WDRprint Juni 2019

Foto: WDR/Jacobi 43 Berufsbilder 42 „Ein jedes Wort findet seine Ohren. Und auch die rechten Parolen am Rohbau des neuen Ratinger Rathau- ses sind nicht hinter ihren Abdeckungen geblieben – und haben es in die Öffentlichkeit geschafft.“ Ein starker O-Ton von Görge Hasselhoff, evan- gelischer Pfarrer im Ratin- ger Stadtteil Lintorf, findet Raphael Boch. Eigentlich hatte er die Reportage imKopf schon anders gebaut. Doch bei Sich- tung des Drehmaterials um kurz nach 16 Uhr kommt ihm eine bessere Idee für den Einstieg in seine Geschichte: „Ich gehe direkt mit HasselhoffsWorten rein. Es sind einfach die stärksten und aussagekräftigsten.“ Boch ist an diesem Montag im Mai Tagesreporter für die »Lokalzeit Düsseldorf«. Am Wochenende lief eine Pressemittei- lung der Polizei Mettmann über den Ticker: An den Rohbau des neuen Ratinger Rathauses haben Unbekannte rechte Parolen gesprüht. Sogar der Staatsschutz ermittelt. „Dahinter könnte mehr stecken, Raphael“, sagt Planungs- redakteurin Renate Bollmann. Es ist 9.15 Uhr, Zeit für die tägli- che crossmediale Morgenkonferenz. „Recherchiere die Sache in Ratingen mal an – und gib mir Bescheid.“ Raphael Boch greift direkt zumHörer. Telefonat mit der Poli- zei in Mettmann: „Ah o.k., wahrscheinlich auch Schmierereien im Gebäude – kein O-Ton von Seiten der Polizei – sehe ich völlig anders, aber gut. AufWiederhören.“ Der Journalist ist elektrisiert: „Das ist die Geschichte für unsere heutige Tagesreportage. Das steht fest.“ Und wählt die nächste Nummer. Die Pressesprecherin des Ratinger Bürgermeisters nimmt ab. Die Sache stimmt. Von Beschädigungen im Rathaus selbst wisse sie allerdings nichts. O-Ton mit dem Verwaltungschef und ob überhaupt gedreht wer- den kann, will sie abklären. Der Tagesreporter ist erst einmal ausgebremst. Für den Notfall: Stehsatz Boch – seit 2014 freierMitarbeiter der »Lokalzeit Düsseldorf« – bleibt trotzdem ruhig. Er recherchiert sicherheitshalber einwei- teres Thema aus der Morgenkonferenz an – Vandalismus in Städ- ten und Gemeinden –, falls es mit Ratingen nichts werden sollte. Oft ist der Bericht des Tagesreporters der Aufmacher der Sendung. „Mein Anspruch an mich ist, dass ich jeweils die Tagesreportage rundbekomme. Ich persönlich habe es auch noch nicht erlebt, dass ich nicht abliefern konnte“, sagt der 35-Jährige. Sollte das irgendwann doch einmal der Fall sein – am Thema ist wirklich nichts dran oder man findet partout keine Zitatgeber – gibt es aber auch eine Art „Stehsatz“ mit zeitlosen Stücken, die gesendet werden können. Eine gewisse Beruhigung. Es ist halb zwölf. Das Gespräch mit der Pressesprecherin des Ratinger OBs liegt gut zwei Stunden zurück. Kein Rückruf. Der Tagesreporter berichtet, wenn etwas Spannendes vor Ihrer Haustür passiert. print- Autor Tobias Zihn begleitete Raphael Boch (35) bei seinem Einsatz für die »Lokalzeit Düsseldorf«. Boch versucht es nochmal: „O.k. – kurzes Zeitfenster – Parolen sind abgedeckt? Wieso? – O.k., wir kommen trotzdem.“ Boch gibt Planungsredakteur in Renate Bollmann und Petra Krings, der Sendeverantwort- lichen, Bescheid, informiert Kameramann Matthias Kopatz und Tontechniker Paul Zinke und sitzt schon zehn Minuten spätermit seinemTeam imAuto auf demWeg nach Ratingen. Raphael Boch ist am Rat- haus angekommen. Die Schmie- rereien sindwie angekündigt mit Malerflies abgedeckt. Direkt auf der Baustelle darf nicht gedreht werden. Das erlaubt die Baufirma nicht, die bis zur Übergabe des neuen Rathauses an die Stadt auch darüber entscheiden kann. Bürgermeister Klaus Pesch steht zwar Rede und Antwort, doch die Zitate reichen noch nicht für einen guten Film. Boch: „Das Ganze trägt noch nicht.“ Thema größer aufziehen Also doch zum ersten Mal Rückgriff auf den Stehsatz? Der Reporter erinnert sich an einen seiner Berichte aus dem vergan- genen Jahr: In Ratingen-Lintorf gab es antisemitische Sprüche auf Schaufensterscheiben. Und jetzt schonwieder Ratingen. Vielleicht formiert sich eine entsprechende Szene in der Stadt? Boch zieht das Thema größer auf und fährt zur evangelischen Kirchengemeinde Lintorf-Angermund. Pfarrer GörgeHasselhoff organisierte damals eine Lichterkette mit über 2.000 Teilnehmer*innen. Hasselhoff hat sofort Zeit und empfängt das WDR-Team in seiner Kirche. Zurück im Funkhaus, sichtet Boch das aktuelle Drehmaterial und recherchiert die Archiv-Bilder aus Ratingen, bevor es in den Schnitt mit Cutterin Kerstin Richter geht. 19.30Uhr »Lokalzeit Düsseldorf«: „Ein jedesWort findet seine Ohren.“ Wie werde ich Tagesreporter*in? „Morgens ist noch alles offen. Vielleicht ste- hen die Tagesreporter*innen eine Stunde später schon in einem Krankenhaus oder auf einem Acker. Flexibilität und Belastbarkeit sind Kernanforderungen; oft bleibt nur wenig Zeit von der ersten Idee bis zur Sendung. Tagesreporter*innen müssen also viel Routine mitbringen und versiert in der Recherche sein. Zu jedem Thema müssen sie einen Zugang fin- den, im besten Sinne Allrounder*innen sein. Angefangen haben viele Kolleg*innen bei Zei- tungen oder im Radio. Aber nur wer über Jahre Erfahrungen damit gemacht hat, spannende Geschichten unter Zeitdruck gekonnt zu erzählen, wer den empathischen Umgang mit verschiedenen Menschen beherrscht und sich als Teamworker bewährt, kann Tagesreporter*in werden. Redakteurin Daniela Seiler Einer von uns: RAPHAEL BOCH Einsatz in Ratingen. Tages- reporter Raphael Boch mit seinem Team: Kamera- mann Matthias Kopatz und EB-Techniker Paul Zinke. Foto: WDR/Dahmen

RkJQdWJsaXNoZXIy NTQ3NzI=