WDRprint Juni 2019

29 28 WDR online „Anne lebte sehr intensiv, sie wollte alles ausprobieren. Das fand ich toll, denn so war ich gar nicht“, erinnert sich Jacque- line vanMaarsen, genannt Jacque. Sie hatte Anne auf dem jüdischen Gymnasium in Amsterdamkennengelernt. Dorthinwar die Familie Frank vor den Nazis aus Deutsch- land geflüchtet. Doch 1940 besetzen die Deutschen die Niederlande. Fortan müssen Juden einen Stern tragen, dürfen weder Fahrrad noch Straßenbahn fahren, nicht ins Kino oder Theater gehen … Freundin Hanneli Im Juli 1942 entziehen sich die Franks der Deportation und leben zwei Jahre lang in einer geheimen Wohnung im Hinter- haus eines Bürogebäudes. Annes Freun- dinnen wähnen sie bei ihrer Großmutter in der Schweiz. „Ichwar mir sicher, dass sie dort mit der Oma Schokolade isst“, erzählt Hannah Goslar, genannt Hanneli, eben- falls deutsche Jüdin und mit ihrer Familie inAmsterdamgestrandet. „Gestern vor dem Einschlafen standmir plötzlichHanneli vor Augen“, schreibt Anne in ihrem Versteck in ihr Tagebuch. Sie leidet darunter, ein- gesperrt zu sein, und schämt sich dafür. Sie befürchtet, dass ihre Freundinnen ein schlimmeres Schicksal ereilt hat. Letzte Begegnung im KZ Jacque bleibt als „Halbjüdin“ von der Deportation verschont, sie lebt noch heute in Amsterdam. Hannah wird in das KZ Bergen-Belsen verschleppt. Hier kommt es Anfang 1945 zu einer letztenBegegnungmit Anne, deren Familie im August 1944 ent- deckt und verhaftet wurde. Eindrucksvoll berichtet die heute in Jerusalem lebende Hannah, wie sie durch einen Zaun mit der Freundin sprach. Kurz darauf starb die 15-Jährige an Hunger und Typhus. „Und als ichwiederAnne gesucht hab’, war alles leer“, erzählt Hannah, „und das ist das Ende der traurigen Geschichte von Anne Frank, die nie jemandem was Leid getan hat.“ OttoFrank, der einzigeÜberlebendeder Familie, veröffentlicht 1947dasTagebuchsei- nerTochter –dieOpferdesHolocaust bekom- meneinGesicht:daseinesheranwachsenden, fröhlichen und nachdenklichen Mädchens, das einfach nur lebenwollte. Das Buchwird in 70 Sprachen übersetzt und bis heute 30MillionenMal verkauft. Das Versteck der Familie Frank in der Prinsengracht 263 ist heuteeinMuseum. ZahlreicheBücher, Filme, Theater- und Musikstücke sowie Kunst- werke haben sich mit dem Schicksal Anne Franks auseinandergesetzt. 170.000 Downloads Der WDR-Redakteur Klaus Geiges, die Autorin Stefanie Vollmann sowie der Kameramann und beratende Dra- maturg Gerardo Milsztein haben nun die Geschichte „Meine Freundin Anne Frank“ für die App „WDR AR 1933-1945“ entwickelt, die sich dem Mythos nähert. Zunächst, soGeiges, schien es ihmvermes- sen, diese große Geschichte noch einmal neu und komprimiert erzählen zu wollen. Bei denRecherchen stellte das Team jedoch fest, dass die beiden Freundinnen noch leben. Vollmann besuchte die mittlerweile 90-jährigen Damen und befragte sie nach ihrer Freundschaft mit Anne Frank. „Das Tagebuch wurde plötzlich lebendig, und wir dachten: Dasmussman in einenDialog bringen!“, so Geiges. Die WDR History App „AR 1933-1945“ holt Zeitzeugen ins Klassenzimmer und macht ihre Erlebnisse mittels Augmented Reality erfahrbar. Nun nähert sie sich dem Mythos Anne Frank durch die Erinnerungen ihrer beiden besten Freundinnen. Im Februar war die vom WDR in Kooperation mit der Hochschule Düssel- dorf und der Firma Lavalabs entwickelte App mit Zeitzeugenberichten von Kriegs- kindern gestartet. Auf dem Handy oder Tablet-Display verschmilzt der reale Raum mit den dreidimensionalen Abbildern der Erzählerinnen undAnimationen zu einem emotionalen Erlebnis. Die App verzeich- tete bisher rund 170.000 Downloads und wurde für den CIVIS-Medienpreis 2019 nominiert. „Normalerweise suchen Dokumen- tarfilmer die Nähe für ein intensives Gespräch“, erklärt Geiges. Die 3D-Aufnah- metechnik für die App erfordere jedoch eine ungewöhnliche Distanz: Die Erzäh- lerinnen werden in einem Sessel von zwei Kameras aufgenommen, die Kommuni- kation läuft über einen Monitor. Dennoch gaben die Freundinnen detailreiche emoti- onale Erinnerungen preis. Diese werden in der App mit den Tagebucheinträgen Anne Franks verwoben. Die computergestützte erweiterte Realität versetzt die User*innen an eine Amsterdamer Gracht oder in die verlassene Wohnung der untergetauchten Familie Frank. „Wir haben eine poetische Bildspra- che gewählt“, erklärt Geiges. „Anne selbst wollten wir nicht ikonografisch erfassen, weil wir das Bild, das sich jeder von ihr macht, nicht beeinflussenwollten.“Deshalb erscheint Anne mit einer Off-Stimme, mit ihrenTagebuchaufzeichnungenals animier- ter Schrift und als eine Art metaphorische Wolke der Erinnerung. Landesweite Tour durch Schulen ZurTeilnahme andemProjekt hat dieFreun- dinnenlautGeigesbewogen,dassdasAngebot sich vor allem an Schüler*innen wendet. Ab 11. Juni wird die Geschichte der Anne Frank in der kostenlosenApp „WDRAR 1933-1945“ veröffentlicht. Eine vorläufigeVersionwurde bereits im Mai auf der Digital-Konferenz re:publica inBerlineinemsehr interessierten pädagogischenFachpublikumvorgestellt. In Zusammenarbeit mit »Planet Schule«, dem gemeinsamenSchulfernsehenvonWDRund SWR, entstand begleitendesUnterrichtsma- terial. Noch vor den Sommerferien will das RedaktionsteamlandesweitdurchvieleSchu- len touren, umdieAnwendung vorzustellen. Christine Schilha EINTAGE- BUCHWIRD LEBENDIG Hannah Goslar überlebt das KZ Bergen-Belsen, wo sie Anne zum letzten Mal sieht „Anne lebte sehr intensiv, sie wollte alles ausprobieren.“ Freundin Jacqueline van Maarsen Anne und ihr Vater Otto (Mitte) auf dem Weg zur Hochzeit ihrer Freunde Miep und Jan Gies im Juli 1941. Ein Jahr später taucht die Familie Frank in Amsterdam unter, bis sie verraten wird. Foto: INTERFOTO

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