WDRprint Juli/August 2019

58 Musik Im August 1969 fand auf einer Wiese, 100 Meilen von New York entfernt, ein Hippie-Festival statt, von dem in Europa zunächst niemand Notiz nahm: „Woodstock Music & Art Fair presents An Aquarius Exhibition – Three Days of Peace and Music“. Erst der Dokumentarfilm und der Soundtrack machten „Woodstock“ weltberühmt. WDR 4-Redakteur Tom Petersen und »Rockpalast«-Redakteur Peter Sommer waren damals gerade elf und zwölf Jahre alt, aber Fans der Ersten Stunde. Christian Gottschalk sprach mit ihnen über Musik und Mythos. Was ist das Erste, das Ihnen zu Woodstock einfällt? TOM PETERSEN: Eigentlich versank alles im Chaos, und wie durch ein Wunder konnten sehr viele Menschen friedlich miteinander leben. PETER SOMMER: Totale Jugendliebe. Ich war zwölf und habe dieMondlandungmitbekommen, aberWoodstock nicht. Als dann die Platte rauskam, war ich sofort verliebt. Kurz drauf sah ich den Film „Three Days of Peace andMusic“. Da war ich 14 oder so. Mein Kumpel und ich haben kackfrech denMädels gegenüber behauptet: „Wir waren da inWoodstock bei diesemFestival.“ Das Dolle ist: Die haben das geglaubt. Wir waren die Helden! PETERSEN: Ich komme aus Holstein, wir hatten ja unser eigenesWoodstock, ein Jahr später auf Fehmarn, als Jimi Hendrix seinen letzten Auftritt in Deutschland abgeliefert hat. Da wollte ich hin mit zwölf. Meine Eltern haben es mir verboten. Ich war tieftraurig, weil ich dieMusik schon damals super fand. Ichmusste das alles nachholen, durch „Woodstock themovie“ und „Woodstock the Platte“. Film und Platte waren also bei Ihnen beiden die erste Begegnung mit Woodstock? PETERSEN: 1969 hat hier garantiert kein Mensch mitge- kriegt, dass das überhaupt stattgefunden hat. Das kamerst Anfang der 70er. Ich habe recherchiert: Im WDR war Woodstock nicht existent. SOMMER: Wir haben einen »Tagesschau«-Bericht von 1969 gefunden. Der spricht nicht von einem Festival, der spricht nicht vonRock, der spricht nicht vonWoodstock. Diewussten gar nicht, was da los ist. Erst ein Filmmachte „Woo „Damals war alles Neu­ land. So wie Hendrix hat weder vorher noch nach­ her jemand gespielt.“ TOMPETERSEN Was fasziniert Sie an Woodstock? PETERSEN: Damals war alles Neuland. In diesen musika- lischen Gefilden war noch nie jemand gewesen. So wie Hendrix hat weder vorher noch nachher jemand gespielt. Oder Santana mit ihren Rhythmen – das war völlig neu. SOMMER: Es war eine andere Art zu leben. Wenn ich diese Bilder sehe, imFilmoder auch das Plattencover, beschleicht mich eine Art von Wehmut. Heute sind alle mit sich und ihren Smart- phones beschäftigt. PETERSEN: Die Musik bedeutete etwas. Für Heranwach- sende wie uns war das eine Weltanschauung. Man konnte sich dadurch wunderbar absetzen, war ein bisschen cooler, wenn man das gut fand. Das war gehobener Musikgeschmack. Die Fotos: WDR/von der Heiden

RkJQdWJsaXNoZXIy NTQ3NzI=