsartikel zusammen. Dazu kommt die Online-Recherche. AmEnde hängt es von uns ab, ob das Spiel für die Zuschauer interessant wird. Erstmals kommt dieModeration aus demWDR-»Sportschau«-Studio statt aus dem Stadion. Welchen Unterschied macht das? NIAKÜNZER: Die Atmosphäre kannman nicht vergleichen, in Frankreich gibt es eine ganz tolle Stimmung in den Stadien. Aber vielleicht sind wir ja doch noch mal draußen – wenn die deutschen Frauen das Finale erreichen. CLAUS LUFEN: Für uns ist das eine ganze neue Situation. Die Moderation fällt leichter, wenn man im Stadion steht. Im Studio fehlt einfach die Atmosphäre. In Deutschland haben wir bei den Ligaspielen im Schnitt 800 Zuschauer, in Madrid waren es zuletzt bei einer Partie 60.000 Fans. Boomt der Frauenfußball in anderen Ländern mehr als in Deutschland? NIA KÜNZER: Madrid war ein dickes Ausrufezeichen, aber auch hier hat sich der Frauenfußball extrem entwickelt. Nach der Heim-WM 2011 gab es einen Hype, jetzt ist der Alltag wieder ein- gekehrt. Trotz der Ausnahmestellung des VfLWolfsburg habenwir eine starke Bundesliga, in den vergangenen 15 Jahren haben wir eine große Entwicklung erlebt. Und heute ist es doch völlig nor- mal, dassMädchen Fußball spielen – das ist der größte Fortschritt. CLAUS LUFEN: Das sind punktuelle Highlights, in den europäischen Ligen kommen nicht regelmäßig so viele Zuschauer. Doch der Frauenfußball in Europa ist erwacht, die Länder holen auf. In Deutschland gab es schon Ende der 80er professionelle Strukturen. Letztendlich steht und fällt aber auch hierzulande fast alles mit Sponsoren. Wie hat sich der Frauenfußball technisch und taktisch entwickelt? NIA KÜNZER: Es ist fast eine neue Sportart, das Spiel ist viel athletischer und dadurch schneller geworden. Technisch und taktisch sind die Spielerinnen viel besser ausgebildet. CLAUS LUFEN: Frauenfußball hat eine tolle Entwicklung gemacht, technischwie taktisch, mit Umschalten und Pressing. Es gibt auch eine junge Trai- nergeneration, die neue Ideen hat. Genauso wich- tig ist aber auf der anderen Seite, dass es Menschen gibt, die sich wie Nia als Unicef-Botschafterin für Mädchenfußball-Projekte beispielsweise in Afrika engagieren – und für die Rolle der Frau in diesem Sport kämpfen. Erstmals gibt es bei einem großen Frauenfußball-Tur- nier den Videobeweis. Welchen Einfluss hat das auf das Match? NIA KÜNZER: Frauen diskutieren weniger mit Schieds- richtern als Männer. Viel wird das auch von der Qualität der Unparteiischen abhängen. Auf längere Sicht könnte ein neues Gesprächsthema auf uns zukommen. CLAUS LUFEN: Das ist abhängig von den Schiedsrichterin- nen, die international oft jetzt schon nicht mit der Schnelligkeit immodernen Frauenfußball mithalten. Frauen lamentieren aller- dings nicht so viel auf dem Platz. Was können wir vom deutschen Team erwarten? NIAKÜNZER: DasWeiterkommen in der Gruppe ist Pflicht, danach hängt es davon ab, auf wen das Team von Trainerin Martina Voss-Tecklenburg trifft. Insgesamt freue ich mich auch auf die tolle Stimmung in den Stadien. Mal sehen, ob Frankreichs Frauen es den Männern gleichtun. CLAUS LUFEN: Alles ist möglich, das Team ist jung, tech- nisch gut und kann jeden schlagen. Die Stadien werden voll sein. Ich freue mich vor allem auf die technisch starken Französinnen. „Heute ist es völlig normal, dass Mädchen Fußball spielen. Das ist der größ- te Fortschritt.“ Nia Künzer „Das deutsche Team ist jung, technisch gut und kann jeden schlagen.“ Claus Lufen „Wir lachen viel, das lockert auf!“ Ex-Nationalspielerin Nia Künzer und Sportreporter Claus Lufen bei der Arbeit. Foto: WDR/Grande

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